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5.1.2004 | Von:
Stefan Poppelreuter

Arbeitssucht: Massenphänomen oder Psychoexotik?

Arbeitssucht ist eine Krankheit mit verheerenden Folgen nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt. Als "saubere" Sucht wird sie allerdings kaum wahrgenommen.

Einleitung

Von Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher behauptete man, er sei einer gewesen. Phil Collins, weltbekannter Popmusiker, sagt von sich: "Ich bin einer!" Und viele Führungskräfte in Politik, Wirtschaft und Verwaltung reden und leben so, als wären sie gerne einer: ein Workaholic - ein Arbeitssüchtiger. Das Phänomen der Arbeitssucht, das gerne als Produkt unserer leistungsorientierten Industriegesellschaft gesehen wird,[1] wird von manchen belächelt und von anderen als bedrohliches Massenphänomen gesehen. Jüngste Forschungsergebnisse deuten allerdings darauf hin, dass es kaum erstrebenswert ist, arbeitssüchtig zu werden. Die Auswirkungen süchtigen Arbeitens sind vielschichtig und verheerend - nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern auch für sein näheres und weiteres Umfeld, und nicht zuletzt wohl auch für die Gesellschaft insgesamt.





Sigmund Freud wurde einmal gefragt, was seiner Meinung nach ein normaler Mensch können müsse. Er hat kurz und knapp geantwortet: "Lieben und arbeiten." Der Vater der Psychoanalyse hat so die Eckpfeiler des menschlichen Daseins, wenn man so will, den Lebenssinn, skizziert. Und in der Tat besteht heute - zumindest in den westlichen Industrienationen - Einigkeit darüber, dass die Arbeit ein, vielleicht das zentrale den Menschen kennzeichnende Merkmal ist. Wenn man auf einer Party neue Leute kennenlernt und diese bittet, etwas über sich selbst zu sagen, so wird in der Regel der Name, vielleicht das Alter, dann aber sehr bald auch der Beruf genannt. Das, was wir tun, unsere Arbeit, trägt maßgeblich zu unserer Identität, zu dem, was wir sind, bei. Daneben kommen der Arbeit aber noch zahlreiche weitere positive Funktionen zu, die sie für uns als Menschen unentbehrlich macht: Die Erwerbsarbeit sichert unsere Existenzgrundlage, durch das mit Arbeit verdiente Geld können wir am gesellschaftlichen Leben und am Konsum teilnehmen. Die Arbeit vermittelt uns Erfolgserlebnisse und stärkt unser Selbstwertgefühl. Wir demonstrieren in ihr Aktivität und Kompetenz. Durch die Arbeit erhalten wir sozialen Kontakt - nach wie vor wird eine Vielzahl von Freundschaften und Ehen "am Arbeitsplatz" geschlossen. Arbeit strukturiert unseren Tag, unsere Woche, unser Jahr.[2] Der Wegfall von Arbeit, die Arbeitslosigkeit, ist für die Betroffenen nicht nur deshalb so gravierend, weil existenzielle Nöte entstehen. Vor allem die Unstrukturiertheit des Tagesablaufs bereitet Probleme. Ähnliches lässt sich häufig auch beim Eintritt ins Rentnerleben feststellen.

Bei so vielen positiven Effekten der Arbeit wird gerne verkannt (oder verdrängt), dass die Arbeit auch negative Folgen nach sich ziehen kann. Über Gefahren und Risiken am Arbeitsplatz, z.B. durch Maschinen, Lärm, Chemikalien, Lärm und Hitze, wird vielfach berichtet, und zahlreiche gesetzliche Verordnungen und Regelungen sollen dazu dienen, diese Gefahren und Risiken zu minimieren. Stress, Herzinfarkte und Suchtprobleme werden als mögliche Folgen unbefriedigender Arbeitssituationen diskutiert, aber die Annahme, dass ein Zuviel an Arbeit, eine eindimensionale Ausrichtung des Lebens auf die Arbeit, ebenfalls nachteilige Konsequenzen für den Einzelnen, aber auch sein Umfeld und die gesamte Gesellschaft haben kann, wird häufig als prinzipieller Angriff auf grundlegende Norm- und Wertvorstellungen unseres Gesellschaftssystems missverstanden und daher abgelehnt. Die Arbeit als unverzichtbares Fundament für menschliches Wohlbefinden, für Wohlstand und Konsum erscheint unantastbar.[3] "Wir sind", so der Soziologe Bernd Guggenberger, "in den letzten 200 - 300 Jahren so gründlich durch die Schule der Arbeit gegangen, haben uns so sehr mit ihr eingelassen, dass wir kaum mehr über sie hinauszudenken vermögen. Für die meisten von uns gilt, dass sie und ihre Hervorbringungen von unserer ganzen Existenz Besitz ergriffen haben, dass sie das Gesamt unserer Hoffnungen und Sehnsüchte umschreiben. Wir haben nur noch Augen und Ohren für die Arbeit, ihre Erfordernisse und das, was durch sie unmittelbar bewirkt und ermöglicht wird: Konsum, Verzehr ihrer Hervorbringungen."[4] Anders gesagt, wir sind abhängig geworden von der Arbeit, als Gesamtgesellschaft, aber auch als einzelnes Individuum.


Fußnoten

1.
Vgl. Werner Puschmann/Bernhard Wegener, Arbeit: Die Sucht der Angepassten?, in: Suchtreport, 4 (1992), S.29 - 36; Axel Bohmeyer, Workaholismus als Pathologie der Erwerbsarbeitsgesellschaft: http://www.stthomas.edu/cathstudies/cst/mgmt/LE/papers/bohmeyer.htm (03.07.2003); Dieter Henkel, Zur Geschichte und Zukunft des Zusammenhangs von Sucht und Arbeit, in: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (Hrsg.), Sucht und Arbeit, Freiburg 2001.
2.
Vgl. Norbert Semmer/Ivars Udris, Bedeutung und Wirkung von Arbeit, in: Heinz Schuler (Hrsg.), Lehrbuch Organisationspsychologie, Bern 1995.
3.
Vgl. Axel Braig/Ulrich Renz, Die Kunst, weniger zu arbeiten, Frankfurt/M. 2001.
4.
Bernd Guggenberger, Wenn uns die Arbeit ausgeht, München 1988.