Porträt von Louise Otto-Peters auf dem Giebel eines Hauses in der Altstadt von Meissen

15.2.2019 | Von:
Susanne Schötz

Emanzipationsvorstellungen bei Louise Otto-Peters

Louise Otto-Peters war die vielleicht bedeutendste deutsche Feministin des 19. Jahrhunderts.[1] Ihre größte Bedeutung erlangte sie mit der von ihr entscheidend beeinflussten Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) im Oktober 1865 in Leipzig. Diese gilt in den einschlägigen Darstellungen als Geburtsstunde der organisierten Frauenbewegung in Deutschland.[2] Mit dem ADF, dessen Vorsitzende sie bis zu ihrem Tod 1895 war, existierte eine gesamtnational orientierte "Keimzelle feministischer Aktivitäten",[3] die die Gesellschaft des Kaiserreichs nachhaltig herausforderte und veränderte. Von nun an waren die ungleichen Teilhaberechte von Frauen in der bürgerlichen Gesellschaft und Möglichkeiten ihrer Überwindung ein Thema, das aus der öffentlichen Debatte in Deutschland nicht mehr verschwand.

Es kann kein Zweifel bestehen, dass Otto-Peters mittels einer regelrechten Medienoffensive diese Debatte zu beeinflussen suchte. Sofort nach der ADF-Gründung übernahm sie zielstrebig die Herausgabe des 14-tägig erscheinenden Vereinsblattes "Neue Bahnen". Zusätzlich aber publizierte sie im ersten Jahrzehnt des ADF erstmals größere Schriften zur Frauenfrageund zwar fast sämtliche dieser Schriften – und legte zudem ein äußerst umfangreiches schriftstellerisches Werk an Romanen, Erzählungen, Novellen, Gedichten und Opernlibretti vor.[4] Rechnet man neben eigenen Leitartikeln, Berichten und Rezensionen in den "Neuen Bahnen" verschiedene publizistische Beiträge in anderen Zeitschriften sowie ihre Schriften zur Historie hinzu, dann wird man vom ertragreichsten Jahrzehnt ihres publizistisch-literarischen Schaffens sprechen können.[5] Meines Erachtens drückt sich hier der bewusste Versuch Otto-Peters aus, ihre Geltungsansprüche als Sprecherin im Diskurs um die Lösung der sogenannten Frauenfrage durch Präsenz in den Printmedien als den Massenkommunikationsmitteln ihrer Zeit zu stärken. Angesichts konkurrierender Deutungsmuster und Handlungshorizonte zielte sie darauf, das eigene Konzept von Frauenemanzipation nicht nur im ADF bleibend zu verankern, sondern darüber hinaus in den allgemeinen gesellschaftspolitischen Diskurs einzuschreiben und Spuren im politischen beziehungsweise Nationalgedächtnis sowie im kulturellen Gedächtnis zu hinterlassen. In deutlichem Gegensatz zur forcierten Strategie des Einschreibens und Tradierens steht allerdings die bisherige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihrem Emanzipationskonzept. Zumeist standen nur einzelne, den jeweiligen Forscherinnen besonders wichtig erscheinende Aspekte ihres Emanzipationsprogramms im Fokus der Analyse, und ihre in rascher Folge publizierten größeren Schriften zur Frauenfrage blieben nahezu unbeachtet.

Vermutlich hat die Nichtbeachtung beziehungsweise Vernachlässigung der meisten ihrer größeren Schriften dazu geführt, dass zum Teil unklare oder widersprüchliche Auffassungen über das Emanzipationskonzept von Louise Otto-Peters existieren. So betont zwar die Forschung einhellig ihr Engagement für verbesserte Bildungs- und Erwerbsmöglichkeiten sowie für höhere Löhne von Frauen, doch ist strittig, wer die Adressatinnen dieses Programms waren.[6] Unterschiedlich wird auch bewertet, ob sie als ADF-Vorsitzende über den Bildungs- und Erwerbsbereich hinausreichende, weitergehende politische Mitbestimmungsrechte für Frauen einforderte, ja ob sie die Frauenstimmrechtsforderung überhaupt erhob.[7] Mitunter heißt es, dass ihr als langjähriger Vertreterin der deutschen Nationalbewegung die Nationalstaatsgründung von 1870/71 wichtiger gewesen sei als der kriegerische Weg dahin durch Bismarck und unter der Führung Preußens, letztlich habe sie, sozusagen als kleineres Übel, über demokratische Defizite des neu geschaffenen Kaiserreichs hinweggesehen.[8] Darüber hinaus ist von einer politischen Richtungsänderung im ADF nach der Reichsgründung die Rede, verbunden mit einer theoretisch-konzeptionellen Neuorientierung, weg vom Feminismus des Egalitarismus hin zum Geschlechterdualismus.[9] Dies wird als Aufgabe des ursprünglich allumfassenden Gleichberechtigungsziels interpretiert.

In diesem Beitrag werden die von der ADF-Vorsitzenden forcierten Bemühungen um die gesellschaftspolitische Verankerung ihres Emanzipationskonzeptes ernstgenommen, indem dessen grundlegende Inhalte auf der Basis ihrer größeren Schriften zur Frauenfrage vorgestellt werden.[10] Es wird insbesondere auf "Das Recht der Frauen auf Erwerb" (1866, als Louise Otto-Peters) fokussiert, auf die "Genius-Bücher" (1869, 1870, 1871, als Louise Otto) und die Schrift "Frauenleben im Deutschen Reich" (1876, als Louise Otto), die in engem inhaltlichen Zusammenhang und strategisch angelegter wechselseitiger Ergänzung und Verstärkung stehen.[11] Was 1876 neu hinzutrat, war eine offene Auseinandersetzung mit dem Militarismus und fehlenden Teilhaberechten für Frauen im neu entstandenen Deutschen Reich. Publizierbar war dieser herausfordernde, gesellschaftskritische und politisch brisante Text, weil es sich dabei nicht um eine aktuell-politische Stellungnahme der Vorsitzenden des ADF, sondern um einen Zukunftsentwurf, eine Utopie handelte. Das Kapitel "Zukunft", prägnant eingeleitet mit der Dichtung "Drei Jahre. 1865, 1875, 1965", ist ein Kunstgriff, ja ein kleines politisches Kabinettstück von Otto-Peters, es stellt ihr politisches Testament dar.

Emanzipation und Gesellschaftsreform

Welche Vorstellungen von Emanzipation und Gesellschaftsreform Louise Otto-Peters besaß, wird zunächst im Hinblick auf die Bedeutung von Arbeit und Bildung, sodann von Selbsthilfe dargestellt. [12]

Arbeit und Bildung
Bereits die Gründungsdokumente des ADF lassen als Dreh- und Angelpunkte aller Bestrebungen zur Verbesserung der individuellen und gesellschaftlichen Situation von Mädchen und Frauen die Befreiung weiblicher Arbeit, die Hebung weiblicher Bildung und das Prinzip der Selbsthilfe erkennen. Die Gründerinnen des ADF verstanden unter "weiblicher Arbeit" zunächst einmal die Erwerbsarbeit von Frauen. Die Förderung der Erwerbsfähigkeit und die Eröffnung breitester Erwerbsmöglichkeiten galten den Gründerinnen des ADF als ein übergreifendes Ziel für alle Frauen. Frauen sollten grundsätzlich in die Lage zur "Selbständigkeit" versetzt werden. "Selbständig kann schon dem Sprachgebrauch nach nur sein", so Louise Otto-Peters, "wer selbst zu stehen vermag, d.h., wer sich selbst auf seinen eigenen Füßen und ohne fremde Beihilfe erhalten kann." Den Frauen durch eine Berufsausübung zu ökonomischer Selbstständigkeit zu verhelfen, hielt sie daher für "das Fundament weiblicher Selbständigkeit" und für den wichtigsten Schritt, aus dem gleichsam alles Weitere folgen würde.

Allerdings begriff sie die Fähigkeit zur Selbstständigkeit durch Erwerbsarbeit nicht lediglich als einen Notbehelf beziehungsweise als ein Mittel zur Existenzsicherung gegen die "Wechselfälle des Geschicks" im Falle von Ehelosigkeit, Witwenschaft oder Erwerbsproblemen des Ehemanns. Für sie stellte eine existenzsichernde Erwerbsarbeit die Grundlage für ein Leben in Würde und Selbstentfaltung dar, "denn wer zu seinem Fortkommen in der Welt einzig und allein auf die Hilfe anderer angewiesen ist, kann ja niemals zum Vollgefühl der eigenen Kraft, noch der Würde der Unabhängigkeit und damit des wahren Menschthums kommen". Mädchen sollten deshalb ebenso wie Knaben zu einer Arbeit erzogen werden, die ihren Fähigkeiten und Neigungen entspricht; Töchter wie Söhne von den Eltern gefragt werden, "was sie gern lernen und werden möchten". "Sie müssen sich", so Otto-Peters, "einen Wirkungskreis suchen können, der ihrem Leben einen Inhalt gibt, ihre Existenz sichert und sie zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft macht." Für sie bedeutete es die "Hauptsache", "die in den Frauen schlummernden Anlagen zu entwickeln, Charaktere zu bilden, ihr Leben inhaltvoll und nutzbar zu machen für sie selbst und für andere".

Dies ist eine zweite, umfassendere Bedeutung des Begriffes "weibliche Arbeit", die meines Erachtens grundsätzlich von den Frauen im Umfeld von Otto-Peters geteilt wurde. Das Konzept weiblicher Erwerbsarbeit von Otto-Peters enthält keine spezifischen Vorgaben beziehungsweise Schranken für die Entfaltung von Begabungen. In ihrer programmatischen Schrift von 1866 entwarf sie ein breites Spektrum weiblicher Erwerbsbereiche. Angefangen bei den bereits mehr oder weniger zugänglichen Berufen der Künstlerin und Schriftstellerin, der Lehrerin, Kindergärtnerin, der nun zahlreicher vorkommenden Ladenmädchen und Verkäuferinnen, der Fotografinnen und Lithografinnen, ging sie aufgrund der sich beginnenden Öffnung kaufmännischer und technischer Ausbildung für Frauen von deren Anstellung in den Kontoren von Kaufleuten, in Büros der Eisenbahnen, Telegrafen und Post sowie auf landwirtschaftlichen Gütern aus. Vor allem die 1865 fast überall eingeführte Gewerbefreiheit und die Aufhebung der Verbietungsrechte von Zünften und Innungen ließ sie über die eigenständige Geschäftseröffnung von Frauen in Handel und Handwerk nachdenken, wenn es diesen möglich wäre, sich die notwendige kaufmännische und handwerkliche Ausbildung anzueignen. Ebenso hielt sie das Medizinstudium von Frauen und weibliche Ärzte für möglich. Selbst "gehobene" Fabrikarbeit schloss sie für Frauen aus den Mittelschichten nicht aus und verwies dabei auf Beispiele aus Amerika, der Schweiz, aber auch aus Leipzig, wo bereits Setzerinnen in einer Buchdruckerei tätig waren.

In ihren "Zukunftshoffnungen" von 1876 prophezeite sie dann, dass Frauen an "allen den Dingen, die sie am nächsten angehen", persönlich beteiligt sein werden, so an der Einrichtung, Beaufsichtigung und Führung von allen Arten von Anstalten für kleine Kinder, von Mädchenschulen, allen Rettungshäusern, Gefängnissen, Kranken- und "Irrenhäusern", in denen sich weibliche Insassen befinden, in der Armenpflege, falls diese noch nötig ist. Es werde auch weibliche Rechtsanwälte geben und weibliche Richter, die das Urteil sprechen. Am umfassendsten ist ihre Vision zum Bereich der Mädchenbildung. Sie zeigt sich überzeugt, dass es an allen Einrichtungen der Mädchen- und Frauenbildung Lehrerinnen und Lehrer in gleicher Zahl geben werde, die in der Bezahlung völlig gleichgestellt sind. Ausdrücklich benennt sie Gymnasien und Universitäten als höchste Bildungsanstalten, zu denen Mädchen beziehungsweise Frauen Zugang haben werden und an denen Frauen neben Männern unterrichten. Dabei werde es künftig weder für Frauen noch für Männer Vorschriften darüber geben, wie weit die Lern- und Leistungsfähigkeit gehen soll. Und sie fährt fort: "Ob dann in dieser Zukunft die Frauen Doctoren und Professoren hießen oder nicht, das ist sehr gleichgültig, sobald sie nur dieselbe Gelegenheit hatten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, wie die Männer und dieselben Rechte, sie auszuüben, so ist das Ziel, das uns vorschwebt ja erreicht."

Was sie hier formulierte, zielte nun nicht mehr nur auf die gleichberechtigte Partizipation von Frauen an Bildung und am Erwerbsleben, sondern auf den allgemeinen Anspruch individueller Selbstentfaltung persönlicher Fähigkeiten und Talente und auf die Berechtigung, sich damit in das gesellschaftliche Leben einzubringen. Otto-Peters bezeichnete "das Recht der freien Selbstbestimmung" als "das heiligste und unveräußerlichste jedes vernunftbegabten Wesens" und so auch der Frauen. Das macht ein drittes, allumfassendes Verständnis von "weiblicher Arbeit" beziehungsweise von Arbeit überhaupt aus. Es kulminiert in der Vision, über die menschliche Entfaltung und Vervollkommnung die menschheitliche Vollendung zu erreichen, von ihr auch als "Herrschaft der alles besiegenden Humanität" beziehungsweise "Ideal von der Harmonie der Menschheit" bezeichnet: "Das Ziel ist die Harmonie der Menschheit und diese ist so lange nicht hergestellt, so lange noch ein Mensch daran gesetzlich oder gesellschaftlich gehindert ist, sich selbst mit sich und seiner Umgebung in Harmonie zu setzen und er ist daran gehindert, so lange es ihm nicht möglich oder doch von anderen Menschen erschwert wird, sich selbst und seine Fähigkeiten zu entfalten und zu benutzen im Interesse seiner selbst in freier Selbstbestimmung wie des Allgemeinen in freiwilliger Unterordnung und Hingebung."

Fußnoten

1.
Vgl. für ein Kurzporträt den Beitrag von Sandra Berndt in dieser Ausgabe.
2.
Vgl. Cordula Koepcke, Louise Otto-Peters. Die rote Demokratin, Freiburg/Br. u.a. 1981, S. 94; Ute Gerhard, Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Reinbek 1990, S. 76; Angelika Schaser, Frauenbewegung in Deutschland 1848–1933, Darmstadt 2006, S. 41.
3.
So Ute Gerhard, Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789, München 2009, S. 54.
4.
Vgl. Roselinde Zeitschel, Eine Bibliografie, in: Johanna Ludwig/Rita Jorek (Hrsg.), Louise Otto-Peters. Ihr literarisches und publizistisches Werk. Katalog zur Ausstellung, Leipzig 1995, S. 126–131.
5.
Vgl. hierzu sowie zum Folgenden ausführlicher Susanne Schötz, Am Beginn der Bewegung: Strategien der Traditionsstiftung bei Louise Otto-Peters, in: Angelika Schaser/Sylvia Schraut/Petra Steymans-Kurz (Hrsg.), Erinnern, Vergessen, Umdeuten? Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jh., Frankfurt/M.–New York 2019 (i.E.)., S. 23–54, hier S. 23ff.
6.
Vgl. etwa Herrad-Ulrike Bussemer, Bürgerliche Frauenbewegung und männliches Bildungsbürgertum 1860–1880, in: Ute Frevert (Hrsg.), Bürgerinnen und Bürger. Geschlechterverhältnisse im 19. Jahrhundert, Göttingen 1988, S. 190–205, hier S. 190, S. 202; Ute Frevert, Frauen-Geschichte. Zwischen bürgerlicher Verbesserung und neuer Weiblichkeit, Frankfurt/M. 1986, S. 113ff.
7.
Vgl. zuletzt Susanne Schötz, Politische Partizipation und Frauenwahlrecht bei Louise Otto-Peters, in: Hedwig Richter/Kerstin Wolff (Hrsg.), Frauenwahlrecht. Demokratisierung der Demokratie in Deutschland und Europa, Hamburg 2018, S. 187–220.
8.
Vgl. Ute Planert, Die Nation als "Reich der Freiheit" für Staatsbürgerinnen: Louise Otto zwischen Vormärz und Reichsgründung, in: dies. (Hrsg.), Nation, Politik und Geschlecht. Frauenbewegungen und Nationalismus in der Moderne, Frankfurt/M.–New York 2000, S. 113–130, hier S. 124.
9.
Vgl. Bussemer (Anm. 6), S. 199–203.
10.
Ich stelle damit auch Forschungsergebnisse eines von der DFG dankenswerterweise geförderten Forschungsfreisemesters für Studien zu den Genius-Büchern vor.
11.
Das betonte Otto-Peters für die vier erstgenannten Bücher 1870 selbst. Vgl. dies., Der Genius der Menschheit, S. 9.
12.
Die folgenden Abschnitte beruhen auf Susanne Schötz, "Menschen werden wollen die Frauen und teilnehmen am Kranz der Arbeit und des Sieges". Visionen von Emanzipation, Gemeinsinn und Gesellschaftsreform in der ersten deutschen Frauenbewegung, in: Swen Steinberg/Winfried Müller (Hrsg.), Wirtschaft und Gemeinschaft. Konfessionelle und neureligiöse Gemeinsinnsmodelle im 19. und 20. Jahrhundert, Bielefeld 2014, S. 171–215, hier S. 178–191. Hier sind auch alle Quellennachweise zu finden, soweit nicht anders angegeben.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Susanne Schötz für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.