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25.11.2005 | Von:
Oliver Thränert

Das iranische Atomprogramm

Iranische Motive

Welches sind die Motive der iranischen Entscheidungsträger? Gibt es für das öl- und gasreiche Land überhaupt einen wirtschaftlichen Grund, sich mit der zivilen Nutzung der Kernenergie zu befassen? Oder gibt es vielleicht einen Mix aus ökonomischen und militärstrategischen Motiven, die für das iranische Atomprogramm ausschlaggebend sind?

Diese Fragen sind deswegen nicht so einfach zu beantworten, weil es in der Atomdebatte kein einfaches Schema "Konservative gegen Reformer" gibt, sondern vier sich gegenseitig überlagernde Argumentationsstränge:

  • Iran braucht die zivile Nutzung der Kernenergie aus ökonomischen Gründen, um die iranische Wirtschaft und Gesellschaft allgemein voranzubringen.
  • Atomwaffen und Islam sind nicht miteinander vereinbar.
  • Die stolze persische Nation sollte über die gleichen Waffen verfügen wie seine Nachbarn, beispielsweise Pakistan.
  • Iran sollte aus Gründen der nationalen Sicherheit zumindest eine Atomwaffenoption haben.
Trotz seines Ölreichtums habe Iran - so wird in Teheran immer wieder betont - ein legitimes Interesse, verschiedene Energieressourcen zu nutzen. Die Ölvorkommen seien begrenzt, und wegen des steigenden heimischen Konsums könne weniger exportiert werden. Damit werde die wichtigste Deviseneinnahmequelle geschwächt. Da der Westen dem Schah einst beim Aufbau einer zivilen Atomindustrie geholfen habe, sei nicht einzusehen, warum diese Länder der Islamischen Republik Iran den Zugang zu dieser Technologie verweigern wollten, die Teheran allgemein als wichtig ansieht, um in Zeiten der Globalisierung anschlussfähig zu bleiben. Gerade wegen der Unzuverlässigkeit vieler seiner Partner sei Iran darauf angewiesen, mittels Urananreicherung selbst den Brennstoff für seine Reaktoren herzustellen.[6]

Diese Überlegungen kontrastieren mit religiös fundierten Argumenten. Interessanterweise hatte die neue Führung unter Chomeni nach der islamischen Revolution von 1979 das noch vom Schah geerbte Nuklearprogramm (das schon damals auch auf eine militärische Nutzung abzielte) zunächst nicht fortgesetzt. Offenbar galt den religiösen Führern die Kernenergie als "unislamische" Technologie, deren Nutzung die Abhängigkeit Irans vom Westen manifestiert hätte. Diese Haltung änderte sich erst allmählich im Zuge des irakisch-iranischen Krieges (1980 - 1988) und den späteren Erkenntnissen nach Ende der "Operation Desert Storm" 1991 über das damalige irakische Atomwaffenprogramm. Aber auch heute noch ist vielen Klerikern die Atomtechnologie suspekt. Ihre militärische Anwendung wird mit religiösen Argumenten abgelehnt. So sprach der geistige Führer Khamenei davon, die Nutzung von Massenvernichtungswaffen sei im Islam verboten.[7]

Ein dritter Gesichtspunkt betrifft das Streben nach Status und den Stolz der persischen Nation. Diese kann aus der Sicht vieler Iraner eine historisch und kulturell abgeleitete Führungsrolle in ihrer Region beanspruchen. Besonders schmerzlich war daher für viele Iraner, dass das von ihnen als historisch und kulturell rückständig angesehene Pakistan 1998 Kernwaffentests durchführte.

Der entscheidende Faktor bei der Frage nach einem möglichen iranischen Kernwaffenprogramm dürfte jedoch die nationale Sicherheit Irans sein. Hier gilt es zunächst zu berücksichtigen, dass das strategische Denken der politisch-religiösen Führungsschicht in hohem Maße durch die Erfahrungen der nahezu vollständigen Isolation beeinflusst wurde, die das Land nach der islamischen Revolution erfuhr. Zu dieser Erfahrung gehörte auch der iranisch-irakische Krieg, der besonders die jetzige Führungsschicht prägte. Im Verlauf dieser Auseinandersetzung setzte der Irak völkerrechtswidrig gegen Iran Chemiewaffen ein, ohne dass der Westen entschlossen dagegen vorging. Zudem ist Iran von Kernwaffenstaaten umgeben, zu denen die Mullahs teilweise problematische Beziehungen unterhalten: Pakistan sowie Indien im Osten; Russland im Norden; Israel im Westen und die amerikanische Flotte im Persischen Golf im Süden. Vor allem aber ist der iranischen Führung die zunehmende amerikanische Präsenz in der Region ein Dorn im Auge: im Irak und Afghanistan ebenso wie in den zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken. Hinzu kommt die aus iranischer Sicht aggressive amerikanische Rhetorik, die in Teheran so wahrgenommen wird, als sei es das Ziel Washingtons, ähnlich wie im Irak auch im Iran das Regime zu wechseln. Von einigen - darunter den einflussreichen Revolutionsgarden - wird daher die Auffassung vertreten, Iran benötige Kernwaffen, um das Überleben des Regimes sicherstellen zu können. Inwiefern es sogar die Absicht einiger in Teheran ist, eine atomare Bewaffnung zum Aufbau einer Vormachtstellung im Mittleren Osten zu nutzen, ist nur schwer zu beurteilen.[8]

Gerade weil sich in der Atomdebatte verschiedene Motivstränge miteinander vermischen, verfügt die iranische Führung hier über ein Thema, das ihr Rückhalt in der gesamten Gesellschaft gewährleistet.[9] Dabei fungiert die Ablehnung des vielfach als arrogant interpretierten Verhaltens westlicher Regierungen, die Iran diskriminieren und vom Zugang zu moderner Technologie abschneiden wollen, als Klammer. Zugleich deutet vieles darauf hin, dass Iran sich zwar eine Option auf Kernwaffen schaffen möchte, eine definitive Entscheidung für den Bau der Bombe aber noch nicht gefallen ist.


Fußnoten

6.
Diese Motive hat der ehemalige iranische Präsident Khatami sehr eindrücklich dargelegt. Vgl. Speech by President Khatami, says Iran will Continue Nuclear Programme, Supports NPT, Vision of the Islamic Republic of Iran Network 1 (Teheran), 9. 2. 2003. Der neue iranische Präsident Ahmadinejad bezeichnete die Atomenergie als Segensgabe Gottes, eine Chance zur Erzeugung sauberer Energie. Vgl. Rudolph Chimelli, Gesegnetes Atomprogramm, in: Süddeutsche Zeitung vom 17. 9. 2005, S. 4.
7.
Vgl. Volker Perthes, Stolz und Misstrauen. Wie der Konflikt mit dem Westen im Iran gesehen wird, in: Internationale Politik, 60 (2005) 2, S. 62.
8.
Vgl. Ali Gheissari/Vali Nasr, The Conservative Consolidation in Iran, in: Survival, 47 (2005) 2, S. 187f.
9.
Vgl. Abbas Milani, U.S. Foreign Policy and the Future of Democracy in Iran, in: The Washington Quarterly, 28 (2005) 3, S. 42.