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2.11.2005 | Von:
Mohssen Massarrat

Demokratisierung des Greater Middle East

Islam und Demokratie - ein Widerspruch?

Dies ist eine in den westlichen Diskursen über die islamische Welt am häufigsten gestellte Frage. Dahinter verbirgt sich oft die Auffassung, wonach der Islam das Haupthindernis für die Demokratisierung islamischer Gesellschaften sei und im Umkehrschluss das Christentum per se eine demokratiekompatible Religion darstelle. Für die Auffassung, die Demokratie sei eine westlich-christliche Erfindung, lässt sich tatsächlich ein Argument anführen, das schwer zu widerlegen ist: Alle westlichen Demokratien haben einen christlichen Hintergrund, dagegen hat die islamische Welt bisher bestenfalls halbdemokratische Staaten, beispielsweise die Türkei und den Iran, hervorgebracht.

Bei dieser scheinbar bestechenden Kausalität wird jedoch übersehen, dass die Demokratie ursprünglich eine Errungenschaft der hellenischen Kultur im vorchristlichen Zeitalter war. Die mangelnde Demokratiefähigkeit okzidentaler bzw. orientalischer Gesellschaften wird zudem allein auf ethische Quellen und Normen zurückgeführt, während alle anderen für die Demokratieentwicklung relevanten gesellschaftlichen Faktoren und historischen Besonderheiten der Staatsbildung in Okzident und Orient ausgeblendet werden. Dieser selektive Blick und die Annahme, dass der Islam die Demokratisierung islamischer Gesellschaften blockiere, untermauert Samuel Huntingtons These vom unausweichlichen Clash of Civilization und die Aufforderung an den Westen, sich auf die islamische Bedrohung vorzubereiten.[2]

Insofern ist eine eingehende Beschäftigung mit der These, dass Christentum und Demokratie kompatibel seien, Islam und Demokratie hingegen nicht, nicht nur eine akademische, sondern vor allem auch eine hoch aktuelle politische Frage. Die These selbst ist nicht neu und im Grunde eine Verallgemeinerung von Max Webers protestantischer Ethik als treibender Kraft des Kapitalismus und der gesellschaftlichen Modernisierung in Europa, die der Soziologe bereits vor einhundert Jahren formulierte.[3] Für Weber war es "die innerweltliche Askese des Protestantismus, welche gerade den frömmsten und ethisch rigorosesten Elementen den Weg in das Geschäftsleben öffnete" und die "eine kapitalistische Ethik" schuf.[4] Die vorwärts treibende oder behindernde Kraft der Ethik im historischen Prozess der Modernisierung ist unstrittig. Irreführend ist allerdings die selektive Reduktion hoch komplexer Vorgänge auf die Ethik bzw. auf ethisch begründete Koordinations- und Bewertungsmaßstäbe.

Bei einer umfassenderen Analyse des sozialen Gefüges vormoderner Gesellschaften im christlich okzidentalen Mittelalter und im islamischen Orient rücken andere plausible Erklärungsmuster ins Blickfeld: Die vormodernen europäischen Gesellschaften waren überwiegend dezentral mit schwachen zentralistischen Staaten ausgestattet, während die orientalischen Gesellschaften unabhängig von der herrschenden Religion, ob Buddhismus oder Taoismus in Indien und China oder Islam im Mittleren Osten, ob im vorislamischen bzw. islamischen Zeitalter, überwiegend zentralistisch despotische Staaten mit schwachen dezentralen Strukturen aufwiesen. Die dezentrale Herrschaft mit zahlreichen kleinen und untereinander konkurrierenden feudalen Gewalten in Europa begünstigte die Entstehung von autonom agierenden bürgerlichen Schichten an der Peripherie dieser Gemeinwesen. Sie trieben über mehrere Jahrhunderte hinweg evolutionär und nachhaltig die gesellschaftliche Arbeitsteilung sowie die soziale Transformation voran, sie ermöglichten und bewirkten eine Trennung von Religion und Staat sowie die kapitalistische Entwicklung, Industrialisierung und Demokratisierung. Dagegen waren die orientalischen Zentralstaaten in der übermächtigen Position, das gesamte Bürgertum (Händler, Manufakturbesitzer, Intellektuelle) dem eigenen Herrschaftsinteresse zu unterwerfen, ihm die Ketten der Despotie anzulegen und seiner Selbstständigkeit zu berauben.[5] Die soziale Transformation konnte aus diesem doch sehr entscheidenden Grund nicht stattfinden. Für Aufklärung und Trennung von Religion und Staat entstand kein fruchtbarer Boden. Anstelle der Industrialisierung und Modernisierung verharrten orientalische Gesellschaften bis in die jüngste Vergangenheit in ökonomischer Stagnation, und für die Demokratisierung der Gesellschaft fehlen bis heute die sozialen Träger - vor allem fehlt ein verwurzelter, selbstständig handelnder und für eine tragfähige Demokratisierung unverzichtbarer Mittelstand.

Insofern kommen dem Christentum und dem Islam im Hinblick auf Modernisierung und Demokratisierung bestenfalls sekundäre Bedeutung zu. Wäre statt des Christentums der Islam die dominante Religion in Europa gewesen, stünde dieser aller Wahrscheinlichkeit nach, wie das Christentum heute, jenseits des Staates und wäre längst entmachtet. Hätte sich dagegen das Christentum statt nach Westen von seinem Entstehungsort ostwärts in Richtung Orient ausgebreitet, wäre es vermutlich im Mittleren Osten anstelle des Islam die dominante politische Kraft gewesen. Man könnte demgegenüber eine andere, durchaus plausible Auffassung vertreten, dass die Ausbreitung des Christentums und des Islams in entgegengesetzter West-Ost-Achse nicht zufällig war und dass das Christentum auf Grund innerer Axiome (der Nächstenliebe, stärkerer Individualität) sich den dezentralen Strukturen in Europa besser anpassen konnte, dagegen der Islam wegen seiner eher kollektivistischen Ausrichtung (das Kollektiv - die Umma -, nicht das Individuum als Basis der Gemeinschaft) für die zentralistischen Gesellschaften des Orients geradezu prädestiniert war. Eine solche Sichtweise erklärt, warum der Islam sich im Orient und das Christentum sich im Okzident ausgebreitet hat und hebt die sekundäre Bedeutung der Religion in beiden Gesellschaftsmustern zusätzlich hervor. Die weit verbreitete Annahme einer primären Kausalität zwischen Christentum, Transformation und Demokratie einerseits und Islam, Stagnation und Diktatur andererseits lässt sich so nicht aufrechterhalten.

Mit anderen Worten: Entscheidend für die Demokratisierung ist die Transformation traditioneller Sozial- und Familienstrukturen und ein Ende der ökonomischen Stagnation. Dieser Prozess ist spätestens unter dem Druck der ökonomischen und kulturellen Globalisierung aber seit mehreren Dekaden voll im Gang, dem Islam bliebe keine andere Option, als sich - wie einst das Christentum - zeitverzögert den Anforderungen der Moderne zu fügen und aus Staatsgeschäften zurück zu ziehen. Dazu bedarf es jedoch keines Demokratieexports, und erst recht nicht eines Krieges.


Fußnoten

2.
Vgl. Samuel P. Huntington, Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München-Wien 1997.
3.
Vgl. Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, Tübingen 1972; ders., Religiöse Ethik und "Welt", in: ders., Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1976.
4.
Ebd., S. 354f.
5.
Vgl. Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (1857/58), insbesondere der Abschnitt "Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehn", Berlin (Ost) 1953; Karl August Wittfogel, Die orientalische Despotie, Köln 1962; Mohssen Massarrat, Aufstieg des Okzidents und Fall des Orients, in: ders. (Hrsg.), Mittlerer und Naher Osten. Geschichte und Gegenwart. Eine problemorientierte Einführung, Münster 1996, S. 11 - 56; ders., Islamischer Orient und christlicher Okzident. Gegenseitige Feindbilder und Perspektiven einer Kultur des Friedens, in: Osnabrücker Jahrbuch Frieden und Wissenschaft, 4 (1999), S. 197 - 212.