Passanten lesen während der Fahrt in der Londoner U-Bahn

15.3.2019 | Von:
Ute Schneider

Facettenreich und unverzichtbar. Die multiplen Leistungen und Funktionen der Kulturtechnik Lesen

Tradierte Funktionen und Leistungen des Lesens

Der Kulturtechnik Lesen werden heute noch viele Werte zugeschrieben,[5] die sich zum Teil aus jahrhundertelangen Lesepraktiken ableiten lassen. Die Auffassung, Lesen bereite sinnliches Vergnügen und ästhetischen Genuss, ist im Vergleich mit den Leistungen und Funktionen des Lesens zu Bildungszwecken und Beseitigung von Informationsdefiziten oder zur religiösen Kontemplation und Erbauung relativ jung. Funktionen und Leistungen des Lesens haben sich im Laufe der Jahrhunderte erweitert, ohne dass eine Funktion oder Leistung vollständig verschwunden ist. Die Bedeutung des Lesens hat sich nicht nur für das Individuum geändert, sondern auch für die soziale Gemeinschaft.

In der christlichen Tradition des Mittelalters war die Kontemplation ein wesentlicher Effekt des klerikalen Lesens. Auch in Laienkreisen spielte die religiöse Erbauung als eine Funktion des Lesens eine Hauptrolle, wenn auch die Predigt und mündliche Unterweisung in moralischen Fragen weiterhin dominant blieb. Im 12. und 13. Jahrhundert wurde das Lesen von Büchern zur Grundlage geistiger Arbeit der Gelehrten; daneben wurde Lesefähigkeit in kaufmännischen Kontexten professionell erforderlich. Nach Einführung des Buchdrucks mit beweglichen Bleitypen durch Johannes Gutenberg und dem Anwachsen großer Handelszentren, die allesamt zu Standorten großer Medienunternehmen avancierten, wurde nicht nur die allgemeine Lesefähigkeit in den Städten beflügelt. Auch eine neue Funktion des Lesens kam hinzu: Lesen hatte nun nicht mehr nur eine allgemeine Erbauungs- und Bildungsfunktion, sondern diente der säkularen Berufsausübung, machte sie überhaupt erst möglich. Funktional war der Leseprozess nun neben liturgischen, gelehrten oder administrativen Zwecken vor allem auf kaufmännische Ziele gerichtet. Während die Funktionseliten aus Staat, Verwaltung, Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Teilsystemen wie der Kirche in erster Linie aus professionellen Gründen lesen mussten, griff das wohlhabendere Bürgertum in den Städten nach der Erfindung des Buchdrucks vor allem zu Ratgeberliteratur und religiösen Erbauungsschriften, bisweilen auch zu erzählender Literatur.

Ein wesentliches Motiv in der Frühen Neuzeit, zum Buch zu greifen, war die Bewältigung des lebensweltlichen Alltags. Während die deutschsprachige Fachprosa des Mittelalters noch das Ziel verfolgt hatte, Wissensbestände für individuelle, nämlich gedächtnisentlastende Zwecke zu erhalten, ging es im ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhundert stärker darum, Wissen an ein Laienpublikum zu vermitteln. Die zahlreichen volksmedizinischen Schriften, die Kräuterbücher und die Kochbücher, die als thematische Schnittmenge die Gesundheit des Menschen aufweisen, zeigen beispielhaft, wie sich die Funktion des Lesens vom individuellen Nutzen weiterentwickelt hat hin zu einer Standardisierung des gesellschaftlichen Wissens über prophylaktische und therapeutische Maßnahmen im Krankheitsfall. Solche Lesestoffe für existenzielle Situationen und alltagsweltliche Herausforderungen erweiterten den Kanon der Lesefunktionen um eine weitere Facette, die bis heute Bestand hat: Die Buchhandlungen sind mit vielen Regalmetern Ratgeberliteratur gefüllt, die zu sämtlichen alltagsrelevanten Themen eine breite Palette von Titeln offerieren.

Mit dem Aufkommen der periodischen Zeitungen zu Anfang des 17. Jahrhunderts erhält das Lesen eine neue soziale Dimension, und zwar die der Partizipation am gesellschaftlichen Leben. Die Zeitungslektüre diente anfangs zur reinen Information, in politisch brisanten Zeiten ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert, vor allem aber im 19. Jahrhundert auch zur öffentlichen Meinungsbildung und politischen Partizipation des bürgerlichen Publikums. Der Literaturwissenschaftler Werner Graf beschreibt Partizipation als einen (individuellen) Lesemodus, der sowohl "die aktualitätsbezogene Zeitungs- und Zeitschriftenlektüre als literarische Teilnahme am öffentlichen Diskurs"[6] als auch die "Belletristiklektüre als Teilnahme am literarischen Leben" umfasst. Die allgemeinen kulturellen Ziele in der Spätaufklärung waren die individuelle wie kollektive Durchsetzung von Rationalität, das Erlangen einer geistigen wie moralischen, ethischen und sittlichen Bildung und die Herausbildung einer kritischen Öffentlichkeit. Ziel des Lesens war es, ein vernünftiger Mensch mit ästhetischem Urteilsvermögen und sozialer Verantwortung zu werden und politische Willensbildung einzuüben. Auch diese damals neue Facette der Lesefunktionen hat bis heute Bestand: In der heutigen Mediengesellschaft sind Fragen der politischen Meinungsbildung durch Medienkonsum aktueller denn je.

Allerdings erfährt das Lesen in der Spätaufklärung noch eine weitere erhebliche und folgenreiche Funktionserweiterung: Auf der individuellen Ebene diente Lesen zwar einerseits der moralischen Unterweisung, andererseits bald aber auch der reinen Unterhaltung und Zerstreuung ohne Bildungsanspruch. Bestimmte Formen des Lesens wurden sogar zur Modeerscheinung, zum Beispiel das Lesen im Freien. Dieses einsame Lesen zur Unterhaltung, sei es in der Natur oder zurückgezogen im Haus, war ein Leseerlebnis ohne soziale Kontrolle und damit gesellschaftlich suspekt. Insbesondere die weit verbreitete Romanlektüre wurde in scharf formulierten Wertungen als negativ beurteilt. Sie galt als schädlich, weil eskapistisch. Zeitgenössisch wurde sie als Lesesucht und Lesewut stigmatisiert. Die reine Unterhaltungsfunktion der Lektüre beim Lesen von Romanen wurde dennoch höchst populär. Hier liegen die Wurzeln für die bis heute gängige Auffassung, Lesen bedeute sinnlichen Genuss.

Eine andere Form des Lesens mit dem Ziel der individuellen geistigen Emanzipation war das kollektive Lesen, das den kritischen Diskurs und die Reflexion des Lesestoffs im Austausch mit anderen vorantreiben sollte. Bürgerliche Lesegesellschaften wurden zunächst aus ökonomischen Gründen zur Verbilligung der Lektüre für den einzelnen gegründet. Sie boten aber auch eine Möglichkeit der Partizipation an der politisch-kritischen Öffentlichkeit. Diese temporäre Lesefunktion und -praxis erlebt heute online auf den Social-Media-Plattformen eine Auferstehung, allerdings aktuell meist nicht mit dem Anspruch, einen bürgerlich-kritischen Diskurs zu führen.

Fußnoten

5.
Für einen kurzen Überblick über die gängigsten Werte, die wissenschaftlich fundiert sind, vgl. Bettina Gartner, 11 Gründe, warum Lesen klug macht, in: Bild der Wissenschaft 7/2018, S. 2–8.
6.
Werner Graf, Lektüre zwischen Literaturgenuss und Lebenshilfe, in: Stiftung Lesen (Anm. 4), S. 199–224, hier S. 208.
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Autor: Ute Schneider für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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