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Passanten lesen während der Fahrt in der Londoner U-Bahn

15.3.2019 | Von:
Ute Schneider

Facettenreich und unverzichtbar. Die multiplen Leistungen und Funktionen der Kulturtechnik Lesen

Die politische Dimension des Lesens

Auf individueller Ebene war der Leseakt fortan ab dem 19. Jahrhundert auf das literarisch-ästhetische Erleben gerichtet, bis in die Hochkultur der Gegenwart. Auf sozialer Ebene wurde die Herausbildung und Verfestigung einer kollektiven kulturellen Identität beziehungsweise kulturellen Gedächtnisses angestrebt. Im deutschen Sprachraum wird dies durch die sozialen und politischen Konstellationen ab dem 19. Jahrhundert erklärbar. Neben die ästhetischen und sozialen Funktionen des Lesens trat die Vorstellung, Lesen und Lesestoffe konstituierten eine nationale Identität.[7] Die politische Dimension war unter dem Eindruck der napoleonischen Kriege und der daraus resultierenden Neuordnung Europas, die für die deutschen Staaten keine Einheit, sondern die anhaltende Zersplitterung brachte, zu verstehen. Insbesondere die schöne Literatur sollte integrative Leistungen erbringen. Der privaten bürgerlichen Hausbibliothek kam somit auch eine wichtige Aufgabe für die deutsche Kulturnation zu: So sollte die kulturelle Einheit der Deutschen unterstützt werden, wenn schon keine politische abzusehen war. Lesen zur individuellen und kulturellen Identitätsbildung ließ sich integrieren zur politischen Identität. Der Bürger hatte die moralische Pflicht, durch das Lesen ausgewählter Lektürestoffe und Lesemedien seine politische Meinungsbildung zu forcieren.

Auch die politische Dimension des Lesens ist bis in die Gegenwart ein Thema. Angesichts von Fake News und den Möglichkeiten digitaler Massenmanipulation ist das kritische Urteilsvermögen des Individuums ein hohes Gut. Dem Lesen werden "idealtypisch meist erwünschte politische Implikationen zugeschrieben und konsonant dazu das Medium Buch und die Lesekultur als unverzichtbare Voraussetzung demokratischer Gesellschaften betrachtet", konstatiert der Schweizer Medienwissenschaftler Heinz Bonfadelli.[8] In einem Vergleich der Effekte von Online-Medien und Büchern auf das Individuum beschreibt er für das Bücherlesen eine Stärkung von Konzentration und Ausdauer, Abstraktionsvermögen, Fantasie und Kreativität, Reflexionsvermögen und Kritikfähigkeit. Im Gegensatz dazu förderten die Online-Medien die Individualkommunikation, führen häufiger zur Bestätigung der eigenen Meinung und fördern die Anschlusskommunikation.

Daraus resultiert nach Bonfadelli, dass Print-Medien wie auch Online-Medien gleichermaßen der Information dienen, die Integrationsfunktion und politische Partizipation beim Lesen von Büchern aber einer Fragmentierung von Wissen und Themen in den Online-Medien gegenübersteht. Die politische (Online-)Partizipation, so Bonfadelli, bringe eine verstärkte Individualisierung hervor, womit die Gefahr der gesellschaftlichen Fragmentierung steige.[9] Die empirische Medienwirkungsforschung hat diesen Aspekt bisher nicht systematisch untersucht, obwohl es "konsistente Belege dafür [gibt], dass die (Print-)Medien durch Fokussierung auf gemeinsame Themen bei den Bürgern geteilte Prioritäten erzeugen, welche für das Funktionieren der Politik als unabdingbar betrachtet werden".[10]

Nicht nur für die postmodernen Industriegesellschaften der westlichen Welt gelten diese Charakteristika. Die Fähigkeit der souveränen Buchnutzung und eine hohe Lesekompetenz werden weltweit als Grundvoraussetzungen für individuelle Freiheit und kollektiven Frieden angesehen, was zum Beispiel der UNESCO jahrzehntelang als Handlungsmotiv für ihre Fördermaßnahmen in Entwicklungsländern gedient hat.[11] Analphabetenrate und ökonomische Situation stehen in ärmeren Ländern in relationalem Zusammenhang. Das Bildungsniveau eines Landes hat sowohl erheblichen Einfluss auf die Individuen als auch auf die gesamte Wirtschaftssituation. Dass die Rechnung "Mehr formale Bildung gleich mehr Leser in einer Gesellschaft" aber nicht aufgeht, sieht man momentan in Deutschland, wo der formale Bildungsabschluss Abitur noch nie so weit verbreitet war wie heute, es aber nicht mehr so viele passionierte Leser gibt.

Lesen in der Kommunikationsgesellschaft

In unserer Gesellschaft ist Kommunikation ein zentraler Wert. Dementsprechend ist Anschlusskommunikation – der Austausch über die rezipierten Inhalte – eine wesentliche Dimension der Mediennutzung, die ein impulsgebender Reflex im Leseprozess ist und die Aneignung des Gelesenen unterstützt:[12] Medien werden nicht nur deswegen genutzt, weil sie konkrete Informations- oder Unterhaltungsbedürfnisse befriedigen, sondern auch, weil sie Kommunikationsprozesse als soziale Handlung ermöglichen. Der fehlende Austausch über das Gelesene ist in der GfK-Studie als ein Motiv genannt worden, nicht mehr oder weniger häufig zum Buch zu greifen. Es werden vor allem Medien – zum Beispiel Serien – genutzt, die eine soziale Anschlusskommunikation ermöglichen.

Dem steht ein neuer Trend entgegen: "Slow Reading". Langsames, intensives Lesen ist ein Phänomen, das aus Neuseeland und den USA, insbesondere US-amerikanischen Colleges und Universitäten, als neue Lesepraktik nach Europa exportiert wird. Man kann es als Reaktion auf die seit Jahrzehnten existierenden Überlegungen und Tipps zur Beschleunigung des Lesetempos bei gleichzeitig effizienter Erfassung komplexer Texte verstehen, man kann es aber auch als Reaktion auf das häppchenweise, oberflächliche und eher flüchtige Lesen verstehen, das bei der Nutzung von Online-Medien geradezu unvermeidlich scheint. Grundsätzlich geht es beim Slow Reading in erster Linie um das intensive, konzentrierte und entsprechend langsame Lesen literarischer Texte und ihr Verstehen.[13] Mittlerweile sind etliche Bücher darüber erschienen, sowohl Analysen als auch praktische Handreichungen.[14] Das Ziel der neuen Lesepraktik ist es, eine "vergessene Art des Lesens wieder aufleben zu lassen, "die Geschwindigkeit und Hektik des Alltags" aus dem Leseprozess zu verbannen und dabei "zu mehr Verständnis des Gelesenen und mehr Spaß beim Lesen"[15] zu kommen. Es geht mehr ums Reflektieren des Gelesenen als um das langsame Lesen. Die Wertschätzung dem Buch und der alten Kulturtechnik gegenüber wird beim Slow Reading mit dem Lesegenuss verbunden, indem sich Leser zur gemeinsamen, stets schweigsamen Lektüre zusammenfinden, um sich ganz und gar auf das Buch und seinen Text einzulassen. Leseglück und Flow-Erlebnis sind erstrebenswerte Begleiterscheinungen der geistigen und lautlosen Versenkung ins Buch. Das Einüben dieser "neuen", eigentlich alt bewährten, Lesepraktik ließe sich unproblematisch im heimischen Wohnzimmer verwirklichen, aber der soziale Effekt ist anscheinend wichtig, denn seit 2014 etwa werden immer mehr Slow Reading Clubs eingerichtet und Slow Reading Partys veranstaltet. Anstatt über das Gelesene wird hier jedoch über die Wertschätzung des Lesens an sich diskutiert, wodurch das Lesen wieder Mittel zu einer Anschlusskommunikation wird und soziales Integrationspotenzial entfaltet.

Je nach Lesemodus kann Lesen heute also einen unterschiedlich hohen Integrationsgrad besitzen. Hoch ist das soziale Integrationspotenzial, wenn Lesen erstens Ausdruck des Lebensstils ist und zum Habitus gehört oder zweitens ein Mittel zur Herausbildung der kulturellen und politischen Identität ist oder drittens der Partizipation am literarischen und politischen Diskurs dient. Eher gering ist sein soziales Integrationspotenzial, wenn Lesen lediglich kognitives Hilfsmittel ist, wenn es rein der Bewältigung des lebensweltlichen Alltags dient oder in erster Linie aus professioneller Erfordernis gelesen wird.

Fazit

Im Vergleich mit anderen (audiovisuellen) Medien wird den schriftbasierten Medien wie dem Buch die Förderung der genannten Eigenschaften in der Persönlichkeitsbildung zuerkannt: Eigeninitiative statt passiver Konsum, umfassende Information statt punktuelle. Unterstützung in der Herausbildung seiner Persönlichkeit findet der Leser im Buch, denn Lesen ist probates "Mittel der Welterfahrung"[16] und konfrontiert den Bücherleser mit unterschiedlichen Verhaltensmustern und -modellen, die er in gradueller Abstufung ablehnen oder annehmen kann. Wir versetzen uns in sozial erwünschte Lebensmodelle und individuelle Eigenschaften oder grenzen uns gegen unerwünschte ab. Wir setzen uns ins Verhältnis zu anderen Lebensentwürfen, Ideen, Wertvorstellungen und Normen. Die Identifikationsmöglichkeit mit Figuren aus literarischen Texten, die Reflexion literarischer Weltdeutung und das Angebot, Lebensentwürfe, Konventionen und Werte zu überdenken, anzunehmen oder zu verwerfen, dienen unzweifelhaft der Persönlichkeitsentwicklung. In der pluralistischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts gelten nach wie vor Leistungsanforderungen an das Individuum wie Toleranz, Selbst- und Fremdverantwortlichkeit, rationales Problemlösungsverhalten und geistige Offenheit, um ein sozial funktionierendes und anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu werden und zu bleiben. Lesen hilft dabei.

Fußnoten

7.
Siehe hierzu auch Aleida Assmann, Arbeit am nationalen Gedächtnis. Eine kurze Geschichte der deutschen Bildungsidee, Frankfurt/M.–New York–Paris 1993.
8.
Heinz Bonfadelli, Politische Implikationen des Lesens, in: Ursula Rautenberg/Ute Schneider (Hrsg.), Lesen. Ein interdisziplinäres Handbuch, Berlin–Boston 2015, S. 815–831, hier S. 826.
9.
Vgl. ebd., S. 827f.
10.
Ebd., S. 829.
11.
Siehe hierzu ausführlich Christina Lembrecht, Bücher für alle. Die UNESCO und die weltweite Förderung des Buches 1946–1982, Berlin 2013.
12.
Vgl. Yvonne Niekrenz, Lesen in der Wissens- und Mediengesellschaft, in: Jörg F. Maas/Simone C. Ehmig (Hrsg.), Zukunft des Lesens. Was bedeuten Generationswechsel, demographischer und technischer Wandel für das Lesen und den Lesebegriff?. Mainz 2013, S. 33–36, hier S. 33.
13.
Siehe Josefine Johanna Mohrhard, Slow Reading. Der neue Lesetrend, Mainz 2016.
14.
Siehe zum Beispiel David Mikics, Slow Reading in a Hurried Age, Cambridge–London 2013; Thomas Newkirk, The Art of Slow Reading, Portsmouth 2012; John Miedema, Slow Reading, Duluth 2009.
15.
Mohrhard (Anm. 13), S. 65.
16.
Ruth Meyer, Lesen als Welterfahrung, in: Herbert G. Göpfert et al. (Hrsg.), Lesen und Leben, Frankfurt/M. 1975, S. 193–205.
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