Passanten lesen während der Fahrt in der Londoner U-Bahn
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15.3.2019 | Von:
Uwe Britten

Die Ökonomisierung des Ästhetischen. Konsum, Rendite und Wachstum in der Lesekultur - Essay

Wenn Branchen und ihre Verbände eine Krise ausrufen, dann handelt es sich erst einmal immer um eine Absatzkrise, denn Firmen und Konzerne interessieren sich vor allem anderen für Verkäufe und Renditen. Es sind also handfeste materielle Interessen im Spiel. Nun gibt es natürlich Produkte, die für unsere Kultur einen hohen Wert haben, weil ihre ideelle Bedeutung für die Gesellschaft über Profitinteressen hinausreicht. Zu diesen Produkten gehören Bücher, und zwar unabhängig von ihrer äußeren Form, egal also, ob der Text gedruckt, elektronisch oder "gestreamt" vermittelt oder aber vorgelesen wird. Texte vermitteln uns unsere Wahrnehmungs- und Denkmuster, unser verfügbares Wissen, unsere moralischen Haltungen und vieles mehr, kurz: unsere Kultur. Diese hohe Wertzuweisung von Büchern drückt sich darin aus, dass der Gesetzgeber Bücher mit dem reduzierten Mehrwehrsteuersatz ausstattet, um Bücherhersteller, -verkäufer und -leser finanziell zu entlasten, oder öffentliche Bibliotheken finanziert. Entsprechend nimmt die Buchbranche für sich in Anspruch, sich für ein hohes Kulturgut einzusetzen – und das ist auch so, häufig jedenfalls.

Technifizierung des Lesens

Die Buchbranche befindet sich wie jede andere Branche auch seit rund zwanzig Jahren in einem tief greifenden Strukturwandel. Die Digitalisierung und die Erfindung des Internets haben die Welt und das menschliche Leben völlig verändert. Dieser Transformationsprozess fällt zusammen mit einer Phase des Kapitalismus, in der dieser immer neue Sphären unserer Kultur durchdringt. Es gibt mittlerweile nichts mehr, was nicht kommerzialisierbar wäre, nichts, woraus nicht noch mehr Rendite zu pressen wäre, und sei es mit an die Illegalität grenzenden Methoden, wie wir es beispielsweise bei Automobil- oder Lebensmittelkonzernen erleben.

Die Digitalisierung und das Internet haben eine turbulente Marktdynamik erzeugt, die die Buchbranche von Beginn an umkrempelte (der Siegeszug von Amazon begann bekanntlich mit Büchern) und in dem sogar das Lesen Funktionsveränderungen erlebt hat – denn bei aller Bedeutung von Bild und Film funktioniert das Internet grundlegend über Schrift beziehungsweise Sprache.

Dass die Buchbranche im Zuge dieses Transformationsprozesses weniger Bücher verkauft, heißt deshalb eben nicht, es würde nicht mehr gelesen. Es wird massenhaft gelesen, und zwar nicht nur abends im Bett, sondern von morgens bis nachts im Internet. Dieser Transformationsprozess aber verändert die Wirtschaftsstrukturen allgemein und das Produkt Buch im Besonderen, sodass sich auch der "Ort" verschoben hat, an dem das Geld verdient wird. Indem Internetkonzerne Wissen oder Narrationen (wie Romane oder Filme) in ihren eigenen Strukturen produzieren oder auch nur aufbereiten und verbreiten, verdienen sie das Geld und nicht mehr jene, die traditionell für die Abdeckung einzelner Funktionen in der Buchbranche zuständig waren. Amazon beispielsweise braucht weder produzierende Verlage noch den örtlichen Buchhandel und wird zukünftig auch nicht mehr nur den breiten Markt der Self-Publisher dominieren. Wie leicht gerade die Millionäre unter den Autorinnen und Autoren in exklusive Vermarktungsstrukturen hinüberzuziehen sind, machen Streaming-Anbieter wie Netflix bereits eindrucksvoll vor – und wie brav die Konsumenten diesen Angeboten für gar nicht so geringe Flatrate-Beträge folgen, ist ebenfalls beeindruckend.

Dieser Marktverschiebungsprozess hat zur Folge, dass nicht weniger, sondern woanders gelesen wird: Früher ließ sich ein materiell verfügbares Buch in einem Laden kaufen und lesen, heute tritt mehr und mehr eine von Konzernen kontrollierte Technik vor die Rezeption eines Textes. Entsprechend fließt ein Großteil unseres Geldes in technische Geräte und erst danach in die Rezeption von Inhalten. Rasend schnell wechselnde Technologien, verhinderte Kompatibilitäten mit vorhergehenden Techniken oder auch der so schlichte Kniff wechselnder Steckergrößen sorgen dafür, dass wir unentwegt nachrüsten oder Geräte komplett ersetzen müssen. Die gesamte technologische Industrie hält uns so in einem Konsumdauerlauf. Zudem investieren wir dabei immer in Geräte, die technisch veraltet sind, sobald sich die Ladentür hinter uns wieder schließt. Längst nämlich wartet die nächste "Generation" von Phones, Tablets, Notebooks, Fernsehern auf uns. Dieser stetige Technikwandel bindet Ressourcen, führt aber keineswegs zu einem inhaltlichen Qualitätszuwachs.

Es kann selbstverständlich keine Frage sein, dass wir längst mehr hätten in den technischen Ausbau von Klassenzimmern investieren müssen. Wo eine Kultur immer maßgeblicher über elektronische Kommunikationsmittel funktioniert, müssen in den Schulen mehr als nur die basalen Fähigkeiten vermittelt werden. Aber Vorsicht vor einer allzu verengten Fokussierung auf Technologien: Die Bedienung eines Tablets lehrt weder das Denken noch die (Selbst-)Reflexion, im Zweifelsfall nicht einmal das Lesen. Wenn die entsprechende Industrie die Politik dazu auffordert, in puncto technischer Ausstattung viel mehr zu tun, um den berüchtigten "Anschluss" nicht zu verlieren, dann ist auch hier zuvorderst das Interesse beteiligt, sich einen gigantischen Absatz sichern zu wollen. Zumal: Kaum ist ein Klassenzimmer ausgestattet und der gesamte Unterricht auf die neue Technik ausgerichtet, wird auch schon das "Update" nötig, und zwar immer und immer wieder.

Lesen ist nicht nur einfach eine Kulturtechnik wie viele andere Techniken auch. In fast allen Kulturen unserer Welt ist die Lese- und Schreibfähigkeit geradezu überlebensnotwenig, mindestens aber ist sie entscheidend für die soziale und kulturelle Teilhabe. Das macht es so dringend erforderlich, dass Menschen mit einer Lese- und Schreibschwäche nachgeschult und aus ihrer kulturellen und politischen Isolation herausgeholt werden.[1] Gerade, weil das Internet zu einem großen Teil über Sprache funktioniert, ist dieses Problem weit größer, als es von vielen eingeschätzt wird. Der damit außerdem oft verbundene Wechsel in die englische Sprache tut sein Übriges. Viele Personen, die kaum in der Lage sind, den größtenteils oder ausschließlich online verlaufenden Diskursen zu folgen, weil sie technisch oder intellektuell abgehängt sind, bleiben häufig wenig sichtbar und sind von einer neuen Form von Analphabetismus betroffen.

Lesen als ökonomischer Prozess

Eine Unterwerfung unter diese technischen Dynamiken geht einher mit der Dominanz ökonomischer Interessen über unser Leseverhalten. Die Kehrseite des technischen oder intellektuellen Abgehängtseins ist die persönliche Dauerpräsenz im Internet. Aufgrund der vollständigen Durchdringung unseres Alltags mit technologischer Kommunikation und der Möglichkeit (und Erwünschtheit) eines Rund-um-die-Uhr-Konsums wird die Lesefähigkeit von der Voraussetzung zur Teilhabe an einer demokratischen Kultur vorrangig zu einem Angelhaken, der uns als Konsumenten in die Kaufangebote hineinziehen soll. Längst geht es dabei nicht mehr bloß darum, auf diesem Weg ein materielles oder immaterielles Produkt zu erwerben; fast unsere gesamte (lesende) Bewegung durch das Internet folgt Verkaufsinteressen. Mal zahlen wir in Euro, mal in Klicks, mal liefern wir brav unsere Daten ab – und meistens alles drei gleichzeitig.

Das Lesen im Internet scheint uns immer weiter wegzubewegen vom mündigen Bürger einer demokratischen Gesellschaft hin zu einer (infantilisierten) Konsumidentität. Die häufig spielerische und mit Unterhaltungselementen verknüpfte Internetwelt zieht uns gerade über unsere Lesefähigkeit immer tiefer hinein. Wir stoßen auf dieses und auf jenes, wir lesen hier und dann mal da und nutzen auch schon den nächsten uns angebotenen Link, um woanders weiterzustöbern. Immer tut sich Neues auf, es gibt kein Ende. Das sind im besten Fall unbegrenzte Möglichkeiten des Wissenserwerbs, aber wie oft verlieren wir uns darin, wissen nicht mehr, was wir wo gelesen hatten, können die Qualität einer Information nicht einschätzen oder stellen nach zwei Stunden des Lesens fest, dass wir eigentlich nichts wirklich Einschlägiges in Erfahrung gebracht haben.

Sosehr das Lesen als wichtige Kulturtechnik der sozialen und kulturellen Teilhabe nötig bleibt, so müssten wir längst auch lernen, uns Leseangeboten zu verweigern, denn was wir erleben, ist geradezu eine Überschwemmung mit Texten, die uns Unterhaltsames oder vermeintlich Informatives oder auch bloße Meinungen vermitteln. Wir werden mit Texten zugeschüttet. Wir sind unentwegt unterhaltend abgelenkt, und jedes Unlustgefühl wird mit dem Daumen weggewischt. Dringend müssten wir jungen Menschen vermitteln, wie man Texten widersteht, statt vermeintlich alles aufnehmen zu müssen. So kippt die mühsam erworbene Fähigkeit zu lesen und zu schreiben schon bald in die Unterwerfung unter eine Maschinerie, die uns zu manipulieren versucht. Die demokratische Öffentlichkeit textet uns zu. Ein selbstbestimmtes Individuum muss sich heute dem Lesen auch verweigern können und sich fragen: Was muss ich wirklich wissen?

Doch nicht nur die weitgehende Instrumentalisierung des Lesens für wirtschaftliche Interessen macht deutlich, dass Lesen eben keine wertfreie Fähigkeit ist. Natürlich trägt Lesen zu unserer Individualisierung bei (indem es beispielsweise kritisches Denken und den Bezug einer inhaltlichen Position in Diskursen fördert), aber auch zu unserer Vergesellschaftung. Deshalb gehört zur Lesefähigkeit nicht nur, Inhalte auffassen zu können, sondern die Funktionalität eines Textes im Diskurs wenigstens ansatzweise zu durchschauen. Die Debatte darum, wer die schlimmeren Fake News verbreite, droht völlig die Erkenntnis zu überdecken, dass selbst so vermeintlich neutrale Meldungen wie politische Nachrichten in seriösen Medien immer interessegeleitet sind. Es gibt keinen intentionsfreien Text. Das allerdings ist von absichtsvollen Lügen zu unterscheiden. Warum Texte so ausfallen, wie sie ausfallen, gehört deshalb dringend zum Repertoire ideologiekritischer Fragen einer kritischen und selbstkritischen Bevölkerung – und damit in die Schulen.

Lesen ist aber nicht nur funktionalisiert in Richtung konsumorientierter Verführungsstrategien, auch textimmanente Strategien folgen längst ökonomischen Rentabilitätsabwägungen.

Lesen als Unterhaltung

Die Durchökonomisierung jedes Kulturguts verändert diese (für unsere Kultur sinngebenden) Güter bis hinein in die Ästhetik – womit nicht die Verpackung des Produkts, sondern sein Inhalt gemeint ist. So extrem wie im Filmgeschäft, in dem es kaum noch einen Film gibt, der nicht einem Drei-Akt-Schema, den immer gleichen Figurenmustern und den stets nach bestimmten Spannungskriterien konstruierten Handlungsdynamiken folgt, ist es mit dem Roman zwar noch nicht, doch auch im Bereich der Romanliteratur folgen die Erzählmuster immer stärker den als besonders verkaufsförderlich erkannten Narrationsstrukturen. Diese Vervielfältigung in der Tiefe korrespondiert mit einer ästhetischen Verarmung in der Breite.

Auch Ästhetiken lassen sich ökonomisch auf eine Linie bringen und nach Rentabilitätskriterien modellieren. Dieser Prozess begann bereits, als sich der Roman als führende epische Form durchsetzte und mit ihm zunehmend mehr Geld zu verdienen war. Schon zu Beginn des 19. Jahrhundert hat in Frankreich der Fortsetzungsroman das Schreiben der Autoren verändert hin zu einer spannungsvolleren Textstruktur, in kleine Happen portioniert. Auch dieser Prozess ist in unserer Kultur bis in die kleinsten Verästelungen fortgeschritten. Selbst unsere ästhetische Wahrnehmung ist ökonomisierbar, indem beispielsweise Narrationen auf einen dynamischen Spannungsaufbau hin konstruiert werden und damit ein schnelles Lesen bewirkt wird. Das hohe Lustgefühl beim stetigen Spannungsauf- und Spannungsabbau führt zum Bücherkauf in relativ kurzen Abständen. Die ungeheure Masse an Krimis, Thrillern oder auch Tragikomödien auf dem Buchmarkt ist kein Zufall. Und die Entwicklung von Krimis für Kinder bahnt ein bestimmtes Leseverhalten inzwischen noch viel früher an als zuvor.

Solche Ökonomisierungen ästhetischer Prozesse beginnen bereits bei der Kalkulation eines Romans. Ließen Verlage in früheren Jahrzehnten noch die sogenannte Mischkalkulation gelten, nach der gewagte und weniger gewinnträchtige Bücher von den erfolgreichen Titeln wirtschaftlich mitgetragen wurden, ist dies heute weitgehend abgelöst worden von der Haltung, dass jedes einzelne Buch zum Gewinnergebnis eines Verlags beizutragen habe. Natürlich wollen Verlage möglichst mit jedem Buch Geld verdienen, das steht nicht infrage. Wo aber Verlage Renditemarken von beispielsweise 23 Prozent absolut setzen, verhindert das gerade auch ästhetische Innovationen. Oder anders gesagt: Wenn künstlerisch anspruchsvolle Projekte aufgrund hoher Renditeerwartungen nur noch mit der Konsequenz eines hohen Verkaufspreises realisiert werden, dann bewirkt eine solche Preispolitik die Verarmung der Kultur: Einen vielleicht "gewagten" Roman, der nicht den gängigen Rezeptionsvorlieben entspricht, kauft für 28 Euro eben mancher Kunde nicht mehr – der ihn für 22 Euro aber noch gekauft hätte.

Die Ökonomisierung künstlerischer Werte vernichtet genau das, worauf wir uns oft so viel einbilden, nämlich die Pluralität unserer Kultur, die mittlerweile allzu oft nicht mehr bedeutet als vom Gleichen zu viel. Die kapitalistische Ideologie drängt also außerökonomische Kriterien überall zurück, bis hinein in die Art und Weise von Texten. Der Kapitalismus ist aber kein Naturgesetz, sondern eine kulturelle Entscheidung. Daran muss man zuweilen erinnern.

Die Blüten dieser Durchkalkulierung von Kunst im weitesten Sinn zeigen sich vielleicht am deutlichsten im Marktsegment der Kinder- und Jugendbücher. Es ist dort, wie in der Filmbranche für das Schreiben von Drehbüchern, längst üblich, Autoren narrative Strukturvorgaben für die Realisierung eines Jugendromans zu machen hinsichtlich Gesamtumfang, Aufbau, Figurenensemble, Konfliktentwicklung, Schluss. Aber auch das ist noch nicht das Ende dieses Prozesses. Einige Verlage entwickeln Jugendromane inzwischen mit einer geschlossenen Online-Jugendredaktion. Eine gewisse Anzahl leseaffiner Jugendlicher wird zu einem Beratergremium für einen Autor zusammengestellt. Der Autor hat eine Romanidee skizziert und schreibt das erste Kapitel, das die Jugendlichen zur Einschätzung zugeschickt bekommen. Der Autor nimmt die Anregungen von ihnen in der einen oder anderen Weise auf. So geht es von Kapitel zu Kapitel. Branchenintern räumen diese Verlage durchaus ein, dass sich die Texte selbstverständlich aufgrund der Rückmeldungen verändern, zum Beispiel an Stellen, an denen die Jugendlichen Langweile empfanden oder sie sich andere Wendungen der Handlung lieber wünschten. Dabei scheint auch zu beobachten zu sein, dass Jugendliche eindeutig zum Happy End neigen. Um nun jugendliche Leser nicht zu enttäuschen, wird nach ihrem Geschmack gearbeitet. So wird das Lesen zum erbaulichen Erlebnis, wirkt nicht allzu verstörend und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche wieder zu einem Roman (dieses Verlags) greifen.

Damit ist das "Buch 4.0" kurz vor seiner auch ästhetischen Vollendung: Autorinnen und Autoren, der gesamte Buchmarkt und die Lesenden haben miteinander und in einer sich gegenseitig bestärkenden Struktur jenes Narrationsmuster entwickelt, in dem sich alle am wohlsten fühlen. Kunst wird zu einem Abstimmungsergebnis, der Roman das neue Opium fürs Volk. Einst nannte man so etwas eine "Regelpoetik". Heute bestimmen Marktgesetze so strikt wie selten die Regeln der Poetik.

Die ästhetischen Auswirkungen einer solchen Kunstproduktion führen nicht zu einer offenen Wahrnehmung der Welt und des eigenen Daseins, sondern zu einer Verengung. Wenn wir in einer Welt wie der unsrigen ein hohes Maß an sogenannter Ambiguitätstoleranz brauchen, um mit tendenziell unüberschaubar offenen Prozessen, mit Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten umgehen zu lernen, dann bietet der Literaturmarkt den Leserinnen und Lesern vielfach genau das Gegenteil. Lesen führt nun zu einer narkotischen Selbstberuhigung mit den immer selben Mustern in der Tiefenstruktur des Textes und der immer gleichen ästhetischen Erfahrung. Die fiktive Wirklichkeit ist berechenbar, und die Erwartung einer kathartischen Entlastung am Schluss wird von Beginn an zugesichert. Mindestens drei Merkmale der heutigen Romanliteratur bedürfen einer kritischen Diskussion:

Empathieförderung: Zweifelsohne ist die menschheitsgeschichtlich entwickelte Empathiefähigkeit ein unschätzbarer Wert humaner Kultur, aber als literarisches Kriterium ist "Empathievermittlung" kein wertneutrales Erzählmoment. Wer in hoher Emotionalisierung immer nur in seinen Gefühlen (weg-)schwimmt, dem geht der rationale, kritische Blick verloren. Man kann auch faschistische Literatur empathisch lesen.

Spannung: Die Spannungsorientierung heutiger Literatur zieht die Lesenden in einen rastlosen und atemlosen Prozess, wie wir ihn in vielen Alltagsfeldern erleben, und scheint eher einem Abhängigkeitsmuster von Drogenkonsumenten zu entsprechen. Das kopflose Hinterherhecheln nach der Handlung lässt wenig Zeit für eine aufmerksame und kritische Kunstrezeption.

Happy End: Das Grundmuster von Aufbruch, Kampf und Happy End vieler Erzählungen erzielt in erster Linie eine emotionale Beruhigung – unbewusst wird das Muster immer schon gekannt. Zumindest fiktiv ist die Welt am Ende wieder in Ordnung. Und zwischendrin haben wir uns doch ganz prächtig unterhalten. Das kritische Potenzial fiktiver Texte tritt hinter einen Affirmationsprozess zurück, der gesellschaftliche Kompensationsprozesse eher stabilisiert als entlarvt.

Lesen als Kunstrezeption

Unsere heutigen Lesefähigkeiten folgen keinem linearen Entwicklungsprozess hin zu einem immer differenzierteren Lesevermögen. Wir haben kulturell sowohl einen historisch diachronen Lesefähigkeitsverlust (Dantes "Göttliche Komödie" als Versepos werden heute nicht mehr viele Menschen lesen können) als auch einen historisch synchronen (viele Leser haben auch keinen Zugang zur zeitgenössischen Lyrik).

Auch für die Romanliteratur des 20. Jahrhunderts dürfte sich ein solcher Prozess zeigen lassen, denn viele Texte der klassischen und späten Moderne stoßen auf keine große Leserschaft mehr und sind häufig auf dem primären Buchmarkt auch nicht mehr lieferbar. So mancher Text gilt uns heute als zu "schwierig". Längst ist die Moderne zu einer weit zurückliegenden Epoche geworden. Ihre Text- und Erzählstrategien – die als Reflexion über die Welt heute nicht weniger relevant sind – werden nicht mehr als ästhetische Errungenschaften und wichtige Bereicherung der (ästhetischen) Wahrnehmung erlebt, sondern gelten eher als schwerfällig, das Lesen wird als zu anstrengend erlebt. Aber dass wir das Lesen fiktionaler Texte weitgehend der Unterhaltung unterordnen, ist historisch nicht immer so gewesen und damit keine naturgesetzliche Selbstverständlichkeit. Warum sich mit einem Roman nicht auch mal Mühe machen?

Fazit

Dass die Entwicklung der menschlichen Sprache und der Textgattungen stetig voranschreitet, ist unstrittig, und die Annahme, Kunst könne sich ausschließlich aufgrund außerökonomischer Einflussfaktoren entwickeln, wäre naiv. Gleichwohl ist das nicht gleichbedeutend damit, dass wir künstlerische Entwicklungen weitgehend von ökonomischen Prinzipien dominieren lassen. Zu fördern ist dringend eine Buch- und Lesekultur, in der die Hinwendung zu einem Text in einer entschleunigten Atmosphäre angeregt wird, in der Ruhe, Aufmerksamkeit, Reflexion und Selbstreflexion im Auffassen einer komplexen sprachlichen Äußerung möglich sind. Damit behielte Lesen die Qualität einer Begegnung, in der Autorinnen und Autoren den Lesenden ein Kommunikations- und Weltdeutungsangebot machen, in dem sich noch eine menschliche Dimension ausdrückt.

Die kulturelle Verabschiedung von den poetischen Errungenschaften beispielsweise der literarischen Moderne bedeutet eine Engführung ästhetischer Wahrnehmung zugunsten kapitalistischer Verwertbarkeit. Lesen als Zugang zum Konsum, Lesen als bloße Unterhaltung und Ablenkung – und sonst? Wenn wir Romane wie "Die Straße in Flandern" von Claude Simon, "Schall und Wahn" von William Faulkner, "Rayuela" von Julio Cortázar, "Die Wellen" von Virginia Woolf, "Jemand" von Robert Pinget, "Das chasarische Wörterbuch – Lexikonroman" von Milorad Pavić, "Mutmaßungen über Jakob" von Uwe Johnson oder "Die Hornissen" von Peter Handke nicht mehr lesen können, dann sind das kulturelle Verluste. Verluste, die dann auch in einer schriftstellerischen Gegenwart zur Nichtbeachtung etwa eines Romans wie "Und manchmal sehe ich am Himmel einen endlos weiten Strand" von Katharina Faber führen. Ganz zu schweigen von den gesellschaftlichen Folgen davon, wenn wir uns in Gleichförmigkeit und Alternativlosigkeit einrichten. Wie sollen wir über zukünftige Formen unseres Zusammenlebens nachdenken und uns verständigen, wenn wir darauf trainiert werden, nur in den ewig gleichen Mustern zu denken?
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Fußnoten

1.
Siehe dazu auch den Beitrag von Simone C. Ehmig in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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Autor: Uwe Britten für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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