Arbeitsmarktpolitik in Deutschland
Die Lage auf den Arbeitsmärkten ist desolat. Die Arbeitslosigkeit ist ein strukturelles Problem, das nicht konjunkturell bekämpft werden kann. Die Arbeitsmärkte müssen wettbewerblicher gestaltet werden.Einleitung
Die Lage auf den Arbeitsmärkten ist desolat. Das ist die traurige Botschaft, die Monat für Monat aus Nürnberg übermittelt wird. Die Politik kann noch so viele Aktionen initiieren und große Hoffnungen auf baldige Besserung nähren. Alle zerplatzen seit langem regelmäßig an der Realität. Ende Juli 2005 waren insgesamt 4,8 Millionen Arbeitnehmer ohne Arbeit. Tatsächlich ist das aber nur die Spitze des Eisberges. Weitere 1,8 bis 2,5 Millionen Arbeitslose kommen hinzu. Sie sind in Maßnahmen der Bundesagentur versteckt oder in der "stillen Reserve". Die Arbeitslosigkeit ist hierzulande kein konjunkturelles Phänomen. Sie hat sich seit über einem Vierteljahrhundert aufgebaut und verfestigt. Wer die strukturellen Ursachen konjunkturell bekämpfen will, kann nur Schiffbruch erleiden.
Die Arbeitslosigkeit erhöht sich vor allem deshalb seit langem stetig, weil Arbeitslose immer länger arbeitslos sind. Wer in Deutschland arbeitslos wird, bleibt es im Schnitt zwischen 35 und 40 Wochen. Das ist ein im internationalen Vergleich sehr hoher Wert. Es nimmt deshalb nicht Wunder, wenn der Anteil der Langzeitarbeitslosen an den Arbeitslosen außerordentlich groß ist. Er liegt nach Berechnungen der OECD für 2003 inzwischen bei über 50 Prozent. Die Werte für unsere Konkurrenten auf den Weltmärkten liegen erheblich niedriger, für Schweden 17,8 Prozent, für Großbritannien werden 23 und für die Niederlande 29,2 Prozent gemessen, ganz zu schweigen von den USA, die nur auf 11,8 Prozent kommen.
Von der langen Arbeitslosigkeit besonders betroffen sind Arbeitnehmer mit geringer Qualifikation und ältere Arbeitnehmer. Für Geringqualifizierte hat sich die Lage im Laufe der Zeit gravierend verschlechtert. Sie werden schneller entlassen und haben nur geringe Chancen, wieder eine reguläre Beschäftigung zu finden. Das Risiko, arbeitslos zu werden und lange zu bleiben, hat sich für diese Gruppe in allen OECD-Staaten erhöht. Allerdings sind die Arbeitsmarktchancen für wenig qualifizierte Arbeitnehmer in Deutschland besonders schlecht. Die Arbeitslosenquote ist extrem hoch, die Erwerbsquote auffallend niedrig. Aber auch ältere Arbeitnehmer sind vor allem in Deutschland eine Problemgruppe am Arbeitsmarkt. Sie sind im internationalen Vergleich außergewöhnlich oft von Arbeitslosigkeit betroffen und nur noch selten erwerbstätig.
Der Arbeitsmarkt weist nicht nur eine Arbeitsplatzlücke auf, es gelingt seit Mitte der achtziger Jahre auch immer schlechter, Arbeitsuchende und offene Stellen zusammenzubringen. Dieser Mismatch hat mehrere Ursachen: Qualifikationsprofile der Arbeitslosen und Qualifikationsanforderungen der Arbeitgeber passen weniger gut zusammen. Arbeitslose Arbeitnehmer sind zu selten bereit, anderenorts angebotene Arbeitsplätze anzunehmen; regionale Arbeitslosenquoten streuen stark, vor allem zwischen Ost und West. Schließlich fallen immer öfter gebotene und erwartete Entlohnung der Arbeit auseinander. Deutsche Arbeitsmärkte haben also ein doppeltes Problem: Nicht nur die gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit ist gestiegen, auch die Mismatch-Arbeitslosigkeit hat zugenommen.

