Das Bauhaus in Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt

22.3.2019 | Von:
Philipp Oswalt

Das untote Bauhaus. Oder: Warum ist das Bauhaus aktuell? - Essay

Wer das Bauhaus in Weimar oder Dessau besucht, erwartet nicht nur das Museum, also die Präsentation des Erbes, sondern ebenso selbstverständlich die lebendige Schule – ein Bauhaus, an dem auch heute noch unterrichtet wird. Warum eigentlich? Das Bauhaus wurde vor über 80 Jahren geschlossen. Nüchtern betrachtet ist es absurd, das Fortleben einer Institution zu erwarten, die bekanntermaßen schon seit so langer Zeit nicht mehr existiert. Woher kommt diese seltsame Unabgeschlossenheit des Bauhaus-Erbes, die Erwartung, dass durch "das Bauhaus" – zumindest als Idee – noch immer wesentliche Beiträge zur Gestaltung der Gegenwart erbracht werden? Eine Erwartung, die im Übrigen nicht nur an den historischen Bauhaus-Stätten besteht, sondern auch andernorts formuliert wird. Etwa beim Bauhaus-Museum in der chinesischen Stadt Hángzhou, das 2012 von der Chinese Academy of Arts eröffnet wurde, um die heutige Designlehre und -praxis zu beleben.

Wenn wir dies verstehen wollen, geht es nicht um die Formen und Produkte des Bauhauses – sei es in ihren trivialisierten Formen, wie etwa bei Fertighäusern im Bauhaus-Stil, oder in ihren fetischisierten und musealisierten Formen, wie im Bauhaus-Tourismus, den lizensierten Nachbauten des originalen Bauhaus-Designs oder der Rekonstruktion von Bauhaus-Bauten. All das ist sehr real, aber es ist nicht mehr als die Verwertung einer vergangenen Epoche, einer nicht mehr lebendigen Praxis. Die Ursachen für die fortbestehende Virulenz der Bauhaus-Ideen liegen tiefer und erfordern einen genaueren Blick auf das Wesen der Moderne.

Die Moderne: Fragmentiert und zentrifugal

Das Bauhaus ist Teil der Moderne, deren Epoche mit der Industrialisierung, dem Kapitalismus, den modernen Wissenschaften und den Nationalstaaten um 1800 Gestalt annahm und bis heute andauert. Das Verständnis von der Architektur der Moderne folgt meist einer heroischen Geschichtsschreibung: Heldenhafte Architekten schaffen ikonische Bauten, die Geschichte schreiben. Die Realität der Architekturpraxis ist weitgehend eine andere. Die Moderne als Prozess vollzieht sich in der Akkumulation einer Vielzahl von kleinsten Veränderungen in den unterschiedlichsten Bereichen. Es ist eine Evolution in einem Prozess mit zahllosen Akteurinnen und Akteuren in unzähligen Mikroschritten.

Exemplarisch dafür ist die Bautechnik, die für die klassische Avantgarde mit ihrer Begeisterung für neue Materialien und Konstruktionen eine wichtige Rolle spielte: Auf Basis unzähliger Erfindungen für die verschiedensten Elemente und Methoden entwickelte sie sich ständig weiter und prägte die Architektur der Moderne in relevanter Weise. Moderne Bauten sind in dieser Hinsicht keine holistischen Entitäten, sondern Aggregate aus einer Vielzahl von Komponenten. Jedes Mikroelement selbst bildet sich in einer technischen Evolution aus, die sich global durch ein Kollektiv von Erfindern, Ingenieuren und Herstellern entfaltet, die gemeinsam am Metatext der technischen Entwicklung schreiben.

Das bautechnische Wissen hat sich somit von handwerklichen Traditionen in technische Produkte verlagert. Handwerkliche Kulturen beruhen auf dem impliziten Wissen der Handwerkstraditionen, von lebendigen lokalen Praktiken. Mit der Moderne wurde das bautechnische Wissen in Patenten explizit gemacht, offengelegt, und in die Produkte und ihre Gebrauchsanweisungen verlagert. Daher können moderne Bautechniken unabhängig von lokalen Baukulturen weltweit eingesetzt werden. Die Modernisierung entwickelt zentrifugale Kräfte, die Zusammenhänge auflösen und die Gegenwart fragmentieren.

Die Entfesselung dieser technisch-wissenschaftlichen Kräfte hat eine bemerkenswerte Dynamik. Aber diese Entwicklung, dieser Fortschritt, ist nahezu wertfrei, quasi ungerichtet und zunächst einmal ziellos. Wissenschaft, Technik und Wirtschaft können erfreuliche wie schreckliche Dinge hervorbringen, und meist liegen diese Dinge sehr nah beieinander: Eine damals neue Technologie wie das Flugzeug Junkers 52 konnte gleichermaßen zum Transport von Menschen in den Urlaub wie zum Bombardieren von Städten genutzt werden; eine neue Substanz wie Zyklon B konnte sowohl nützliches Schädlingsbekämpfungsmittel als auch Mittel zur industriellen Ermordung von Menschen sein. Diese Ambivalenz gehört zum Wesenskern der Moderne.

Reparaturbetrieb der Moderne?

Als das Bauhaus 1919 gegründet wurde, war der Erste Weltkrieg in Europa gerade vorbei. Die krisenhafte Entwicklung der modernen Industriestaaten war in den ersten industrialisierten Krieg gemündet, ein Traditions- und Zivilisationsbruch unvorstellbarer Härte hatte stattgefunden. In Reaktion auf die ungerichtete und zerstörerische Entfaltung der Moderne versuchte das Bauhaus, die Fragmentierung der Gegenwart durch eine neue Gesamtheit und Synthese zu überwinden und zugleich dem Projekt der Moderne einen Sinn, eine Ausrichtung, ein Ziel zu geben.

Dies trifft nicht nur auf das Bauhaus zu, sondern auch auf weitere Avantgardegruppen der klassischen Moderne. Aber anders als in der heroischen Selbstbeschreibung der Avantgarden des 20. Jahrhunderts waren sie nicht die primären Initiatoren und Autoren des Modernisierungsprozesses, die Motoren der Erneuerung. Die bestehenden Traditionen waren längst zerbrochen. So gesehen waren die Avantgarden in der Entwicklung der Moderne nicht eine Vorhut, sondern ihr kultureller Reparaturbetrieb.[1] Wenn etwa der Gründungsdirektor des Bauhauses, Walter Gropius, 1923 von "Kunst und Technik – eine neue Einheit" sprach, so war dies weniger Ausdruck einer ungebrochenen Zukunftseuphorie als vielmehr Verweis auf ein gestörtes, krisenhaftes Verhältnis zwischen Kunst und Technik, das durch kulturelle Erneuerung in eine neue Balance und einen neuen Zusammenhang gebracht werden sollte.

Symptomatisch dafür ist die Architektur des Dessauer Bauhaus-Gebäudes selbst. So gestalterisch innovativ es ist, so offenkundig ist es zugleich ein Rückblick: Stahlbeton, Skelettbauweise, Glasfassade, Zentralheizung, Aufzug und vieles mehr sind Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. Technisch gesehen wäre es möglich gewesen, das Gebäude in nahezu gleicher Gestalt auch 50 Jahre früher zu errichten. Die technischen, aber auch gestalterischen Zitate erinnern eher an das vergangene Industriezeitalter, als dass sie einen Aufbruch ins Neue, Unbekannte verheißen. Genau dies kritisierte auch der amerikanische Erfinder und Architekt Buckminster Fuller: "Der ‚Internationale Stil‘, der auf diese Weise durch die Neuerer vom Bauhaus nach Amerika gebracht wurde, stellte eine Modeerscheinung dar, die ohne die Kenntnis der wissenschaftlichen Grundlagen für strukturelle Mechanik und Chemie auskam. (…) Die internationale Bauhaus-Schule benutzte Standardinstallationen und brachte es gerade noch fertig, die Hersteller zur Modifikation der Oberfläche von Wasserhähnen sowie der Farbe, Größe und Anordnung der Kacheln zu überreden. (…) Kurz, sie befassten sich nur mit dem Problem, die Oberfläche von Endprodukten zu modernisieren, wobei diese Endprodukte notwendigerweise Subfunktionen einer technisch veralteten Welt waren."[2]

Es wäre fehlgeleitet, mit dieser durchaus zutreffenden Kritik den Wert der Leistung von Walter Gropius und des Bauhauses insgesamt zu schmälern. Doch sie gibt Anlass, unser Verständnis der künstlerischen Avantgarde zu überdenken. Viel zu sehr folgen wir in unserem Verständnis den Selbstdarstellungen und Selbstheroisierungen der Avantgarden als Speerspitzen der Gesellschaft, die Traditionen aufbrechen und ins Unbekannte voranschreiten. Doch de facto befanden sie sich in einer prekären Situation, in der die einstigen kulturellen Zusammenhänge längst zerstört waren. Der Moderneprozess war in technisch-wissenschaftlicher Hinsicht weit fortgeschritten und hatte zu einer kulturellen wie gesellschaftlichen Krise geführt. Die Suche nach neuen kulturellen Formen war weniger proaktiv als reaktiv. Gleichwohl wäre es einseitig und verkürzt, die Avantgarden allein auf die Rolle einer Reparaturtruppe zu reduzieren, denn sie reagierten nicht nur auf den Modernisierungsprozess, sondern mit Blick auf die Formulierung kultureller Prozesse agierten sie auch proaktiv. Sie waren also Getriebene und Treibende zugleich.

Fußnoten

1.
Hartmut Böhme hat mich darauf hingewiesen, dass Odo Marquard eine vergleichbare These zu den Geisteswissenschaften als Modernisierungskorrektiv entwickelt hat: Siehe Odo Marquard, Über die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften, in: ders., Apologie des Zufälligen, Stuttgart 1986, S. 98ff.
2.
R. Buckminster Fuller, Ideas and Integrities. A Spontaneous Autobiographical Discourse, Englewood Cliffs 1963, S. 9–34, dt. Übersetzung: Einflüsse auf meine Arbeit, in: Joachim Krausse/Claude Lichtenstein (Hrsg.), Your Private Sky: Diskurs. R. Buckminster Fuller, Baden–Zürich 2001, S. 63ff.
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Autor: Philipp Oswalt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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