Das Bauhaus in Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt

22.3.2019 | Von:
Ulrike Müller

Ungleichungen mit Unbekannten. Zu Wirken und Rezeption der Frauen am Bauhaus

Bauhaus und Bauhaus-Frauen im Kontext der Moderne

Die Bedeutung des Bauhauses und die Leistungen der Bauhaus-Frauen lassen sich noch besser ermessen, wenn man die gesellschaftlichen Prozesse im Zuge des Aufbruchs in die Moderne insgesamt ins Auge nimmt. Die Professionalisierung des Schulwesens und der Pädagogik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts legte eine wesentliche Grundlage für die Moderne und das Bauhaus, und daran hatte die Frauenbewegung einen großen Anteil: Frauenrechtlerinnen wie Fanny Lewald, Hedwig Dohm, Hedwig Kettler oder Helene Lange forderten in ihren Schriften und auf öffentlichen Versammlungen unermüdlich bessere Bildungs- und Ausbildungschancen für Mädchen und junge Frauen. Zwar hatte im deutschen Kaiserreich das Verbot für Frauen, sich politisch zu organisieren, weiterhin Bestand, doch gründeten sie im Zuge der mit der Industrialisierung einhergehenden, auch von der Wirtschaft geforderten Modernisierung der Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen und Frauen zahlreiche Frauenvereine.

Künstlerinnen schlossen sich nun Damenakademien oder Malerinnenschulen wie dem Münchener Künstlerinnenverein (1882) oder der Großherzoglichen Malerinnenschule Karlsruhe (1885) zusammen. Unabhängig von der männlichen Bastion der Kunstakademien konnten sich dort nun auch Frauen künstlerisch ausbilden lassen, denen die finanziellen Mittel für privaten Unterricht fehlten. Der Zugang zu Universitäten und Kunstakademien blieb Frauen, mit wenigen Ausnahmen wie der Großherzoglich-Sächsischen Kunsthochschule in Weimar, bis zur Gründung der Weimarer Republik 1919 verwehrt. In Abgrenzung zu Akademien und nachweislich auch, um diese männlichen Künstlern vorzubehalten, wurden unter dem Druck der Wirtschaft als Resultat des Engagements der Lette-Vereine immer mehr berufsorientierte Ausbildungsstätten gegründet. Um 1910 öffneten bereits rund 60 der neu entstandenen Kunstgewerbeschulen ihre Pforten für Frauen, einige nahmen sie mit Einschränkungen auf, zwölf wurden allein für Frauen eingerichtet.[9]

Auch international wurden die Voraussetzungen für die Gründung des Bauhauses schon lange vor dem Ersten Weltkrieg geschaffen. Ein wichtiger Anstoß kam aus der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts, die eine Synthese aus Malerei, Architektur und Handwerk anstrebte. Bewegung gab es Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Wien, wo die Wiener Werkstätten neue Wege beschritten und sich dort neben Männern wie Josef Hoffmann auch eine Frau wie Else Oppler als Gestalterin einen Namen machte. Ein paar Jahre später erprobten junge Künstler wie Franz Čižek und Johannes Itten neue Konzepte in der Kunstpädagogik. Schon 1902 hatte der Musiker und Tanzpädagoge Émile Jacque-Dalcroze, der 1911 die innovative Bildungsanstalt für Musik und Rhythmik in Dresden-Hellerau gründete, in Zürich das Konzept der "rhythmischen Erziehung" vorgelegt.[10] Die schon erwähnte Bauhaus-Lehrerin Gertrud Grunow sollte sich später auf seine Methode beziehen. 1907 wurde in München im Zusammenwirken von Industrie und Architektur der Deutsche Werkbund gegründet, der die Verbindung von Zweckmäßigkeit, neuen Materialien und Formschönheit (Warenästhetik) zum Programm erhob. Wie Walter Gropius war auch die Architektin und spätere Bauhaus-Lehrerin Lilly Reich dort seit 1912 Mitglied und wurde als erste Frau in den Vorstand gewählt.

Der Beginn des neuen Jahrhunderts war eine Zeit der Inszenierungen und Visionen: Kaufhäuser, Schaufenster sowie Film und Bühne wurden zu Probenräumen für die Idee eines Gesamtkunstwerks. Neue technische Mittel wie Zeitraffer und Zeitlupe wanderten vom Film in die Literatur, und "das Geistige in der Kunst"[11] mit der Idee radikaler Reduktion und Abstraktion sowie Konzentration auf Grundfarben (gelb, blau, rot) und Grundformen (Kreis, Quadrat, Dreieck) von der freien Malerei und Grafik auch in Handwerk und Design. Als Zeit des Aufbruchs in die Moderne erscheinen diese Jahre auch deshalb so besonders ideenreich, stürmisch und avantgardistisch, weil mehr Frauen in der Öffentlichkeit agierten als jemals zuvor.

Parallel dazu kämpften Frauen heftiger denn je gegen ihre Unterdrückung und für gesellschaftliche Teilhabe sowie das aktive und passive Wahlrecht. Die englischen Suffragetten handelten sich um 1910 mit gezielten Steinwürfen auf das britische Parlamentsgebäude ebenso öffentlichkeitswirksame wie harte Haftstrafen ein. Da die Mehrzahl der von Männern gewählten männlichen Vertreter das Ende ihrer politischen Alleinherrschaft in Europa wohl schon ahnte, stemmten sich viele von ihnen umso heftiger gegen die Forderung der Frauen. Und so gab es vor dem Ersten Weltkrieg, mit Ausnahme von Finnland (dort ab 1906) und Norwegen (1913), in Europa noch kein allgemeines Wahlrecht für Frauen geschweige denn gewählte Volksvertreterinnen. Männer setzten sich aus ihrer Perspektive zwar auch für Gerechtigkeit und die Befreiung aus autoritären Strukturen ein, dabei aber vor allem für wissenschaftliche und kulturelle Erneuerung durch männliche Kulturträger. Und diese verstanden unter Fortschritt in der Regel etwas anderes als Emanzipation und Befreiung im Sinne tatsächlicher Chancengleichheit. Als Aussteigerinnen und Aussteiger erprobten Frauen wie Männer alternative Rollenbilder in anarchisch-egalitär ausgerichteten Gemeinschaften, etwa in Worpswede, in der Gartenstadt Hellerau oder auf dem Schweizer Monte Verità. In der Mitte der Gesellschaft wurden Moderne und Gleichberechtigung jedoch noch lange nicht zusammen gedacht. Emanzipatorische weibliche Positionen und kulturelle Praktiken fanden nur zu einem geringen Anteil Eingang in Wissenschaft, Kunst, Politik oder den Familienalltag.

Nach der menschgemachten "Urkatastrophe" des Ersten Weltkrieges, die Europa von 1914 bis 1918 in Atem hielt, waren Gesellschaft und Kultur in Deutschland wesentlich geprägt von der stürmischen Entwicklung zur Demokratie, der Inflation mit ihrem Höhepunkt 1923 und der Weltwirtschaftskrise 1929. All dies ging mit sozialen Nöten und großen Unsicherheiten einher, eröffnete aber auch Freiräume für Neues und Experimentelles – auch und gerade im künstlerischen Bereich. Ein Gutteil der schöpferischen Vielfalt, die sich auch in Alltagskultur, neuen pädagogischen Konzepten, Berufen und in der Mode widerspiegelte, ging von Frauen aus. Die Bauhaus-Frauen und andere "Neue Frauen"[12] entwickelten dabei unter den Voraussetzungen weiblicher Sozialisation und Geschichte andere Entwürfe von Kunst und Leben als ihre männlichen Zeitgenossen. Daher möchte ich direkt von weiblicher Moderne sprechen.

Fußnoten

9.
Vgl. Renate Berger, Malerinnen auf dem Weg ins 20. Jahrhundert. Kunstgeschichte als Sozialgeschichte, Köln 1986.
10.
Gret Palucca war dort Schülerin und Tänzerin, bevor sie 1925 in Dresden ihre eigene Tanzschule gründete, die mit dem Bauhaus zusammenarbeitete.
11.
Vgl. Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, München 1911.
12.
Vgl. Alexandra Kollontai, Die neue Frau (1918), in: Kristine von Soden/Maruta Schmidt (Hrsg.), Neue Frauen. Die Zwanziger Jahre, Berlin 1988, S. 6f.
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