Das Bauhaus in Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt

22.3.2019 | Von:
Ulrike Müller

Ungleichungen mit Unbekannten. Zu Wirken und Rezeption der Frauen am Bauhaus

Nach dem Bauhaus

Zu einem ebenso dramatischen wie tragischen Kapitel entwickelte sich für viele Bauhaus-Frauen die Zeit des Nationalsozialismus. Die jüdische Weberin Otti Berger, die zunächst in London festsaß, hatte schon ein Visum für die USA, weil László Moholy-Nagy sie als Dozentin ans "New Bauhaus" nach Chicago holen wollte, besuchte aber noch einmal ihre schwerkranke Mutter in Kroatien, wurde dort inhaftiert, deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet. Auch Friedl Dicker, die im KZ Theresienstadt noch heimlich Kindern Kunstunterricht gegeben hatte, wurde in Auschwitz umgebracht. Andere jüdische Künstlerinnen wie Anni Albers, die Keramikerin Marguerite Friedlaender-Wildenhain oder die Fotografin Grete Stern konnten Europa verlassen und machten das Bauhaus in der Emigration in den USA, in Südamerika, Israel oder Afrika bekannt. Wieder andere wie Marianne Brandt oder die Bildhauerin und Kostümgestalterin Ilse Fehling überlebten unter dem Verdikt als "entartete Künstlerin" in bedrängenden Situationen innerer Emigration in Deutschland. Die Malerin Dörte Helm durfte als "Halbjüdin" ihren Beruf nicht ausüben und starb 1941 an Grippe, die Designerin Alma Siedhoff-Buscher kam 1944 bei einem Bombenangriff ums Leben. Gunta Stölzls hoffnungsvolle Karriere in der Zusammenarbeit mit großen Auftraggebern aus der Industrie brach ab; sie emigrierte in die Schweiz und führte dort bis zu ihrem Tod eine Handweberei.

Sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR gerieten die meisten Bauhaus-Frauen in lange Vergessenheit. Heute gibt es nun auch regional verstärkte Anstrengungen, insbesondere an den jeweiligen Heimatorten, die Spuren der vergessenen Mütter und Töchter der Moderne nachzuzeichnen und sichtbar zu machen. In Chemnitz bildete sich 1999 die Marianne-Brandt-Gesellschaft, das Landesmuseum Oldenburg intensiviert die Recherchen zur Textilgestalterin Margarete Willers, die Stadt Köln ehrte im September 2018 die Keramikerin Margarete Heymann-Loebenstein-Marks mit einem Stolperstein, und von April bis August 2019 ist ihr und ihrer ebenfalls am Bauhaus ausgebildeten Cousine, der Bühnenbildnerin Marianne Ahlfeld-Heymann, eine Ausstellung gewidmet. Auch im Angermuseum Erfurt werden in der Ausstellung "Bauhausmädels" bis Juni 2019 Werke von Heymann-Loebenstein-Marks, Gertrud Arndt, Marianne Brandt und Margaretha Reichardt gezeigt.

Aktualität weiblicher Moderne

"Die Welt neu denken", so lautet das einladende Motto des Bauhaus Verbundes 2019 für die Feierlichkeiten des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums. Wenn er mehr sein soll als ein griffiger Werbeslogan mit Verfallsdatum 31. Dezember 2019, so kann er viel, sogar alles bedeuten: nicht nur die Einladung zu einem kunsthistorischen Spaziergang, sondern zu einem utopischen Ausblick in die Zukunft. "Es gibt im Leben keine Wiederholung, es gibt nur das Beharren", sagte schon die legendäre Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein, die im Zeitalter der technischen Beschleunigung als Meisterin der Langsamkeit für die literarische Moderne das filmische Mittel der Zeitlupe und der mantraartigen rhythmischen Wortwiederholung in die Sprache brachte.

Ich möchte behaupten, dass noch längst nicht alles entdeckt, erprobt, ausgeschöpft, bedacht worden ist, was in der kurzen Blütezeit der Moderne zwischen den zwei Weltkriegen ersonnen, entwickelt, geschaffen, in die Welt geworfen wurde. Und mir erscheinen die Werke, Äußerungen und auch die Lebenswege von Bauhaus-Frauen wie Gunta Stölzl, Anni Albers, Otti Berger, Friedl Dicker, Lou Scheper, Marguerite Friedlaender-Wildenhain, Alma Buscher und Lucia Moholy bei aller individuellen Unterschiedlichkeit aus heutiger Perspektive moderner, radikal neuer, mutiger, kreativer und zukunftsfähiger als die Mehrzahl der Hinterlassenschaften ihrer berühmten Lehrer, Mitschüler oder Ehemänner. Diese brachten großartige neue Ideen und Werke in die Welt, doch die jahrhundertealte "Gewohnheit" patriarchaler Dominanz ließ die meisten von ihnen den neuen Menschen weiter als überlegenen männlichen Vordenker (und Genie) entwerfen. Und der verzichtete, ganz gleich ob als Künstler oder als Sozialist, selten auf seine Vorrechte, Machtgesten und Selbstgefälligkeiten.

Die genannten Bauhaus-Frauen hingegen – eine große Anzahl von ihnen übrigens jüdischer Herkunft – überwanden die Gedächtnis- und Bindungslosigkeit, mit der die Innovations- und Machbarkeitszwänge manch "moderner" Produkte architektonischer Selbsterhöhung bis heute einhergehen, und vollzogen angesichts ihres glücklichen Überlebens der zweiten mörderischen, von Menschen herbeigeführten universellen Katastrophe spätestens in der Emigration einen Perspektiv- und Positionswechsel vom unsterblichen individuellen Werk (Produkt) zum lebendigen Wirken (Prozess). In ihrer weiblichen Vision der Moderne entwarfen sie die Welt und sich selbst auf der Grundlage einer gemeinschaftlich fundierten, schöpferischen Arbeit mit Konzentration auf das Wesentliche in der Verdichtung von Geist und Stoff (Materie). Und sie setzten ihr Schaffen ebenso achtungsvoll in Beziehung zum aktuellen Lebenskontext wie zu Traditionen und kulturellen Praktiken anderer Zeiten und Völker.

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