Das Bauhaus in Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt

22.3.2019 | Von:
Burcu Dogramaci

Zur Globalisierung des Bauhauses

Die Eröffnung der Kunstschule Bauhaus in Weimar 1919 unter dem Gründungsdirektor Walter Gropius veränderte die Geschichte der Architekten- und Künstlerausbildung entscheidend. In Weiterführung der vom britischen Maler und Architekten William Morris und der Arts-and-Crafts-Bewegung bereits im 19. Jahrhundert formulierten Vorstellung der künstlerischen Wiederbelebung des Handwerks basierte die Bauhaus-Idee auf einer praxisorientierten Ausbildung beziehungsweise einer praktischen Werkstatterziehung. Gropius hatte 1919 in seinem Bauhaus-Manifest zur Erneuerung der Künste durch die Zusammenführung von Kunst und Handwerk aufgerufen. Demzufolge standen die Werkstätten im Zentrum des Bauhaus-Programms: Ein Vorkurs legte das allgemeine künstlerische Fundament, bevor die Schülerinnen und Schüler ihre Ausbildung für drei Jahre an den Werkstätten, beispielsweise für Weberei, Metall- oder Keramikkunst, fortsetzten. Hier wurden sie von den Meisterinnen und Meistern nicht nur theoretisch und praktisch unterwiesen, sondern es wurde auch experimentiert und auf Bestellung gearbeitet – später in Dessau in enger Anbindung an die Industrie. Erst nach dem Erwerb des Gesellendiploms wurden sie in den abschließenden zweijährigen Architekturkurs aufgenommen.

Ziel aller bildnerischen Tätigkeit sollte der Bau sein, wobei erst 1927 eine eigene Architekturabteilung begründet wurde.[1] Unter den drei Leitern des Bauhauses – Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe – und an den drei Standorten Weimar, Dessau und Berlin wurde zwar das Ausbildungsprogramm modifiziert, wesentliche kunstpädagogische Grundzüge blieben aber erhalten. Bereits kurz nach seiner Gründung, spätestens aber nach der großen Ausstellung "Kunst und Technik – eine neue Einheit" 1923 wurde das Bauhaus rasch über die deutschen Grenzen hinaus bekannt und stilbildend. So entwickelte der niederländische Architekt Hendricus Theodorus Wijdeveld in den 1920er Jahren ein Programm für eine Internationale Arbeitsgemeinschaft, das deutliche Züge des Weimarer Bauhauses trug. Und auch nach Schließung des Berliner Bauhauses 1933 wirkte die Bauhaus-Pädagogik international fort.

Im Folgenden werde ich die globale Rezeption des Bauhauses und seiner pädagogischen Grundsätze vorstellen und dabei einige Beispiele für die Fortführung der prägenden kunsterzieherischen Ideen des Bauhauses im Ausland vorstellen. Adaptionen der Bauhaus-Pädagogik in Deutschland wie an der Berliner Reimann-Schule, der Textilschule Krefeld oder der Ulmer Hochschule für Gestaltung bleiben hier bewusst unberücksichtigt.

Zeitgenössische Rezeption

Die internationale Reputation der Schule und die Zusammensetzung von Lehrkörper und Studierenden trugen wesentlich zur globalen Verbreitung des Bauhauses bei. Schülerinnen und Schüler aus Japan, der Schweiz, der Türkei, den USA und Ungarn trugen ihre Erfahrungen nach dem Studium in ihre Heimatländer zurück.[2] Oftmals lässt sich derweil der "Abdruck" des Bauhauses nicht gradlinig in den Œuvres ehemaliger Bauhaus-Schüler nachweisen. So zeigt sich etwa in den Bauten des türkischen Bauhäuslers Semih Rüstem (Sefai) Temel eine Verankerung im Konstruktivismus, die vermutlich auf seine Kontakte zu Mitgliedern der KURI-Gruppe (kurz für "konstruktiv, utilitär, rational und international") am Bauhaus zurückzuführen ist.[3]

Ungarn
Deutlicher ist die Prägung durch das Bauhaus an den globalen Kunstschulen: Beispielhaft ist das Wirken von mehr als 20 Ungarn als Schüler und Meister am Bauhaus, wobei lange Zeit vor allem die bekannteren Bauhäusler Marcel Breuer und László Moholy-Nagy im Blickpunkt der Forschung standen. Doch auch andere wie der Architekt Farkas Molnár, der von 1921 bis 1925 am Bauhaus war und als Wegbereiter der modernen Architektur in Ungarn gilt, oder der Kunsttheoretiker Ernö Kállai waren wesentlich für die Popularisierung des Bauhauses in Ungarn.

Das sogenannte Ungarische Bauhaus wurde 1928 von Sándor Bortnyik begründet,[4] der in den 1920er Jahren in Weimar gelebt und intensive Kontakte zu Bauhäuslern gepflegt hatte. Vor allem das Erlebnis eines gattungsübergreifenden, umfassenden Kunstwillens und der Gedanke des Kollektivs hatten ihn nachhaltig geprägt. Zurück in Budapest versuchte Bortnyik eine Künstlerwerkstatt nach den Prinzipien des Bauhauses aufzubauen.[5] Er gründete eine private Schule für angewandte Grafik und typografische Gestaltung und widmete sich damit künstlerischen Bereichen, die seit 1925 auch am Bauhaus bedeutend gewesen waren. Bereits der Name der Budapester Kunstschule, "Mühely" (ungarisch: "Werkstatt"), die auch "Kis Bauhaus" ("Kleines Bauhaus") genannt wurde, schuf eine direkte Verbindung zum deutschen Pendant. Übernommen wurden vor allem die praktische Ausrichtung sowie der gestaffelte Lehrplan. Bortnyik versuchte, seine Schülerinnen und Schüler mit einfallsreichen Unterrichtsmethoden an die Kunst heranzuführen und sie mit verschiedenen Materialien und Formen vertraut zu machen. Der Op-Art-Künstler Victor Vasarely, Absolvent der Mühely, beschrieb in seinen Erinnerungen, wie er "Begriffe wie schrill, taub, zart, weich, ruhig etc. mit Formen, Farben und verschiedenen Werkstoffen bildnerisch" ausdrücken sollte.[6] Zudem integrierte Bortnyik, selbst ein anerkannter Plakatkünstler, neue Medien in seinen Unterricht und ließ Entwürfe für Reklamemittel, Druckerzeugnisse, Buchillustrationen und Plakate fertigen.[7] Nicht nur Molnar unterrichtete an der Mühely, auch Moholy-Nagy gab nach seinem Ausscheiden aus dem Dessauer Bauhaus Kurzlehrgänge in Budapest. Bortnyiks Schule, an der etwa 100 Studierende ausgebildet wurden, schloss 1938.

Der ungarische Maler Gyula Pap, der seit 1920 am Bauhaus studiert hatte und vor allem durch den frühen Bauhaus-Meister und Leiter des Vorkurses Johannes Itten geprägt war, betätigte sich ebenfalls als Mittler der Lehrmethoden des Bauhauses. 1948 begründete er in Nagymaros an der Donau das Volkskollegium für bildende Kunst "Nagy Balogh", an dem sich begabte, mittellose Arbeiter- und Bauernkinder künstlerisch fortbilden konnten.[8] Ähnlich wie am Bauhaus bildete sich eine Lebensgemeinschaft, die einen Weinberg bewirtschaftete und Zeichenmaterialien eigenhändig aus lokalen Rohstoffen herstellte. Pap beabsichtigte zudem, kollektive Werkstätten und Ateliers auf den Spuren des Bauhauses einzurichten. Vor allem aber adaptierte er die pädagogischen Prinzipien des Weimarer Vorkurses, der unter Itten auf der Kontrastlehre aufgebaut hatte.[9] Auch Pap ließ seine Schüler Linienübungen, Hell-Dunkel-Arbeiten sowie freie Farbkompositionen erarbeiten. Aus politischen Gründen wurde das "Nagy Balogh" jedoch bereits 1949 geschlossen. Ein Großteil der Schüler konnte an die Hochschule für Bildende Künste in Budapest wechseln.[10]

Japan
In Japan wurde das Bauhaus zunächst durch einheimische Architekturzeitschriften popularisiert, die rege über die Weimarer Kunstschule berichteten. Der erste Japaner am Bauhaus war der Maler Teinsuke Nakada, der nach seiner Rückkehr 1925 einen vielbeachteten Bericht über das Bauhaus schrieb. Der junge Architekt Renshichiro Kawakita eröffnete 1931 in Tokyo ein Architekturinstitut ("Seikatsu Kosei Kenkyusho", übersetzbar als "Kollektiv für alltägliche Lebensgestaltung"), dessen Curriculum er an die Bauhaus-Lehre anpasste.[11] Er erhielt wesentliche Anregungen durch Takehiko Mizutani, der seit 1927 den Vorkurs von Josef Albers besucht hatte. Auch das Ehepaar Iwao und Michiko Yamawaki, das von 1930 bis 1932 am Dessauer Bauhaus studiert hatte, trug wesentlich zur Verbreitung der Bauhaus-Pädagogik in Japan bei. Vor allem Iwao, der als Fotograf und Architekt an der Nihon Universität in Tokyo lehrte, wandte die Prinzipien der Bauhaus-Lehre in seinem Unterricht an. Wieder waren es der Vorkurs und der freie Umgang mit Materialien, Formen und Farben, die besonders prägend gewirkt hatten.

Hannes Meyer: Sowjetunion, Mexiko
Nicht nur die Schüler, auch die Meister exportierten die Bauhaus-Lehre ins Ausland. Hannes Meyer, Nachfolger von Walter Gropius als Leiter des Bauhauses, wirkte sowohl in der Sowjetunion als auch in Mexiko als Lehrer und versuchte seine pädagogischen Ansätze in die Erziehung junger Architekten einzubringen.[12] Unter dem Direktorat Meyers wurde eine wissenschaftlich fundierte Baulehre eingeführt; er forderte seine Studentinnen und Studenten auf, sich neben ihren Entwürfen auch soziologischen und naturwissenschaftlichen Fragestellungen zu widmen. Wissenschaftliche Untersuchungen zu den Lebensräumen von Arbeiter- und Angestelltenfamilien in Dessau und Umgebung ergänzten die praktische Lehre. In der Sowjetunion setzte Meyer seit 1930 seine Lehrtätigkeit fort. Als Professor an der Hochschule für Architektur, der WASI, unterrichtete er zunächst Wohnbau und soziales Bauen, später landwirtschaftliches Bauen und Industriebau. Meyer vertrat die Idee einer steten Entwicklung der Studierenden von allgemeinen Grundlagenfächern zu einzelnen Fachdisziplinen, bei dem den "gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen und den wissenschaftlichen Analysen" ein wichtiger Platz zugewiesen wurde. Die Grundlagenvermittlung ähnelte dem Prinzip des Vorkurses am Bauhaus, und auch die Auseinandersetzung mit den realen zeitgenössischen Lebensbedingungen gehörte sowohl in Dessau als auch in Moskau zu den pädagogischen Maximen Meyers. Gleichzeitig waren die Themen und Aufträge den spezifischen Bedingungen in der Sowjetunion angepasst: Die Studierenden sollten im Auftrag des Volkskommissariates der Landwirtschaft Schulen, Krippen und Lager für Kolchosen in der Ukraine entwerfen.

Nachdem Meyer 1939 nach Mexiko emigriert war, versuchte er auch dort seine pädagogischen Prinzipien umzusetzen: Am Nationalen Polytechnischen Institut, der ersten städtebaulichen Bildungseinrichtung Mexikos, an deren Gründung Meyer mitwirkte, sollten graduierte Architekten, Ingenieurinnen und Ökonomen in einem zweijährigen Aufbaustudium in die Stadt- und Regionalplanung eingeführt werden. Die Ausbildung gliederte er als straffes Stufenprogramm: Der erfolgreiche Abschluss setzte das Absolvieren von zehn Problemkreisen voraus, deren Schwierigkeitsgrad und Komplexität jeweils zunahmen. Meyer übertrug seinen gesellschaftspolitischen Ansatz und die analytisch-wissenschaftliche Herangehensweise, die er bereits am Bauhaus vertreten hatte, nach Mexiko. So sollten die Studierenden des ersten Jahreskurses die Lebensräume von Arbeiter- und Angestelltenfamilien in Mexiko-Stadt untersuchen, wobei nicht nur der Mikrokosmos Wohnung betrachtet werden, sondern auch die Kontextualisierung in den Makrokosmos Stadt erfolgen sollte.[13] Die Ergebnisse der Untersuchung gewährten komplexe Einsichten in Lebensweise, Wohnmilieu und soziale Verhältnisse der ausgewählten Familien. Die Parallelen zu den unter Meyer erstellten Analysen am Dessauer Bauhaus sind evident. 1941 fiel der Architekt und Lehrer nach einem politischen Macht- und Führungswechsel Intrigen zum Opfer und wurde entlassen.

Fußnoten

1.
Dennoch waren alle Leiter des Bauhauses Architekten, und die Schüler arbeiteten an den Bauprojekten der Meister mit. Zu Programm und Programmatik des Bauhauses vgl. Winfried Nerdinger, Das Bauhaus. Werkstatt der Moderne, München 2018; Olivier Gabet (Hrsg.), The Spirit of the Bauhaus, London 2018.
2.
Zu den Netzwerken am Bauhaus siehe das Forschungsprojekt "Bewegte Netze. Bauhausangehörige und ihre Beziehungs-Netzwerke in den 1930er und 1940er Jahren", 2013–2016, http://www.b-tu.de/fg-kunstgeschichte/forschung/projekte/bewegte-netze«. Zum Bauhaus als kosmopolitisches Projekt siehe die Ausstellung "bauhaus imaginista", Haus der Kulturen der Welt, Berlin 2019.
3.
Vgl. Eva Baikay-Rosch, Die KURI-Gruppe, in: Hubertus Gaßner (Hrsg.), Wechselwirkungen. Ungarische Avantgarde in der Weimarer Republik, Marburg 1986, S. 56–74. Zu den Türken am Bauhaus siehe Burcu Dogramaci, Bauhaus in der Türkei, in: Bauhaus-Archiv Berlin (Hrsg.), bauhaus global, Berlin 2010, S. 173–182.
4.
Vgl. Sándor Bortnyik, Programm des Ungarischen Bauhauses (1929), in: Éva R. Bajkay, Die Ungarn am Bauhaus – von Kunst zu Leben, Pécs 2010, S. 358.
5.
Vgl. ders., Etwas über das Bauhaus, in: Eckhard Neumann (Hrsg.), Bauhaus und Bauhäusler, Köln 1985, S. 145–149.
6.
Zit. nach Gaston Diehl, Vasarely, Liechtenstein 1990, S. 8.
7.
Vgl. Sándor Bortnyik, Programm des Ungarischen Bauhauses. Neue Wege des "Kunstgewerbe-Unterrichts" (1928), in: Gaßner (Anm. 3), S. 376–379, hier S. 379.
8.
Vgl. Gyula Pap, Bauhauserziehung in Ungarn: "Nagy Balogh" – Volkskollegium und Malerschule in Nagymaros 1948–1949, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar 4–5/1979, S. 394–197.
9.
Vgl. Martin Busch, Der Vorkurs am frühen Bauhaus, in: Klaus-Jürgen Winkler (Hrsg.), Bauhaus-Alben. Teil 1: Vorkurs, Tischlerei, Drechslerei, Holzbildhauerei, Weimar 2006, S. 14f.
10.
Vgl. Neumann (Anm. 5), S. 141.
11.
Vgl. Chisaburoh F. Yamada, Dialogue in Art. Japan and the West, Tokyo 1976, S. 145.
12.
Vgl. Klaus-Jürgen Winkler, Der Architekt Hannes Meyer, Berlin 1989.
13.
Vgl. Hannes Meyer, El Espacio Vital de la Familia, in: Edificacion 32/1940, S. 8.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Burcu Dogramaci für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.