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6.10.2005 | Von:
Rainer Watermann

Politische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen

Politische Sozialisation

Demokratien beruhen darauf, dass die grundlegenden Werte, Normen und Herrschaftsstrukturen der politischen Ordnung in der Bevölkerung Zustimmung finden. Diese kann sich auf das politische System als unspezifisches Ganzes oder konkret auf die einzelnen Leistungen politischer Akteure oder Institutionen beziehen. In Anlehnung an David Easton unterscheidet man daher zwischen der diffusen und spezifischen Unterstützung.[4] Die diffuse Unterstützung stellt eine grundlegend positive Einstellung gegenüber dem politischen System und den politischen Autoritäten dar. Sie ist deutlich affektiv getönt und relativ robust gegenüber Mängeln politischer Institutionen und Autoritäten. Diffuse Unterstützung basiert auf Vertrauen, welches das Individuum zum Teil aufgrund längerfristig erfahrener Leistungen des politischen Systems entwickelt hat, das zum Teil jedoch auch durch frühe Sozialisationsprozesse als eine Art Vertrauensvorschuss verstanden werden kann. Wenn diffuse Unterstützung in breitem Maße vorhanden ist, kann sich ein politisches System auch über Krisen hinweg als solches erhalten.

Demgegenüber ist die spezifische Unterstützung weniger verlässlich, und sie basiert auf sichtbaren Leistungen des politischen Systems, seiner Autoritäten und Institutionen. Wird die Leistungsfähigkeit eines Staates als mangelhaft wahrgenommen, z.B. aufgrund hoher Arbeitslosenquoten oder des Fehlens von Ausbildungsplätzen, so kann die spezifische Unterstützung - zumal unter Jugendlichen - schnell abbröckeln. Da sie sehr viel stärker vom aktuellen politischen Geschehen abhängt, bildet sie im Unterschied zur diffusen Unterstützung keinen zuverlässigen Indikator für die Stabilität einer demokratischen Ordnung. Erst wenn die spezifische Unterstützung etwa aufgrund lang anhaltender Krisen dauerhaft entzogen wird, erodiert auch die diffuse Unterstützung für die bestehende Ordnung.

Damit sich demokratische politische Systeme über Krisen hinweg erhalten können, ist es also notwendig, dass nachwachsende Generationen eine diffuse Unterstützung für Werte, Normen und Herrschaftsstrukturen der demokratischen Ordnung entwickeln. Aus der Perspektive demokratischer Systeme ist deshalb die Akzeptanz demokratischer Werte, Normen und Herrschaftsstrukturen im Sinne diffuser Unterstützung das zentrale Ziel politischer Sozialisation.

Wie eingangs erwähnt, wird dem Kindes- und Jugendalter im Prozess der politischen Sozialisation eine besondere Bedeutung beigemessen. Zum einen wird davon ausgegangen, dass die kognitiven und sozialen Voraussetzungen für das Verständnis gesellschaftlicher und politischer Zusammenhänge erst im Verlauf der frühen bis mittleren Adoleszenz ausgebildet werden, also etwa zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr. Zum anderen stellt dieses Alter eine Entwicklungsphase dar, in der Heranwachsende einen Zugang zu gesellschaftlichen und politischen Themen über die Auseinandersetzung mit ihrer beruflichen Zukunft und über Erfahrungen beim Übergang von der Schule in das Berufsleben finden, die darüber hinaus in hohem Maße durch die Medien kanalisiert werden. Nach Helmut Fend stehen Jugendliche in dieser Phase vor der Aufgabe, eine Balance zu finden zwischen einer basalen Akzeptanz demokratischer Werte, Normen und Herrschaftsstrukturen sowie der Entwicklung eines "gesunden Misstrauens" bzw. einer "ständigen Wachsamkeit gegenüber politischen Vorgängen".[5]

Er hat im Rahmen der Konstanzer Längsschnittuntersuchung die Bewältigung dieser Entwicklungsaufgabe empirisch untersucht. Für die Altersphase von 11 bis 17 Jahren stellt er einen Anstieg des politischen Interesses, die Zunahme des politischen Informationsverhaltens und eines Verständnisses für demokratische Prinzipien, eine Abnahme des Vertrauens in die politische Welt der Erwachsenen und des Glaubens an die Gerechtigkeit in der Gesellschaft sowie eine wachsende Beteiligung an politischen Entscheidungen und eine Wahrnehmung von Gestaltungsmöglichkeiten fest. Christel und Wulf Hopf interpretieren diese Ergebnisse im Sinne einer zunehmenden Fähigkeit der Verknüpfung politischen Urteilsvermögens mit einer "begründeten, an den Prinzipien der Demokratie orientierten Kritik der vorhandenen politischen Verhältnisse".[6] Heinz Reinders fasst die politische Sozialisation im Jugendalter als einen Prozess auf, der darauf abzielt, eine diffuse Unterstützung für die Werte, Normen und Herrschaftsstrukturen der demokratischen Ordnung zu entwickeln, um auf deren Basis das Handeln politischer Akteure bewerten zu können.[7]

Unser Wissen über die Entwicklung politischer und gesellschaftlicher Unterstützung im Jugendalter bleibt notwendigerweise begrenzt, wenn nicht zusätzlich Informationen über die Lebensumstände und biografische Erfahrungen Jugendlicher in Rechnung gestellt werden. In welchem Ausmaß Jugendliche eine basale Unterstützung für das politische System entwickeln, hängt auch von den Erfahrungen in der Familie, in der Gleichaltrigengruppe, in der Schule sowie im Zuge des Übergangs von der Schule in die berufliche Erstausbildung ab. Im Zentrum dieses Beitrags stehen Erfahrungen des Aufwachsens sowohl in den west- als auch den ostdeutschen Ländern der Bundesrepublik Deutschland. Zudem wird ein besonderer Wert auf die Schule gelegt.


Fußnoten

4.
Vgl. David Easton, A re-assessment of the concept of political support, in: British Journal of Political Science, 5 (1975), S. 435 - 457.
5.
H. Fend (Anm.1), S. 137.
6.
Christel Hopf/Wulf Hopf, Familie, Persönlichkeit, Politik, Weinheim 1997, S. 94.
7.
Heinz Reinders, Politische Sozialisation Jugendlicher in der Nachwendezeit. Forschungsstand, theoretische Perspektiven und empirische Evidenzen, Opladen 2001.