APUZ Dossier Bild

6.10.2005 | Von:
Rainer Watermann

Politische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen

Die BIJU-Studie

Datenbasis

Die Datenbasis der vorliegenden Untersuchung bildet ein Teildatensatz der Untersuchung "Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugend- und jungen Erwachsenenalter",[9] die am Max-Planck-Institut (MPI) für Bildungsforschung, Berlin, unter der Leitung von Jürgen Baumert durchgeführt wird. Mittlerweile ist die BIJU-Studie ein Kooperationsprojekt zwischen dem MPI für Bildungsforschung und dem Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), Berlin, das von Olaf Köller geleitet wird. Die Studie untersucht Bildungskarrieren im Jugend- und jungen Erwachsenenalter. Eine Komponente der Studie ist den langfristigen Konsequenzen gewidmet, die das schulische Milieu für die politische Sozialisation besitzt. Die in diesem Beitrag untersuchte Kohorte (Jahrgangsgruppe) von Schülerinnen und Schülern aller Schulformen der Sekundarstufe I (mit Ausnahme von Sonderschulen und Berufsschulen) stammte aus den Ländern Nordrhein-Westfalen, Berlin (ehemals West- und ehemals Ost-Berlin), Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Als die Jugendlichen im Schuljahr 1991/92, also direkt nach der Umstellung des Schulsystems in Ostdeutschland, in der siebten Jahrgangsstufe zum ersten Mal befragt wurden, waren sie im Schnitt etwa 13 Jahre alt. Innerhalb dieses Schuljahres wurde zu drei Zeitpunkten (zu Beginn, in der Mitte und zum Ende des Schuljahres) in Ergänzung zu Schulleistungstests ein Schülerfragebogen eingesetzt. Allerdings wurden nur in der Mitte des Schuljahres Fragen zur politischen Sozialisation gestellt. Drei Jahre später - zum Ende des zehnten Schuljahres im Schuljahr 1994/95 -, als die Schülerinnen und Schüler im Schnitt 16 Jahre alt waren, erfolgte die letzte Befragung im Klassenverband mit identischen Fragen zur politischen Sozialisation. Die nachfolgenden Ergebnisse basieren auf den Antworten von N = 1 616 Schülerinnen und Schülern, die zu beiden Zeitpunkten - in der 7. und der 10. Jahrgangsstufe - befragt worden sind.

Instrumente

Generalisiertes Vertrauen in das politische System: Das Vertrauen in das politische System wird als eine affektive Unterstützung aufgefasst, die in Abgrenzung zur Leistung einzelner politischer Autoritäten ausgedrückt wird. So lautete eines der zu beurteilenden Statements: "Einzelne Politiker und Parteien machen sicherlich manches falsch, aber im Großen und Ganzen ist die Demokratie in Ordnung". Mit einem anderen Statement - "Vieles, was man sich wünscht, ist nicht möglich, aber im Großen und Ganzen geht es bei uns in der Bundesrepublik doch gerecht zu" - wird ein reservoir of good will gemessen. Insgesamt wurden den Jugendlichen vier Aussagen vorgelegt, die aus der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) stammen bzw. Eigenentwicklungen des Projekts darstellen. Die im Fragebogen vorgegebenen Antwortalternativen variieren von 1 "stimme völlig zu" bis 4 "stimme überhaupt nicht" zu. Für die Auswertung wurden die einzelnen Antworten auf die vier Statements in Richtung Systemvertrauen umgepolt und gemittelt. Hohe Werte weisen auf ein hohes Systemvertrauen hin.

Vertrauen in Institutionen: Das Vertrauen in Institutionen gilt als ein Gradmesser für die affektive Unterstützung, die gesellschaftliche Institutionen der Bundesrepublik von Seiten der Bevölkerung besitzen. Anhand der Antwortkategorien 1 "sehr" bis 4 "gar nicht" wurde das Vertrauen in die Kirche, Schulen, Gewerkschaften, Polizei, Verwaltung und Behörden, Gerichte und politische Parteien erfasst. Wie beim Systemvertrauen wurden die Antworten in Richtung Vertrauen umgepolt und gemittelt, so dass hohe Werte ein hohes Vertrauen in Institutionen indizieren. Ergänzend zu dieser Indexbildung werden Ergebnisse zu den einzelnen Institutionen berichtet.

Zustimmung zu Prinzipien der Demokratie: Teilaspekte dessen, was Kinder und Jugendliche inhaltlich unter Demokratie verstehen, wurden über vier Statements erfasst, die der Demokratieskala von Wilhelm Bürklin[10] (zurückgehend auf Max Kaase[11]) entnommen wurden. Die Statements beziehen sich auf zwei Aspekte der Demokratie. Die Aussage "Jeder Bürger hat das Recht, notfalls für seine Überzeugung auf die Straße zu gehen" stellt einen Indikator für den Aspekt "offensive Partizipation" dar. Das Statement "Eine lebensfähige Demokratie ist ohne politische Opposition nicht denkbar" bildet einen Indikator für den Aspekt "Regelverständnis", der besonders auf die Rolle von Regierung und Opposition in Demokratien abhebt. Zur Beurteilung der vier Aussagen kam eine 6-stufige Skala von 1 "volle Zustimmung" bis 6 "volle Ablehnung" zum Einsatz. Auch in diesem Bereich wurden die Antworten auf die vier Statements in Richtung Zustimmung kodiert und anschließend gemittelt. Hohe Werte indizieren eine hohe Zustimmung zu demokratischen Prinzipien.

Überzeugungen zu den Möglichkeiten sozialen Aufstiegs: Eine entscheidende Voraussetzung sozialer Ungleichheit in modernen Gesellschaften ist die Vorstellung von Leistungsgerechtigkeit bei der Verteilung von Gütern und Belohnungen. Ungleichheiten sind demnach akzeptabel, soweit sie unterschiedliche Fähigkeiten und Leistungen der Individuen widerspiegeln. Die Chancen des Zugangs zu Vorteilen sollen offen sein, das heißt, nicht von Klassenzugehörigkeit oder Herkunft abhängen, sondern sich nach erworbenen Qualifikationen und persönlicher Leistung richten (meritokratisches Prinzip). Ein gesicherter empirischer Befund der Ungleichheitsforschung besteht darin, dass in der Bevölkerung westlicher Industrienationen meritokratisch bedingte Ungleichheit eine hohe Legitimation erfährt, während sozial und strukturell bedingte Ungleichheit wenig Zustimmung findet.[12] Inwieweit in der Wahrnehmung Jugendlicher das meritokratische Prinzip in der Bundesrepublik Anwendung findet, soll deshalb als ein Maß für die Akzeptanz der Ungleichheitsverhältnisse in der Bundesrepublik gelten.

Zur Erfassung von Überzeugungen zu den Möglichkeiten sozialen Aufstiegs wurde eine leicht abgeänderte Version eines von Johann-Ulrich Sandberger[13] entwickelten Fragebogens eingesetzt.[14] Im Anschluss an die Frage "Von welchen Faktoren hängt es tatsächlich ab, ob jemand in unserer Gesellschaft Erfolg hat und aufsteigt?" sollten zehn verschiedene Mittel und Wege für sozialen Aufstieg im Hinblick auf ihre Wirksamkeit auf einer Bewertungsskala von 1 "stimmt genau" bis 4 "stimmt nicht" beurteilt werden. In den bisherigen Arbeiten ließen sich die Einschätzungen der Befragten in zwei gut voneinander trennbare Aspekte einteilen. Der erste Aspekt bündelt Statements, die individuelle Fähigkeiten, Kenntnisse, Leistung, Anstrengung und Initiative als Bedingungen für sozialen Aufstieg ansprechen (Beispiel: "Man muss sich anstrengen und fleißig sein"; "man muss begabt und intelligent sein"; "man muss Fachkompetenz auf seinem Spezialgebiet haben"), der zweite wird durch Statements konstituiert, die sich auf ökonomisches und soziales Kapital als Bedingungen für sozialen Aufstieg sowie auf moralisch zweifelhafte Verhaltensweisen beziehen (Beispiel: "Man muss Geld und Vermögen haben"; "man muss die richtigen Beziehungen haben"; "man muss andere ausnutzen").

Auch in der vorliegenden Kohorte von Schuljugendlichen bestätigte sich diese Beurteilungsstruktur. Dies bedeutet, dass Jugendliche zwischen meritokratischen sowie ergänzend hierzu nichtmeritokratischen Mitteln und Wegen unterscheiden. Letztere sollen im Weiteren als strukturelle Überzeugungen sozialen Aufstiegs bezeichnet werden. Wie zuvor, wurden auch diese Antworten umkodiert, so dass hohe Werte eine hohe Wirksamkeit dieser Mittel und Wege ausdrücken. Daten zu den sozialen Aufstiegsmöglichkeiten liegen nur für die 10. Jahrgangsstufe vor.


Fußnoten

9.
Vgl. http://www.biju.mpg.de.
10.
Vgl. Wilhelm Bürklin, Links und/oder demokratisch? Dimensionen studentischen Demokratieverständnisses, in:. Politische Vierteljahresschrift, 21 (1980), S. 220 - 247.
11.
Vgl. Max Kaase, Demokratische Einstellungen in der Bundesrepublik Deutschland, in: Rudolf Wildenmann (Hrsg.), Sozialwissenschaftliches Jahrbuch für Politik, München 1971.
12.
Vgl. Stefan Hradil, Soziale Ungleichheit in Deutschland, Opladen 1999.
13.
Vgl. Johann-Ulrich Sandberger, Zwischen Legitimation und Kritik. Vorstellungen von Akademikern, Studenten und Bevölkerung zur sozialen Ungleichheit, in: Zeitschrift für Soziologie, 12 (1983), S. 181 - 202.
14.
Für Details vgl. Rainer Watermann, Gesellschaftsbilder im Jugendalter. Vorstellungen Jugendlicher über die Ursachen von sozialer Aufstiegsmobilität, Opladen 2003.