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6.10.2005 | Von:
Rainer Watermann

Politische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen

Ergebnisse

Es wurde davon ausgegangen, dass sowohl das Systemvertrauen als auch das Vertrauen in zentrale gesellschaftliche Institutionen beim Übergang von der frühen bis zur mittleren Adoleszenz abnehmen, während die Akzeptanz grundlegender demokratischer Prinzipien zunimmt. Hierbei ist von Interesse, in welchem Maße dieser vermutete Entwicklungsverlauf durch die Bedingungen des Aufwachsens in den west- und ostdeutschen Bundesländern in der Nachwendezeit und durch die besuchte Schulform beeinflusst wird.

Zunächst soll der Blick auf die Entwicklung des Vertrauens in gesellschaftliche Institutionen gelenkt werden. In den Grafiken 1a und 1b sind die Mittelwerte für das Vertrauen in die einzelnen Institutionen getrennt für west- und ostdeutsche Kinder und Jugendliche abgebildet. In der siebten Jahrgangsstufe ist das Vertrauen in die Polizei noch am stärksten ausgeprägt, unmittelbar gefolgt von den Schulen. Die politischen Parteien genießen in diesem Alter das geringste Vertrauen. Betrachtet man die Entwicklung, ist erwartungsgemäß eine Abnahme festzustellen. Der Verlust des Vertrauens in die Polizei und in die Kirchen fällt hierbei am deutlichsten aus. Bemerkenswert ist, dass in den ostdeutschen Ländern das Vertrauen in die Kirchen deutlich abnimmt, obwohl diese im Zuge der "friedlichen Revolution" im Jahre 1989 eine zentrale Rolle gespielt haben. Der leichte Anstieg des Vertrauens in die Gewerkschaften deutet möglicherweise auf ein wachsendes konzeptionelles Verständnis der Funktion von Gewerkschaften in demokratischen Gesellschaften hin.

Wie Analysen an anderer Stelle zeigen,[15] fällt die Abnahme des Vertrauens in gesellschaftliche Institutionen nicht mit einem in der Gesamtbevölkerung zu beobachtenden Trend zusammen, sondern es handelt sich tatsächlich um einen alters- bzw. entwicklungsspezifischen Verlauf.

In der Tabelle auf Seite 22 der PDF-Version ist das über alle Institutionen hinweg gemittelte Vertrauen nach regionaler Herkunft, Schulform und Erhebungszeitpunkt abgebildet. Es ist gut zu erkennen, dass in allen Teilgruppen das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen in einem vergleichbaren Ausmaß sinkt. Der Tabelle können auch die Mittelwerte für das Systemvertrauen entnommen werden. Auch in diesem Bereich kann wie erwartet eine leichte Abnahme festgestellt werden. Im Unterschied hierzu wächst die Akzeptanz grundlegender demokratischer Prinzipien. In allen nach regionaler Herkunft und Schulform unterschiedenen Gruppen steigt die Zustimmung zu demokratischen Prinzipien in bedeutsamer Weise an. Während also der im frühen Jugendalter noch vorhandene Vertrauensvorschuss für politische und gesellschaftliche Institutionen im mittleren Jugendalter tatsächlich eine Relativierung erfährt, treffen demokratische Prinzipien im Verlauf der Entwicklung insgesamt auf eine breitere Zustimmung.

Wendet man sich den Unterschieden zwischen west- und ostdeutschen Kindern und Jugendlichen zu, ergibt sich folgendes Bild: Bereits im frühen Jugendalter besitzen Heranwachsende aus den westdeutschen Ländern im Vergleich zu jenen aus den ostdeutschen ein höheres Vertrauen in die gesellschaftlichen Institutionen wie auch ein höheres Systemvertrauen. Die Entwicklung des Vertrauens in Institutionen folgt bei Jugendlichen aus west- und ostdeutschen Ländern einem vergleichbaren Muster (vgl. auch die Grafiken 1a und 1b der PDF-Version). Dies führt dazu, dass die in Jahrgangsstufe 7 ermittelten Niveauunterschiede im Zeitverlauf in etwa gleich bleiben. Dagegen sinkt das Systemvertrauen in den ostdeutschen Ländern relativ deutlich, während es in den westdeutschen Ländern kaum eine Veränderung erfährt. Beim Demokratieverständnis ergibt sich ein anderes Bild: Kinder und Jugendliche aus west- und ostdeutschen Ländern unterscheiden sich in diesem Bereich nur marginal voneinander.

Die Unterschiede zwischen west- und ostdeutschen Ländern werden überlagert durch Unterschiede der Schulform. So ist das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen bei Gymnasiasten insgesamt etwas höher ausgeprägt als bei Schülerinnen und Schülern anderer Schulformen. Weiterhin besitzen jene, die das Gymnasium besuchen, eine höhere Akzeptanz der erfassten demokratischen Prinzipien als jene, die andere Schulformen absolvieren. Bei Gymnasiasten beträgt der Zuwachs über drei Jahre fast eine halbe Standardabweichung. In der Gruppe der Nichtgymnasiasten liegt der Zuwachs bei etwa einer Viertel Standardabweichung. Der Zuwachs ist in den west- und ostdeutschen Bundesländern von einer vergleichbaren Größenordnung.

Wie verhält es sich mit den Überzeugungen zu den Möglichkeiten sozialen Aufstiegs? Wie erwähnt, wurden diese in der BIJU-Studie erst in Jahrgangsstufe 10 gemessen. Der Grafik 2 der PDF-Version sind die mittleren Einschätzungen in den zehn Statements - getrennt für west- und ostdeutsche Jugendliche - zu entnehmen. Wie deutlich zu erkennen ist, werden meritokratische Wege des sozialen Aufstiegs am wirkungsvollsten eingestuft: Am wichtigsten - wenn man es im Leben zu etwas bringen will - sind in den Augen der Jugendlichen Initiative, Fachkenntnisse, Anstrengung und Begabung. Mit Ausnahme des Statements "Beziehungen zu den richtigen Leuten", das als soziales Kapital von Individuen ebenfalls als bedeutsam für sozialen Aufstieg bewertet wird, rangieren Merkmale der sozialen Herkunft (Vermögen, richtige Familie), politisches Wohlverhalten und moralisch zweifelhafte Verhaltensweisen (Rücksichtslosigkeit und Ausnutzung anderer) in der hier genannten Reihenfolge auf den hinteren Plätzen. Die befragten Jugendlichen sind also davon überzeugt, dass es in der Gesellschaft leistungsgerecht zugeht. Darüber hinaus ist ihnen die ergänzende Bedeutung anderer Mittel und Wege zu sozialem Aufstieg durchaus bewusst. Bemerkenswert sind die sehr deutlichen Unterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen aus west- und ostdeutschen Ländern. Jene aus den ostdeutschen Ländern sind in signifikant höherem Maße davon überzeugt, dass nicht nur Leistung, Anstrengung und Fähigkeiten, sondern auch andere Mechanismen am Werke sind, die über sozialen Aufstieg mitentscheiden.

Ferner weisen Jugendliche, die das Gymnasium besuchen, eine höhere meritokratische Überzeugung auf als Jugendliche, die anderen Schulformen zuzuordnen sind. Die in Abhängigkeit von der Schulform auftretenden Unterschiede in den meritokratischen Überzeugungen sind zwar im statistischen Sinne signifikant, praktisch jedoch wenig bedeutsam. Hinsichtlich der strukturellen Überzeugungen sozialen Aufstiegs sind unterschiedliche Schulformen ohne Belang.


Fußnoten

15.
Vgl. Rainer Watermann/Kai S. Cortina/Jürgen Baumert, Politische Sozialisation bei Jugendlichen in der Nachwendezeit: Befunde aus BIJU, in: Jürgen Abel/Renate Möller/Christian Palentien (Hrsg.), Jugend im Fokus empirischer Forschung, Münster 2004.