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6.10.2005 | Von:
Rainer Watermann

Politische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen

Ausblick

Die Ergebnisse der BIJU-Studie bestätigen die robusten Befunde der politischen Sozialisationsforschung, die auf eine Zunahme des Demokratieverständnisses und auf eine Abnahme des Systemvertrauens sowie des Vertrauens in gesellschaftliche Institutionen im Jugendalter hinweisen. Diese Entwicklung verlief in den west- und ostdeutschen Bundesländern sehr ähnlich, wobei ostdeutsche Jugendliche kurz nach der Wende mit Ausnahme des Demokratieverständnisses auf einem niedrigeren Niveau der politischen Unterstützung "eingestiegen" sind. Die deutlich stärkere Abnahme des Systemvertrauens in den ostdeutschen Ländern lässt sich hierbei nur bedingt durch negative Wendeerfahrungen wie z.B. Arbeitslosigkeit in der Familie erklären. Wie weiterführende Analysen zeigen, nahm das Systemvertrauen Jugendlicher aus den ostdeutschen Bundesländern weitgehend unabhängig von den individuellen Lebensumständen ab. Weitere charakteristische Unterschiede traten bei der Beurteilung sozialer Aufstiegschancen auf. Ostdeutsche Jugendliche waren in höherem Maße der Überzeugung, dass ergänzend zu meritokratischen Mitteln und Wegen etwa die soziale Herkunft oder das politische Wohlverhalten über den sozialen Aufstieg in der Bundesrepublik mit entscheiden. Die substanziellen Unterschiede zwischen west- und ostdeutschen Ländern bezüglich der Überzeugungen hinsichtlich der Mechanismen sozialen Aufstiegs spiegeln dabei möglicherweise reale Verhältnisse aus DDR-Zeiten wider, als über den Zugang beispielsweise zu höheren Bildungsabschlüssen nicht nur nach Leistungsprinzipien, sondern auch nach Maßgabe des politischen Wohlverhaltens entschieden wurde.

Eine weitere Fragestellung betraf die Bedeutung der Schulform für die Entwicklung politischer Unterstützung. Hier zeigte sich das erwartete Ergebnis: Die Akzeptanz demokratischer Regeln und Prinzipien war bei Schülerinnen und Schülern, die das Gymnasium besuchten, im Durchschnitt höher. Dieser Unterschied ließ sich bereits in Jahrgangsstufe 7, also relativ kurz nach dem Übergang in das differenzierte Schulsystem, nachweisen. Der "Entwicklungsvorsprung" der Gymnasiasten ist dabei nicht allein der Sozialisationswirksamkeit der Schulform geschuldet. Mit dem Besuch des Gymnasiums und der damit häufiger einhergehenden Zugehörigkeit zu einer höheren sozialen Schicht besitzen Jugendliche auch einen Sozialisationsvorteil, der sich unter anderem in einer stärker auf Selbständigkeit, kritischer Entscheidungsfindung und Toleranz ausgerichteten Erziehung niederschlägt. Mit dieser Befundlage haben sich die Schulformen in den ostdeutschen Ländern überraschend schnell als Milieus etabliert, die ihren westdeutschen Pendants um nichts nachstehen.

Besonders bemerkenswert ist jedoch, dass Kinder und Jugendliche aus den ostdeutschen Ländern in einigen Aspekten eine deutlich niedrigere politische Unterstützung äußern als Gleichaltrige aus den westdeutschen Ländern, ohne dass sich dies negativ auf den Glauben an die Leistungsgerechtigkeit des Systems auswirkt. Das Gesellschaftsbild Jugendlicher aus den ostdeutschen Ländern scheint daher mehr Widersprüche aushalten zu müssen, als dies bei Jugendlichen aus den westdeutschen Ländern der Fall ist. Dies verdeutlicht, dass für den Prozess der politischen Sozialisation Jugendlicher - und dies gilt auch für die Situation in den westdeutschen Ländern - nicht die in sich geschlossene, also logisch konsistente Sichtweise auf die Gesellschaft und das politische System charakteristisch ist. Das Spannungsverhältnis zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Realitäten zu akzeptieren und zu balancieren gehört zum Kern der politischen Sozialisation.

Die vorliegenden Ergebnisse liegen zwar etwa zehn Jahre zurück, besitzen aber nach wie vor Gültigkeit. Bezieht man die Ergebnisse jüngerer Untersuchungen mit in die Betrachtung ein,[16] so ist eine bemerkenswerte Stabilität, was die Unterschiede zwischen westdeutschen und ostdeutschen Ländern betrifft, erkennbar. Auch zehn Jahre nach der Wiedervereinigung macht es einen Unterschied für die politische Sozialisation Jugendlicher, ob sie in den westdeutschen oder den ostdeutschen Ländern aufgewachsen sind. Längsschnittstudien, die einen größeren Untersuchungszeitraum einbeziehen können, werden dieses Bild in Zukunft erweitern bzw. komplettieren können. So wird auch die BIJU-Studie die Entwicklung bis in das junge Erwachsenenalter hinein verfolgen, um der Nachhaltigkeit der politischen Sozialisation im Jugendalter genauer nachgehen zu können.


Fußnoten

16.
Vgl. Arthur Fischer, Jugend und Politik, in: Deutsche Shell (Hrsg.), Jugend 2000 (Band 1), Opladen 2000.