Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Birte Förster

Friedensmacherinnen. Der Frauenfriedenskongress in Zürich 1919

Als Jeanne Mélin am letzten Tag des Frauenfriedenskongresses endlich in Zürich eintraf, unterbrach dessen Präsidentin Jane Addams für einen Moment die Sitzung. Der französischen Pazifistin war von ihrer Regierung zunächst keine Ausreisegenehmigung erteilt worden,[1] nun aber, am 17. Mai 1919, wurde sie mit tosendem Beifall von den 150 Delegierten empfangen. Ein besonderer Gruß wurde ihr von der deutschen Frauenrechtlerin Lida Gustava Heymann zuteil, die ihr einen Strauß Rosen überreichte und die Hoffnung äußerte, die deutschen Frauen könnten den französischen die Hand reichen, um nach dem Krieg eine Brücke zwischen Frankreich und Deutschland zu bauen. Mélin antwortete, unmittelbar nach der Katastrophe sehe sie mit Beklemmung, wie die Staatsmänner neue Kriege in die Wege leiteten, weil sie die 14 Punkte von US-Präsident Woodrow Wilson missachteten. Es sei daher an den Frauen, sich gegen einen neuerlichen Militarismus zu wehren und sich für einen dauerhaften Frieden einzusetzen. Der symbolische Handschlag der beiden Pazifistinnen wurde durch einen gemeinschaftlichen Eid der Anwesenden besiegelt, alles in ihrer Macht Stehende dafür zu tun, den Krieg zu beenden und den Frieden zu wahren.[2]

Eine Weibliche Friedensordnung für die Welt

Die beiden Frauen kannten sich schon seit dem internationalen Frauenfriedenskongress von Den Haag, zu dem im April 1915 die Ärztin und Frauenrechtlerin Aletta Jacobs in die neutralen Niederlande geladen hatte. Damals hatten 1136 Delegierte aus zwölf Ländern eine Resolution verabschiedet, die neben dem Frauenwahlrecht und der Demokratisierung von Institutionen auch das Selbstbestimmungsrecht der Völker, Abrüstung, einen Schlichtungsgerichtshof für internationale Konflikte in Den Haag, eine demokratisch legitimierte Kontrolle der Außenpolitik als ein Mittel gegen die Geheimdiplomatie und eine auf Pazifismus zielende Erziehung gefordert hatte.[3] Viele dieser Anliegen waren auch im 14-Punkte-Plan Woodrow Wilsons zu finden[4] – die Friedensaktivistinnen waren selbst davon überzeugt, dass der US-Präsident sich bei ihrer Haager Erklärung bedient hatte, über die ihn die bekannte amerikanische Sozialpolitikerin Addams persönlich ins Bild gesetzt hatte. Ziel der Haager Konferenz war es gewesen, den Ersten Weltkrieg so schnell wie möglich zu beenden. Zwei Delegationen der Konferenz reisten im Anschluss an das Treffen durch Europa, um die Regierungsvertreter der kriegführenden wie der neutralen europäischen Staaten davon zu überzeugen, sich auf eine Vermittlung durch neutrale Staaten einzulassen. Vergeblich, der Krieg sollte noch mehr als drei Jahre dauern.[5]

Die Teilnehmerinnen der Konferenz gründeten das Internationale Frauenkomitee für den dauerhaften Frieden, das ein Büro in Amsterdam betrieb. Allerdings wurde es nach 1915 zunehmend schwieriger, transnational zusammenzuarbeiten. Auch in den Sektionen der einzelnen Länder war das nicht leicht, vor allem in Deutschland waren die Publikationsmöglichkeiten eingeschränkt. So berichtete etwa die deutsche Frauenrechtlerin und Herausgeberin der Zeitschrift "Die Frauenbewegung", Minna Cauer, von Zensurmaßnahmen. Doch das "Feuer am Herd der Internationale erlosch nicht",[6] wie die deutsche Sektion zur Jahreswende 1917/18 festhielt.

Nach dem Waffenstillstand im November 1918 machten sich Addams und Jacobs daran, einen zweiten internationalen Frauenfriedenskongress zu organisieren. Vergeblich hatte die Inter-Allied Women’s Conference bei US-Präsident Wilson für die Friedenskonferenz in Paris die Einrichtung einer Frauenkommission angeregt. Nicht einmal eine beratende Funktion für Frauenfragen war ihr eingeräumt worden, das hatten die übrigen Siegermächte verhindert. Ziel des zweiten internationalen Frauenfriedenskongresses war es daher, aus der Ferne die Friedensverhandlungen im Sinne einer dauerhaften Friedenssicherung zu beeinflussen und dabei eine Ausweitung politischer und ziviler Frauenrechte zu erreichen. Friedenssicherung und die weltweite Ausweitung von Recht und Gerechtigkeit standen aus Sicht der Pazifistinnen in einem engen Zusammenhang.

Für den zunächst geplanten Termin im Februar 1919 war es auch wegen der ständigen Unterbrechungen des Postverkehrs jedoch bald zu spät, sodass man die Zusammenkunft auf den Mai verschieben musste. Damit fiel sie auf ein Datum, an dem die meisten Debatten in Paris bereits zum Abschluss gekommen waren. Nach einigem Hin und Her bot die schweizerische Sektion des Verbandes an, die Veranstaltung auszurichten. Paris kam als Tagungsort nämlich nicht infrage, weil dorthin nur Frauen aus den alliierten Staaten reisen konnten, die deutschen und österreichischen Frauen aber auch mitdiskutieren sollten.[7]

Themen des Zürcher Kongresses waren neben dem Vertrag von Versailles, dessen Bedingungen unmittelbar vor der Konferenz bekanntgegeben worden waren, die Satzung und Ziele des Völkerbundes und der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO), die Rechtsstellung der Frauen nach dem Krieg, die sogenannte Hungerblockade gegen Deutschland, das Ideal der "Rassengleichheit" sowie das Verhältnis von Revolution und Pazifismus.

Fußnoten

1.
Zur internationalen Frauenfriedensbewegung einschlägig Annika Wilmers, Pazifismus in der Internationalen Frauenbewegung 1914–1920, Essen 2008, hier S. 69. Zur internationalen Frauenbewegung vgl. Leila J. Rupp, Worlds of Women. The Making of an International Women’s Movement, Princeton 1997; Marie Sandell, The Rise of Women’s Transnational Activism. Identity and Sisterhood between the World Wars, London 2015.
2.
Vgl. Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (Hrsg.), Bericht des Internationalen Frauenkongresses. Zürich, 12.–17. Mai 1919, Genf 1919, S. 154ff.
3.
Vgl. Internationales Frauenkomitee für den dauernden Frieden (Hrsg.), Internationaler Frauenkongresses, Haag 28. April bis 1. Mai 1915, Amsterdam 1915, S. 39ff.
4.
Woodrow Wilson, 14 Punkte, in: Susanne Brandt, Das letzte Echo des Krieges. Der Versailler Vertrag, Ditzingen 2018, S. 207–223.
5.
Vgl. Internationale Frauenliga (Anm. 2), S. 196, S. 478; Jo Vellacott, Feminist Consciousness and the First World War, in: History Workshop 23/1987, S. 81–101, hier S. 93ff.; Wilmers (Anm. 1), S. 51–55.
6.
Zit. nach Wilmers (Anm. 1), S. 66. Zu den allgemeinen Bedingungen während des Krieges siehe ebd., S. 62–66.
7.
Vgl. ebd., S. 67; Jo Vellacott, Putting a Network to Use. Formation and Early Years of the Women’s International League for Peace and Freedom, in: Eva Schöck-Quinteros et al. (Hrsg.), Politische Netzwerkerinnen. Internationale Zusammenarbeit von Frauen 1830–1960, Berlin 2007, S. 131–154, hier S. 148.
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