Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
James Kitchen

Krieg gewonnen, Friedensschluss verloren? Frankreichs und Großbritanniens Kolonialreiche nach dem Ersten Weltkrieg

Die Staaten, die den Ersten Weltkrieg führten, waren Imperialmächte – ausgedehnte Landimperien in oder am Rande Europas, wie die Österreichisch-Ungarische Monarchie, das Russische Zarenreich und das Osmanische Reich, oder transozeanische Mächte mit außereuropäischen Hoheitsgebieten, wie das britische Empire, Frankreich, Belgien, Deutschland, Italien und Portugal. Zum Zeitpunkt des Waffenstillstands hatten sich diese Reiche jedoch grundlegend verändert und waren in einigen Fällen sogar zerschlagen worden. Die Veränderungen waren in Europa selbst wohl am größten, denn hier zerfielen die von Wilhelm II., Kaiser Karl und Zar Nikolaus II. regierten Vielvölkerstaaten. Dies war der Moment der Entkolonialisierung für die ost- und mitteleuropäischen Mächte. Wie jedoch beispielsweise der von 1917 bis 1922 dauernde Russische Bürgerkrieg zeigt, setzten sich die vom Ersten Weltkrieg hervorgerufenen Unruhen, Flüchtlingsbewegungen, interethnischen Wirren und internen Konflikte in Europa noch lange nach dem Waffenstillstand fort.

In der kolonialen Welt jenseits der europäischen Grenzen hatte der Krieg ebenfalls tiefe Brüche herbeigeführt. Die Mobilmachung in den Kolonien zugunsten imperialer Kriegsanstrengungen hatte das koloniale Regierungssystem in seinen Grundfesten erschüttert. Denn vielerorts trieb der Erste Weltkrieg das extraktive Wesen der Kolonialherrschaft und die damit zusammenhängenden Missstände auf die Spitze, und es kam zu Aufständen, wie zum Beispiel 1915 im britischen Njassaland, dem heutigen Malawi, unter der Führung des Baptistenpredigers John Chilembwe oder in Französisch-Algerien, wo schwere Verluste nordafrikanischer Einheiten an der Westfront zu Protesten gegen die Rekrutierung führten und Ende 1916 nur durch den Einsatz von 6000 Soldaten erstickt werden konnten.[1] Bereits 1914 hatte die Besetzung von Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, durch südafrikanische Truppen einen Aufstand von 11.000 mittellosen Afrikaanern zur Folge gehabt, die eine unabhängige Burenrepublik wiederherstellen wollten. Dieser war von den loyal zur britischen Kolonialmacht stehenden Generälen Louis Botha und Jan Smuts niedergeschlagen worden.

Angesichts der Bürde, die die europäischen Mächte ihren Kolonialgebieten mit der Mobilmachung auferlegten, überraschen diese Unruhen kaum. Kolonialsoldaten waren integraler Bestandteil der britischen und französischen Kriegsanstrengungen.[2] Während des Ersten Weltkrieges stationierte die Entente 650.000 Soldaten aus ihren Kolonien in Europa, wobei vor allem Frankreich auf Soldaten aus seinen afrikanischen Hoheitsgebieten angewiesen war. Mehr als 172.000 Algerier, 134.000 Westafrikaner und 60.000 Tunesier kämpften für die Verteidigung der Dritten Republik. Aber auch Großbritannien war stark von seinen Kolonien abhängig, um den Krieg führen zu können. 1914 und 1915 entfiel ein Großteil der Last, die die Einsätze an der Westfront bedeuteten, auf die indische Armee, insbesondere bei der ersten Schlacht von Ypern im Oktober 1914. Letztendlich stellte Indien zur Unterstützung der britischen Kriegsanstrengungen mehr als 1,5 Millionen Kombattanten und Nichtkombattanten ab, und es waren indische Soldaten, die 1918 an der palästinensischen und mesopotamischen Front die Mehrheit bildeten. Die Kolonien stellten nicht nur Soldaten für Kampfeinsätze und Militärdienstleister wie Sanitäter, sondern auch Arbeitskräfte zur Unterstützung der industrialisierten Kriegswirtschaften. So wurden 50.000 Arbeiter aus Indochina, wo heute Vietnam, Laos und Kambodscha liegen, und 76.000 aus Algerien für die Arbeit in französischen Fabriken, unterstützende Dienstleistungen und die Aufrechterhaltung der Kommunikationswege rekrutiert. Großbritannien verschiffte mehr als 215.000 Kolonialarbeiter aus aller Welt nach Europa, um seine Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten, darunter 92.000 aus China.

Die Kolonien dienten jedoch nicht nur als Quellen für Arbeitskräfte, sondern wurden auch selbst zu Schlachtfeldern. Ab Kriegsbeginn erstreckten sich die Kampfhandlungen von Kiautschou im heutigen China, das die Japaner im November 1914 von Deutschland eroberten, bis Togoland und Kamerun in Westafrika, die sich Großbritannien beziehungsweise Frankreich im Februar 1916 sicherten. Am heftigsten aber kollidierten die imperialen Rivalitäten in Ostafrika und im Nahen Osten.

Die kolonialen Herrschaftssysteme gelangten während des Krieges an ihre Belastungsgrenze und darüber hinaus, und die Spannungen hielten auch nach dem Friedensschluss an. Im vorliegenden Beitrag soll erkundet werden, wie sich dies in den Jahren nach 1918 manifestierte. Dafür werden zunächst die bedeutenden politischen Verschiebungen in den Blick genommen, zu denen es im Nahen Osten kam – jener Region, in der der Erste Weltkrieg seine stärkste und nachhaltigste Auswirkung hatte –, bevor auf die Reformideen fokussiert wird, die sich vor allem im Zusammenhang mit dem Völkerbund gegen Ende des Krieges für die Umgestaltung der Kolonialherrschaft herauskristallisierten. Trotz aller Reformanstrengungen befand sich die Kolonialherrschaft in der unmittelbaren Nachkriegszeit in einer schweren Krise, die abschließend beleuchtet werden soll, als Schlaglicht auf die längerfristigen, letztendlich zum Zusammenbruch der imperialen Ordnung führenden Legitimitätsprobleme der Kolonialreiche.

Fußnoten

1.
Vgl. Eugene Rogan, No Stake in Victory: North African Soldiers of the Great War, in: Studies in Ethnicity and Nationalism 14/2014, S. 322–333, hier S. 326.
2.
Für eine Zusammenfassung der imperialen Erfahrung des Ersten Weltkrieges vgl. Robert Gerwarth/Erez Manela (Hrsg.), Empires at War: 1911–1923, Oxford 2014.
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