Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Alan Sharp

"Mit Dynamit geladen". Das Prinzip nationaler Selbstbestimmung und sein globales Vermächtnis

Im September 1919 machte sich US-Präsident Woodrow Wilson zu einer Vortragsreise durch sein Land auf, um die Vorbehalte gegen den Versailler Vertrag abzubauen und den US-Kongress durch eine entsprechende Mobilisierung der öffentlichen Meinung zu einer Ratifizierung zu bewegen. Erschöpft von den anstrengenden sechs Monaten in Paris, wo er sich mit dem französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau, dem britischen Premierminister David Lloyd George und dem italienischen Ministerpräsidenten Vittorio Orlando sowie Vertretern weiterer Nationen von Januar bis Juni 1919 getroffen hatte, um ein Friedensabkommen auszuhandeln, erlitt er einen Schlaganfall. Da Wilson nicht zu Kompromissen bereit war, zugleich aber auch nicht genügend seiner republikanischen Gegner, ja nicht einmal seiner demokratischen Verbündeten überzeugen konnte, ging die Abstimmung im Senat am 19. November verloren. Es gab keine Einigung, der Vertrag wurde vom Kongress nicht ratifiziert. Zurück blieben Großbritannien und Frankreich als widerstrebende Hüter eines verwaisten Völkerbundes und als Erben eines Abkommens, auf das sie sich ohne Wilson nicht eingelassen hätten.[1]

Die Ablehnung des Vertrages durch den US-Kongress war ein bedeutender Moment in einem Jahr, in dem ohnehin kein Mangel an solchen Momenten geherrscht hatte. Die bittere Bemerkung des britischen Premierministers Stanley Baldwin 1932, "von Washington bekommt man nichts als Worte, große Worte, aber eben nur Worte",[2] gibt den anhaltenden Unmut wider, den man angesichts des Rückzugs der Amerikaner empfand. In den Augen der anderen hatten sie sich aus der Verantwortung gegenüber der neuen Weltordnung geschlichen, zu deren Gestaltung Wilson so viel beigetragen hatte.

Wilson gestaltet die Debatte

Nach einem über vier Jahre währenden Krieg, von dem man ursprünglich angenommen hatte, dass er an Weihnachten 1914 wieder vorbei sein würde, versuchten die Menschen in allen kriegführenden Staaten, einen Sinn für die furchtbaren Opfer zu finden, und hofften, dass aus dem Gemetzel eine bessere Welt entstehen könnte. Viele fühlten sich 1918 von Wilsons Reden inspiriert, in denen er seine Vision einer Welt nach dem Krieg darlegte. Am 8. Januar stellte er sein "14-Punkte-Programm" für eine Nachkriegsordnung vor, das er am 11. Februar um die "vier Prinzipien" und am 4. Juli um die "vier Ziele" sowie am 27. September um die "fünf Einzelheiten" ergänzte. Er fasste sie wie folgt zusammen: "Was wir anstreben, ist die Herrschaft des Rechts, gegründet auf der Zustimmung der Regierten und gestützt durch die organisierte Meinung der Menschheit."[3]

Als im Oktober 1918 eine Kriegsniederlage für das Deutsche Reich unausweichlich schien und sich immer mehr Verbündete abkehrten, wandte sich die deutsche Regierung mit der Bitte an Wilson, einen Waffenstillstand unter der Zusicherung auszuhandeln, dass ein späteres Abkommen seine 14 Punkte widerspiegeln würde. Dies sagte Wilsons Außenminister Robert Lansing am 5. November trotz einiger Bedenken zu.

Clemenceau spottete über Wilsons überbordenden Idealismus – "Gott der Allmächtige brauchte nur zehn Punkte"[4] –, aber als der erste US-Präsident, der im Amt ins Ausland reiste, nach Europa kam, setzte man in ihn ähnliche Erwartungen wie in einen Heilsbringer. Noch gab es kein Fernsehen, das Staatschefs auf Normalgröße schrumpfen ließ, und so sahen die Europäer Wilson in den Wochenschauen überlebensgroß auf der Kinoleinwand, wodurch sein Image als potenzieller Wunderheiler einer kaputten Welt noch verstärkt wurde. Bereits vor dem Empfang durch begeisterte Menschenmengen in Paris, Rom und London befürchtete der US-Präsident, dass er übermäßige Hoffnungen geweckt habe und der Frieden zu "einer Tragödie der Enttäuschung" werden könnte.[5] Später bemerkte er reumütig: "Was von mir erwartet wird, kann nur Gott leisten."[6]

Sein Versäumnis, die an ihn gerichteten Erwartungen zu erfüllen, sorgte später dafür, dass sich seine einstigen Bewunderer mit großer Bitterkeit von ihm abwandten. Ende 1918 war er es jedoch, der die Debatte prägte. Dass seine Verbündeten die inspirierenden, aber vagen Versprechungen, die unbeabsichtigte Hoffnungen geweckt hatten, nur gezwungenermaßen befürworteten, minderte die ohnehin geringen Erfolgsaussichten, die zusätzlich durch die beispiellos hohen moralischen Standards beeinträchtigt wurden, die sich die Alliierten bei der Friedenskonferenz setzten. Die enttäuschten und benachteiligten Parteien konnten daher leicht eine gewisse Heuchelei in Wilsons Rhetorik erkennen, die sich deutlich von den komplexen Realitäten der Situation nach dem Krieg in Europa und der weiteren Welt unterschied. Das galt vor allem für das Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Fußnoten

1.
Für weiterführende Literatur vgl. Seamus Dunn/T.G. Fraser (Hrsg.), Europe and Ethnicity. World War I and Contemporary Ethnic Conflict, London 1996; Robert Gerwarth, Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs, München 2017; Erez Manela, The Wilsonian Moment. Self-Determination and the International Origins of Anticolonial Nationalism, Oxford 1997; David Reynolds, The Long Shadow. The Great War and the Twentieth Century, London 2013; Alan Sharp, Versailles 1919. A Centennial Perspective, London 2018; Zara Steiner, The Lights That Failed. European International History 1919–1933, Oxford 2005.
2.
Geäußert gegenüber Thomas Jones, A Diary with Letters. 1931–1950, London 1954, S. 30.
3.
Woodrow Wilson, Rede von Mount Vernon, 4.7.1918, zit. nach Harold Temperley (Hrsg.), A History of the Peace Conference of Paris, Bd. 1, Oxford 1920, S. 444.
4.
Zit. nach Margaret MacMillan, Peacemakers: The Paris Conference of 1919 and Its Attempt to End War, London 2001, S. 41.
5.
Zit. nach George Creel, The War, the World and Wilson, New York, 1920, S. 161f.
6.
Zit. nach Antony Lentin, Lloyd George, Woodrow Wilson and the Guilt of Germany, Leicester 1984, S. 138.
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