Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Peter Hoeres

Versailler Vertrag: Ein Frieden, der kein Frieden war

Ächtung des Feindes

Zunächst muss mit dem Historiker Gerd Krumeich festgestellt werden, dass der Waffenstillstand in Compiègne "eine kaum verschleierte Kapitulation" unter Aufrechterhaltung der Seeblockade gegen Deutschland war, die dann noch einmal 100.000 Hungertote herbeiführte, und es sich beim Versailler Friedensschluss in der Tat um ein Diktat handelte, "dessen Unterschrift wie mit vorgehaltener Pistole erzwungen wurde".[7]

Die Deutschen waren zu den Verhandlungen nach Paris gar nicht erst eingeladen worden, obgleich sie zwischenzeitlich einen Regimewechsel erlebt hatten und mit dem Zentrumspolitiker Matthias Erzberger eine Person die deutsche Waffenstillstandskommission leitete, die in der zweiten Kriegshälfte gegen die deutschen Annexionisten Stellung bezogen hatte. 1815 in Wien hatte Napoleons Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand wie selbstverständlich wieder am Verhandlungstisch gesessen, und Napoleon hatte zuvor ganz Europa mit Kriegen überzogen. Der deutschen Delegation wurde in Versailles ultimativ ein Vertragswerk präsentiert, das sie nur noch in einem Punkt abändern konnte: In Oberschlesien sollte es eine Abstimmung über die Zugehörigkeit des Gebietes zum Deutschen Reich oder zum wieder begründeten Polen geben. Allein, dieser im März 1921 klar zugunsten Deutschlands ausfallenden Abstimmung wurde von den Siegerstaaten keine Folge geleistet. Ansonsten hatten die Deutschen in kürzester Frist zu unterschreiben, bei Drohung der Wiederaufnahme des Krieges gegen ein nun demobilisiertes und von inneren Unruhen erschüttertes und hungerndes Land.[8]

Bereits die im Notenwechsel mit der US-Regierung vor dem Waffenstillstand geforderte Abdankung des Kaisers und der von amerikanischer Seite gewünschte Regimewechsel waren ein Novum gewesen, das den Prinzipien von Souveränität und Staatengleichheit widersprach. Darüber hinaus wurden im Versailler Vertrag die Rechtsgrundsätze par in parem non habet iurisdictionem ("Ein Gleicher hat unter Gleichen keine Gerichtsgewalt") und nullum crimen, nulla poena sine lege ("Kein Verbrechen, keine Strafe ohne Gesetz") durch die "Strafbestimmungen" übergangen. Der im niederländischen Exil befindliche Kaiser Wilhelm II. sollte laut Artikel 227 "wegen schwerer Verletzung des internationalen Sittengesetzes und der Heiligkeit der Verträge unter öffentliche Anklage" gestellt werden. Deutsche Kriegsverbrecher – und nur diese – sollten gemäß der Artikel 228 bis 230 ausgeliefert und vor Militärgerichte der alliierten und assoziierten Mächte wie die USA gestellt werden. Die übliche gegenseitige Amnestie nach Kriegen, die ein Vergessen der gegenseitig zugefügten Gräuel implizierte und einen Neuanfang, einen Frieden ermöglichte, wurde damit ihrerseits als elementare Lehre aus den Friedensschlüssen seit der Antike ignoriert.

Reparationen und Gebietsabtretungen gehörten dagegen von jeher zu Friedensverträgen, schließlich wurden Kriege meist um Gebietszugewinne geführt. Im Vorfeld der Pariser Friedensverhandlungen hatte US-Präsident Wilson jedoch das Selbstbestimmungsrecht der Völker proklamiert, mit dem die territorialen Bestimmungen des Versailler Vertrages aber nicht vereinbar waren. Weder durfte Deutsch-Österreich dem Reich beitreten noch wurde dem Selbstbestimmungsrecht andernorts konsequent Rechnung getragen. Die Deutschen empfanden die Abtrennung Ostpreußens vom Reich durch den polnischen Korridor als den Versuch, einen größtmöglichen "polnischen Pfahl" in ihr Fleisch zu treiben.[9] Zehn bis zwölf Millionen Deutsche lebten nun außerhalb des Reiches.[10] Die ökonomische Leistungsfähigkeit wurde massiv eingeschränkt. Schlimmer noch war, dass die Franzosen weitgehend die Rheinprovinz besetzten und Brückenköpfe in Köln, Mainz, Koblenz und Kehl hielten, ein Gebiet, das wie im Ruhrkampf 1923 flugs ausgeweitet werden konnte.

Die Reparationen wurden im Versailler Vertrag nicht fixiert, sondern erst 1921 von den Alliierten auf die astronomische Summe von 226 Milliarden Goldmark festgelegt, die bis 1963 zu zahlen sein sollte. Darüber hinaus waren jedes Jahr zwölf Prozent der deutschen Ausfuhrerlöse abzugeben. Hinzu kamen umfangreiche Kohlelieferungen. Als Pfand galt das Vermögen von Reich und Ländern.[11] Ferner wurden Deutschland harte militärische Beschränkungen auferlegt: Schwere Artillerie wurde ebenso wie Panzer, U-Boote und eine Luftwaffe verboten. Das Heer war auf 100.000 Mann begrenzt, was bei 4,5 Millionen Soldaten eine gigantische Demobilisierung mit allen sozialen und mentalen Folgen bedeutete.[12]

Legitimationsgrundlage für diese Bestimmungen war der berüchtigte Artikel 231 des Versailler Vertrages, der unter der Überschrift "Wiedergutmachungen" stand und besagte: "Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben." Von einer Alleinschuld Deutschlands war hier nicht direkt die Rede. Aber in einer Mantelnote der alliierten und assoziierten Mächte, die als Reaktion auf deutsche Einwände von Philip Kerr, dem Privatsekretär des britischen Premierministers Lloyd George, verfasst worden war, wurde dann doch offen ausgesprochen, dass Deutschland im Bestreben, seine "Vorherrschaft mit Gewalt zu begründen", alleinschuldig am Krieg sei und seine Bundesgenossen ermuntert habe.

Die Inhaftnahme für den Krieg war mit der Zuweisung einer singulären moralischen Schuld und der Einbettung in eine lange Kontinuität verbunden. Der Krieg sei "das größte Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die Freiheit der Völker gewesen, welches eine sich für zivilisiert ausgebende Nation jemals mit Bewußtsein begangen hat. Während langer Jahre haben die Regierenden Deutschlands, getreu der preußischen Tradition, die Vorherrschaft in Europa angestrebt. (…) Sie haben getrachtet, sich dazu fähig zu machen, ein unterjochtes Europa zu beherrschen und zu tyrannisieren, so wie sie ein unterjochtes Deutschland beherrschten und tyrannisierten."[13] Das war die ungebremste Fortsetzung der Kriegsideologie.

Fußnoten

7.
Gerd Krumeich, Die unbewältigte Niederlage. Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik, Freiburg/Br. 2018, S. 15, 143f.
8.
Vgl. Hans-Christof Kraus, Versailles und die Folgen. Außenpolitik zwischen Revisionismus und Verständigung 1919–1933, Berlin 2013, S. 25f.
9.
Reichswehrminister Wilhelm Groener, zit. nach Kraus (Anm. 8), S. 41.
10.
Vgl. Andreas Rödder, Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems, Frankfurt/M. 2018, S. 93.
11.
Vgl. Kraus (Anm. 8), S. 28f., S. 41.
12.
Vgl. Rödder (Anm. 10), S. 86.
13.
Georges Clemenceau an Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, 16.6.1919, in: Klaus Schwabe (Hrsg.), Quellen zum Friedensschluss von Versailles, Darmstadt 1997, Nr. 130, S. 358.
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Autor: Peter Hoeres für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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