Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Peter Hoeres

Versailler Vertrag: Ein Frieden, der kein Frieden war

Enttäuschte Erwartungen

Die Reaktion auf den Vertrag war blankes Entsetzen, das in Deutschland von der SPD bis zur Rechten reichte, aber ebenso unter den Siegermächten bis in ihre Delegationen verbreitet war – beim britischen Ökonom John Maynard Keynes, beim späteren US-Präsidenten Herbert Hoover (der Vertrag sei "von Hass und Rache durchsetzt") oder beim südafrikanischen Delegationschef und Veteranen Jan Smuts.[14] Auch der linksliberale italienische Ministerpräsident Francesco Nitti, der den von seinem Vorgänger Vittorio Orlando verhandelten Vertrag unterschrieb, übte später scharfe Kritik. Der Vertrag sei "ein Mittel zur Fortsetzung des Krieges" mit dem Ziel, "Deutschland zu zerstückeln und seine wirtschaftliche und politische Einheit, ja seine Existenz selbst zu vernichten."[15] Sogar in Frankreich protestierten nicht nur die Sozialisten, sondern auch der Diplomat Alcide Ebray gegen ein Friedenswerk, das einen neuen Krieg stimuliere.[16]

Das Hauptproblem des Versailler Vertragswerkes war aber nicht seine Härte, sondern dass es ein dauerhaft diskriminierendes und willkürliches Regime begründete, das mit dem Instrument der Gewaltandrohung durch die französischen Besatzungskräfte im Westen Deutschlands operierte, und auf der Herrschaft einer interalliierten Reparationskommission beruhte, die ebenfalls diktierte und nicht verhandelte, sowie auf dem von den Alliierten dominierten Völkerbund, zu dem den Verlierern der Zutritt einstweilen verwehrt blieb. Dass die Vereinigten Staaten als eifrigste Verfechter einer "League to enforce Peace" dem Genfer Völkerbund fernblieben und den Versailler Vertrag nicht ratifizierten, untermauerte die Schieflage des gesamten Systems.

Um diese Schieflage zu verstehen, muss hier nochmals die französische Perspektive vergegenwärtigt werden, die von der Befürchtung geprägt war, dass der Versailler Frieden zu schwach, zu nachgiebig gegenüber dem Koloss in der Mitte Europas ausfallen könnte – eine Sorge, die sich aus Sicht vieler Franzosen 1940, als die Deutschen erneut Belgien und Frankreich mit einem Krieg überzogen und eroberten, als berechtigt herausstellte. Marschall Fochs ursprüngliche Forderungen waren viel weitreichender gewesen: eine vollständige, dauerhafte, jederzeit kontrollierte Entwaffnung, eine Annullierung der Reichsgründung von 1871, eine Auflösung des Reiches in seine Länder oder zumindest eine informelle Angliederung des in autonome Republiken aufgeteilten linksrheinischen Gebietes an Frankreich.

Die Experimente mit den Separatistenbewegungen im Rheinland, die die Franzosen unterstützten, waren allerdings nicht sehr erfolgreich. An der Einheit des Reiches hielten die Deutschen in ihrer überwiegenden Mehrzahl fest. Gleichwohl ist die französische Perspektive ebenso legitim wie die zeitgenössisch dominante, keineswegs nur deutsche, dass eine Demütigung, die von Clemenceau bewusst und hartnäckig symbolisch inszeniert wurde, den Frieden "unauffindbar" machen würde, da er nicht auf Anerkennung des Feindes und Gegenseitigkeit beruhte.[17] Die Worte des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Philipp Scheidemann "Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legte?" wurden sprichwörtlich, weil sie in einer Zeit, in der die nationale Ehre noch eine selbstverständliche Kategorie war, von den Deutschen weithin geteilt wurden.[18]

Die Empörung über die Ruhrbesetzung von 1923, als Frankreich und Belgien aufgrund des deutschen Rückstands bei den Reparationszahlungen ins Ruhrgebiet einmarschierten und es zu Tötungen, Hinrichtungen, Geiselnahmen, Deportationen, Fabrikbesetzungen und zahlreichen Schikanen kam, führten zur zweiten großen Erbitterung in Deutschland. Dass auch die britische Regierung die Ruhrbesetzung für unrechtmäßig erklärte,[19] spiegelte einmal mehr die Unentschlossenheit zwischen den Zielen eines Straffriedens und eines neuen Machtgleichgewichts auf dem Kontinent, zwischen Hegemonie oder Gleichberechtigung – Fragen, die zwischen den Siegermächten nicht entschieden werden konnten.

So hatten etwa die Briten in den Pariser Verhandlungen weniger Grund für eine harte Politik gegen das besiegte Deutschland. Vor dem Krieg hatten sie sich eher aufgrund der Stärke Russlands mit dem Zarenreich verbündet als aus Angst vor Deutschland. Großbritannien wollte im Hinblick auf das Empire an der Gestaltung der Welt nach einer deutschen Niederlage beteiligt sein.[20] Die deutsche Flottenpolitik spielte dabei eine untergeordnete Rolle, wie neuere Forschungen zeigen. Eine ernsthafte Bedrohungsperzeption und entsprechende Reaktionen hatte sie in Großbritannien nicht ausgelöst. Sie war dort vor allem ein Vehikel zur Mobilisierung der Öffentlichkeit für den Ausgleich mit Frankreich und Russland gewesen.[21] Die britische Regierung versuchte in Paris auch aus ökonomischen Gründen, die Franzosen zu bremsen, wollte man Deutschland doch als Handelspartner erhalten. Im Lichte des auf dem Kontinent entrichteten Blutzolls und der Ideologisierung gegen die "Hunnen" war sie jedoch ihrerseits einem innenpolitischen Erwartungsdruck ausgesetzt.

Ideologische Kriegführung

Ihren Ausgang hatte die Ideologisierung des Krieges mit dem Propagandakrieg der Alliierten genommen, der die eigene Bevölkerung und die Neutralen für den Krieg gegen die Mittelmächte mobilisieren sollte. Das war besonders in Großbritannien virulent gewesen, wo es in Politik und Öffentlichkeit viele Stimmen gegeben hatte, die einen Kriegseintritt ablehnten.[22]

Entzündet hatte sich der Propagandakrieg 1914 am völkerrechtswidrigen deutschen Einmarsch ins neutrale Belgien. Dafür wurde Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollwegs verzweifelter Ausspruch während eines emotionalen Abschiedsgesprächs gegenüber dem britischen Botschafter Edward Goschen, die Garantie der belgischen Neutralität stelle im Vergleich zum "furchtbaren Ereignis eines deutsch-englischen Krieges" einen "Fetzen Papier" dar, als Schlagwort für eine angebliche deutsche Doktrin herangezogen.[23] Das Vorgehen der in Belgien einrückenden deutschen Truppen gegenüber tatsächlichen und vermeintlichen Heckenschützen war in der Propaganda zu singulären Verbrechen deutscher Bestien und Hunnen stilisiert und ikonografisch aufbereitet worden, ironischerweise mit dem Bild abgehackter Kinderhände, einer grausamen Strafmaßnahme, die Belgier im Kongo praktiziert hatten, nicht aber die deutschen Truppen in Belgien.[24]

Hinzu kam der deutsche U-Boot-Krieg. Die Versenkung des britischen Passagierdampfers Lusitania am 7. Mai 1915 durch einen von einem deutschen U-Boot abgeschossenen Torpedo forderte 1200 Opfer, darunter 128 amerikanische Passagiere. Dies heizte in Großbritannien die antideutsche Stimmung auf. Auch in den Vereinigten Staaten brach Hysterie aus: Deutsches Eigentum wurde konfisziert, an manchen Orten wurden deutsche Bücher aus Bibliotheken entfernt oder gar öffentlich verbrannt. Die deutsche Sprache wurde geächtet. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Hinweise darauf, dass die Lusitania auch Munition führte, wie es die Deutschen einst vermutet hatten.[25] Nach der Aussetzung des unbegrenzten U-Boot-Krieges führte dessen Wiederaufnahme am 1. Februar 1917 zu einer endgültigen Verhärtung der amerikanischen Haltung, dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen und zum Kriegseintritt der USA gegen Deutschland am 6. April.

Fußnoten

14.
Vgl. Platthaus (Anm. 5), S. 352.
15.
Zit. nach Eckart Conze, Die große Illusion. Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt, München 2018, S. 479.
16.
Vgl. Kraus (Anm. 8), S. 32.
17.
Vgl. Julien Freund, Der unauffindbare Friede, in: Der Staat 3/1964, S. 159–182.
18.
So lehnte beispielsweise auch die linksliberale Deutsche Demokratische Partei die Vertragsunterzeichnung ab. Vgl. Platthaus (Anm. 5), S. 367.
19.
Vgl. Kraus (Anm. 8), S. 59.
20.
Vgl. Christopher Clark, Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, München 20134, S. 187–194, S. 691–699.
21.
Vgl. Dominik Geppert/Andreas Rose, Machtpolitik und Flottenbau vor 1914. Zur Neuinterpretation britischer Außenpolitik im Zeitalter des Hochimperialismus, in: Historische Zeitschrift 2/2011, S. 401–437.
22.
Vgl. Clark (Anm. 20), S. 629f.; Peter Hoeres, Der Krieg der Philosophen. Die deutsche und die britische Philosophie im Ersten Weltkrieg, Paderborn 2004, S. 113f.
23.
Es ist nicht gesichert, ob Bethmann Hollweg überhaupt diese Formulierung gebrauchte. Der Wortwechsel fand in einer Situation äußerster Erregung des Reichskanzlers in einem lautstark geführten Gespräch mit Goschen statt, kurz nach der wichtigen Reichstagsrede Bethmann Hollwegs. Mitnichten war es eine programmatische Aussage, Bethmann Hollweg bezeichnete seinen Ausspruch selbst als eine "Entgleisung". Vgl. Thomas T.G. Otte, A "German Paperchase": The "Scrap of Paper" Controversy and the Problem of Myth and Memory in International History, in: Diplomacy and Statecraft 1/2007, S. 53–87. Umso unverständlicher ist es, dass die Wendung in Fortschreibung der britischen Kriegspropaganda noch vor wenigen Jahren zum programmatischen Titel eines Buches mit wissenschaftlichem Anspruch avanciert ist. Vgl. Isabel V. Hull, A Scrap of Paper. Breaking and Making International Law During the Great War, Ithaca 2014. Anders als Hull behauptet, bezeichnet Otte Goschens Bericht auch nicht als korrekt, sondern nur als wahrscheinlich ("evidence … suggests", S. 78). Bethmann selbst widerspricht sich: In einer zeitnäheren Aufzeichnung spricht er vom "Blatt Papier", in den Erinnerungen von einem "Fetzen Papier" und "scrap of paper" (Otte, S. 77).
24.
Zur komplexen Lage beim Vorrücken der deutschen Armee in Belgien im August und September 1914 vgl. Ulrich Keller, Schuldfragen. Belgischer Untergrundkrieg und deutsche Vergeltung im August 1914, Paderborn 2017.
25.
Vgl. Jessica Gienow-Hecht, Kalkulierte Katastrophe?, in: Die Zeit, 7.5.2015, S. 20.
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Autor: Peter Hoeres für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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