Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Peter Hoeres

Versailler Vertrag: Ein Frieden, der kein Frieden war

Verfehlte Befriedung

Die vier Jahre lang tobende ideologische Kriegführung konnte in Paris nicht gestoppt werden.[26] Hinzu kam, dass die USA als der größte Gläubiger der Alliierten, abgesehen von einem unilateral verkündeten zweijährigen Zinsmoratorium 1918, unnachgiebig auf die Bedienung der horrenden interalliierten Schulden bestanden und eine Verrechnung mit den deutschen Reparationen ablehnten. Umso mehr mussten insbesondere die Franzosen auf die deutsche Erfüllung der Reparationszahlungen beharren, um in der neuen Weltfinanzordnung bestehen zu können.[27]

Vor diesem Hintergrund fällt es schwer, die bisweilen in der Forschung beschworenen Chancen des Vertrages für die Deutschen zu erkennen.[28] War Deutschland wirklich vom Zweifrontendruck, Bismarcks "Albtraum der Koalitionen", befreit worden?[29] Der Frieden von Brest-Litowsk mit Russland aus dem März 1918, ebenfalls ein Diktatfrieden mit erheblichen Gebietsabtretungen, allerdings ohne Reparationen, wurde von den Siegerstaaten aufgehoben. Der Vertrag von Rapallo mit der Sowjetunion war dafür 1922 der Ersatz, aber die Verbindungen zur Sowjetunion blieben trotz der militärischen Zusammenarbeit allein wegen des ideologischen Gegensatzes und möglicher Maßnahmen des Völkerbundes prekär. Frankreich schuf sich dagegen bereits 1924 mit Bündnis- und Freundschaftsverträgen mit Polen, der Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien eine "Kleine Entente", die Deutschland umgab. Besonders mit Polen und der Tschechoslowakei befand sich die Weimarer Republik in einem Konflikt wegen der dort lebenden deutschen Minderheiten.

Vor allem war der Spielraum der deutschen Außenpolitik wegen des Reparationsregimes und der prekären ökonomischen Lage, der unversöhnlichen französischen Haltung, der französischen Truppen im Rheinland und der militärischen Beschränkung sehr begrenzt. Erst mit dem Vertrag von Locarno, mit dem Deutschland, Frankreich und Belgien 1925 den Ausschluss einer gewaltsamen Veränderung ihrer in Versailles gezogenen Grenzen und die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund vereinbarten, sowie der ökonomischen Erholung weitete sich der Spielraum etwas, aber eben nur begrenzt und kurzzeitig. Der Stachel des Versailler Vertrages saß tief.

Zugleich war seine Revision eben nicht ausgeschlossen, sondern der einzige Grundkonsens in der polarisierten Kultur der Weimarer Republik.[30] Freilich führte dieser auch im öffentlichen Leben permanent erinnerte Konsens über den sogenannten Schandfrieden nicht zu einer inneren Befriedung der neuen deutschen Republik, da allein die Frage nach dem Grund für die Niederlage ("Dolchstoß") und die Frage, ob man den Vertrag unterzeichnen solle oder notfalls die Kampfhandlungen wieder aufnehmen müsse, für einen Riss in Volk und Politik sorgten.[31] Im Deutschen Reich waren den Parteien der republiktreuen "Weimarer Koalition" aus SPD, Zentrum und der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei, die 1919 eine Koalitionsregierung bildeten, nach Versailles nie mehr eine Mehrheit beschieden. Zugleich führte die Uneinigkeit der Siegermächte dazu, dass die Probleme des Vertrages auf Dauer gestellt wurden.

Adolf Hitler vertrat die Opposition gegen Versailles am radikalsten, sie war, so die These des Historikers Brendan Simms, die Initialzündung für seine Politisierung gewesen.[32] Die Revision in Gebietsfragen – nach Locarno galt das offiziell nur noch für den Osten –, die Gleichberechtigung in Rüstungsfragen und die Beendigung der Reparationszahlungen – all das hatte sich auch der Friedensnobelpreisträger von 1927, Außenminister Gustav Stresemann, auf die Fahnen geschrieben, nur nicht wie Hitler alles gleichzeitig. Vor allem sollte die Revision auf dem Verhandlungsweg erfolgen. Als dieser bereits eingeschlagen war und nach der Konferenz von Lausanne von 1932 das Ende der Reparationen sowie nach der Abrüstungskonferenz in Genf im selben Jahr die Gleichberechtigung ebenso wie eine ökonomische Erholung in Sichtweite war, kam Hitler an die Macht. Wie auf anderen Feldern auch, waren seine Ideen nicht originell, sondern schlicht radikaler formuliert. Seine "Erfolge" waren die einseitig vorgenommenen Revisionen von Versailles: die Wiedereingliederung des Saarlandes 1935, die Remilitarisierung des Rheinlandes 1936, die Wiederaufrüstung aller Teilstreitkräfte und 1940 die De-facto-Wiederangliederung Elsass-Lothringens. Mit Hitlers Einzug in Paris war die "Schmach von Versailles" getilgt.

Nach 1945 zogen die Alliierten ihre Lehren aus den Erfahrungen mit dem Versailler Vertrag, und Deutschland wurde vollständig besetzt und geteilt. Die spätere Vereinigung der Westzonen stand unter Aufsicht, und für die Bundesrepublik wahrten die Westmächte Vorbehaltsrechte. Die Souveränität wurde nur begrenzt gewährt. Klüger als in Versailles verfuhr man mit dem Londoner Schuldenabkommen von 1953. Freilich beglich die Bundesrepublik die letzten Zinszahlungen für Staatsanleihen, die zur Tilgung der Reparationen noch dem Versailler Regime entstammten, erst 2010.[33]

Lösen wir uns erneut von der deutschen Perspektive, so zeigt sich, dass auch andernorts der Friedensschluss seine Wirkung verfehlte. In China, wo man auf die Rückgabe des deutschen Pachtgebietes Kiautschou gesetzt hatte, gab es über die in Paris erzielten Ergebnisse – Kiautschou wurde Japan zugesprochen – ebenfalls Empörung. Die Chinesen unterzeichneten den Versailler Vertrag erst gar nicht, sondern schlossen 1921 mit Deutschland einen Separatfrieden. Das von den Alliierten bereits während des Krieges mit Versprechungen hinsichtlich der deutschen Einflusssphäre in China gelockte und in Versailles im Hinblick auf Kiautschou begünstigte Japan fiel 1931 in die Mandschurei ein und gründete dort den Marionettenstaat Mandschukuo. 1937 begann der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg. Auch hier hatte der Versailler Vertrag keine befriedende Wirkung erzielt, vielmehr in China die antiwestliche Bewegung des 4. Mai hervorgerufen.[34]

Auf dem afrikanischen Kontinent wurden die ehemaligen deutschen Kolonien als Mandatsgebiete des Völkerbundes den Siegermächten unterstellt: Frankreich erhielt Togo und Kamerun, Großbritannien einen kleinen Teil Kameruns sowie Deutsch-Ostafrika. Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia, ging an Südafrika. Das unterschied sich bei aller Rhetorik und allen selbst auferlegten Verpflichtungen für die Bevölkerungen der ehemaligen deutschen Kolonialgebiete kaum von Annexionen und wurde in Artikel 23 des Vertrages moralisch mit der angeblich grausameren Behandlung während der deutschen Kolonialherrschaft gerechtfertigt. Auch hier wurden Erwartungen mit Blick auf Wilsons 14 Punkte und mehr Unabhängigkeit enttäuscht.[35]

Nirgendwo war man also mit dem Versailler Vertrag zufrieden. Er befriedigte die deutschen Erwartungen und die seiner Verbündeten, die sich nach dem späten Eingeständnis der militärischen Niederlage ganz auf Wilsons Versprechen eines "Peace without Victory"[36] gerichtet hatten, ebenso wenig wie das französische Verlangen nach Revanche und Sicherheit, nicht die chinesischen Wünsche und nicht die der britischen Dominions und auch nicht die der unter Völkerbundverwaltung gestellten ehemaligen deutschen Kolonien. Die Erwartungen an den Vertrag waren unvereinbar und hoffnungslos überfrachtet.

Fußnoten

26.
Vgl. Hoeres (Anm. 22).
27.
Vgl. Adam Tooze, Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916–1931, München 2015. Patric O. Cohrs macht den britischen Anteil an der neuen Hegemonie stärker. Vgl. Patrick O. Cohrs, The Unfinished Peace after World War I. America, Britain and the Stabilisation of Europe, 1919–1932, Cambridge–New York 2006.
28.
So auch Krumeich (Anm. 7), S. 15.
29.
Vgl. etwa Eberhard Kolb, Der Frieden von Versailles, München 2005, S. 103f.; Margaret MacMillan, Die Friedensmacher. Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte, Berlin 2015, S. 631.
30.
Vgl. Rödder (Anm. 10), S. 90.
31.
Vgl. Conze (Anm. 15), S. 381, S. 464. Siehe auch die Beiträge von Eckart Conze und Susanne Brandt in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
32.
Vgl. Brendan Simms, Against a "World of Enemies": The Impact of the First World War on the Development of Hitler’s Ideology, in: International Affairs 90/2014, S. 317–336.
33.
Vgl. Thomas Hanke, Das späte Ende des Versailler Vertrags, 1.10.2010, http://www.handelsblatt.com/3552508.html«.
34.
Vgl. Jörn Leonhard, Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923, München 2018, S. 419–423, S. 928–937, S. 1053–1143.
35.
Vgl. MacMillan (Anm. 29), S. 148–158. Siehe auch den Beitrag von James Kitchen in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
36.
Woodrow Wilson, Address to Congress, 2.4.1917, in: Arthur S. Link et al. (Hrsg.), The Papers of Woodrow Wilson, Bd. 41, Princeton 1983, S. 519–527.
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Autor: Peter Hoeres für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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