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22.8.2005 | Von:
Sascha Liebermann

Soziologie - Gegenwart und Zukunft einer Wissenschaft

Soziologie ist eine Wissenschaft, ihr Zweck Erkenntnis, ihr Medium Argumentation, ihr Ferment Kritik. Neugierige Studenten werden nur gewonnen, wenn diese Prinzipien in Forschung und Lehre lebendig sind. Wo sie aufgegeben werden, droht ihr Untergang als Wissenschaft und damit der Universität.

Einleitung

Seit einigen Jahren werden wieder einmal Anstrengungen unternommen, die deutsche Universität zu reformieren. Den Bemühungen sind Diskussionen über Sinn und Zweck von Wissenschaft und entsprechende Beschlüsse auf nationaler und transnationaler Ebene vorausgegangen. Dem muss sich auch die Soziologie stellen,[1] ebenso der Frage nach dem Zweck der Universität. Das Nachdenken über die Lage der Soziologie lässt auch Schlüsse über die gegenwärtige Situation und Zukunft der Universität und damit auch über die der Wissenschaft zu. Denn bei allen Unterschieden hinsichtlich des Gegenstands der Forschung und der Methoden eint alle Disziplinen - sozialwissensschaftliche wie naturwissenschaftliche - eines: Wissenschaft zu sein. Sie dienen dem Erkenntnisgewinn und sind der Logik des besseren Argumentes verpflichtet.



Angesichts der Reformvorhaben und der bereits durchgeführten Reformen hat es zwar Kritik an politischen Entscheidungen - wie sie etwa in den Stellungnahmen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) zum Ausdruck kommt -, aber kaum Protest gegeben. Dieser ist selbst in den Universitäten gering geblieben. Von einer Formierung zum Widerstand kann schon gar nicht die Rede sein, auch wenn in jüngerer Zeit die Stimmen derer lauter geworden sind, welche die Möglichkeit von Wissenschaft durch die Reformen in Frage gestellt sehen.[2] Die Umgestaltung der Universität stößt zwar nicht auf große Gegenliebe, aber Alternativen wurden in der Fachöffentlichkeit kaum erörtert. Ein starker Gegenvorschlag von Seiten der Universitäten liegt nicht vor.[3] Statt die Folgen von Juniorprofessuren, von denen Großes erwartet wird, und von Bachelor (BA)/Magister(MA)-Studiengängen überhaupt erst einmal zu diskutieren, sind diese schon eingeführt worden. "Modernisierung" lautet das Schlagwort, mit dem alter, nicht mehr zeitgemäßer Geist vertrieben werden soll. Doch schüttet man das Kind nicht mit dem Bade aus? Im folgenden soll der Frage nachgegangen werden, was eine Wissenschaft zur Wissenschaft macht, wovon sie lebt und woran sie zugrunde gehen kann.


Fußnoten

1.
Für Kritik und Anmerkungen danken wir Ute Fischer (Dortmund), Christel Gärtner und Lorenz Rumpf (Frankfurt) sowie Stefan Heckel (Rösrath).

Auf dem 32. deutschen Soziologentag im Oktober 2004 in München fand eine Podiumsdiskussion mit Hartmut Esser und Ulrich Oevermann zu den in diesem Beitrag behandelten Fragen statt. Eine frühere Fassung diente zur Vorbereitung der Diskussion, vgl. Sascha Liebermann/Thomas Loer, Zum Selbstverständnis der Soziologie als Wissenschaft. Anmerkungen zu ihrer Schwäche und Überlegungen zu ihrer Stärkung, in: Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.), Soziale Gleichheit - kulturelle Unterschiede, Frankfurt/M. 2005 (i.E.).
2.
Vgl. z.B. Jürgen Mittelstraß, Universität und Universalität, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.1. 2004, S. 8; Ulrich Oevermann, Wissenschaft als Beruf, in: die hochschule. journal für wissenschaft und bildung, Heft 1, Halle-Wittenberg 2005, S.15-51; Deutscher Hochschulverband, Organisation und Leitung der Universität - Positionspapier des Deutschen Hochschulverbandes, November 2003; Wissenschaftsrat, Empfehlungen zu einem Wissenschaftstarifvertrag und zur Beschäftigung wissenschaftlicher Mitarbeiter, 30.1. 2004; Peter J. Brenner, Die Idee der Universität. Eine Streitschrift, in: Universitas, 59 (2004) 4, S. 377 - 391; Arnd Morkel, Die Universität muß sich wehren. Ein Plädoyer für ihre Erneuerung, Darmstadt 2000.
3.
Die Notwendigkeit hierzu hat schon A. Morkel (Anm. 2) sinnfällig im Titel seines Buches zum Ausdruck gebracht. Darin erkennt er zweierlei an: Selbstverständlich ist es die Politik, die Reformen eröffnen muss. Doch gute Reformen leben davon, dass Problemlagen klar artikuliert werden, dass aber zugleich der Sache abträgliche Reformen benannt und verhindert werden. Dies muss aus den Universitäten selbst heraus geschehen, denn nur wer forscht und lehrt, kann deren Probleme bestimmen und Lösungen entwerfen.