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Eine mit nuklearen Sprengköpfen bestückbare US-Interkontinentalrakete vom Typ LGM-30 Minuteman bei einem Test in Kalifornien, 03.05.2019.

26.4.2019 | Von:
Bernd Greiner

Einstein und die neun Zwerge. Historisches zum INF-Vertrag - Essay

Waffentechnologie

Die Kernspaltung ging mit einer beispiellosen Beschleunigung waffentechnologischer Innovation einher. Seither brauchte es für revolutionäre Umwälzungen nicht mehr Jahrzehnte, sondern nur noch wenige Jahre. Kaum war die Atombombe in der Welt, wurde auch schon die ungleich wuchtigere Wasserstoffbombe in Dienst gestellt, bei den Trägersystemen verdrängten Raketen mit interkontinentaler Reichweite alsbald die Langstreckenbomber, Satelliten übernahmen wesentliche Teile militärischer Kommunikation und Koordination. Und fortan hatte jede Seite die jeweils andere im Verdacht, kurz vor weiteren Durchbrüchen zu stehen und sich entscheidende Vorteile verschaffen zu wollen.

Vor allem aber gehörte die Unterscheidung zwischen offensiven und defensiven Waffen nun endgültig der Vergangenheit an. Praktisch alle konnten für jeden Zweck eingesetzt werden, und je mehr Gelder in Forschung und Entwicklung flossen, desto uferloser wurde das allseitige Misstrauen. Entsprechend atemlos war man darauf bedacht, nicht ins Hintertreffen zu geraten – könnte die Gegenseite doch versucht sein, einen Vorsprung für Entwaffnungsschläge zu nutzen, solange die technologische Lücke offen und das Gleichgewicht gestört blieb. Davon handelten die Phantasien über Präventivkriege, vorbeugende Attacken im Verdachtsfall oder "chirurgische Angriffe" gegen Waffenkammern. Zu beobachten war eine schrittweise Entwertung politischen Denkens durch die suggestive Kraft der Technologie.

Überlegene Technik könnte zum Angriff verleiten, Arglose könnten wehrlos sein, verschlagene Feinde könnten sich Hintertüren offenhalten: Die Sophistik im ewigen Konjunktiv nährte Generationen von Experten in Denkfabriken, Universitäten oder Militärbürokratien. Stets war der schlimmstmögliche Fall ihr Bezugspunkt, die Negation politischen Vertrauens und die Pflege von Feindbildern ihr Geschäft. Dafür steht die ununterbrochene Karriere der "Ein-Prozent-Theorie": Seit den 1950er Jahren in Umlauf, postuliert diese Doktrin eine "proaktive" Sicherheitspolitik und mit ihr den Willen, Schaden abzuwehren, bevor er eingetreten ist. Demnach muss man davon ausgehen, dass minimale Gefährdungen sich jederzeit zu maximalen Gefahren auswachsen können – und das zu einem Prozent Mögliche für das zu einhundert Prozent Wahrscheinliche halten. Wer auf diese Weise den Ausnahmezustand zum Normalfall erklärt, ist auch um ein Gegenmittel nicht verlegen: permanent preparedness – ständige Bereitschaft zum Krieg aus dem Stand – lautete die in den USA geprägte und von der Sowjetunion im Handumdrehen adaptierte Formel. In der Praxis wurde daraus eine Handreichung für militärische Überlegenheit als optimale Rückversicherung für den Fall der Fälle – womit der Kreis geschlossen und ein politischer Katechismus des Misstrauens fixiert war.

Gemeinhin wird an dieser Stelle darauf verwiesen, dass trotz alledem Atomwaffen eine Art "negatives Vertrauen" stiften – die Zuversicht nämlich, dass selbst bösartige Rivalen sich im Zweifel vom Interesse an ihrer Selbsterhaltung leiten lassen und vor selbstmörderischen Aktionen zurückschrecken. Tatsächlich ist ein "nukleares Tabu" in die Geschichte des Kalten Krieges eingeschrieben. Der US-Präsident Dwight D. Eisenhower und der britische Premierminister Winston Churchill warnten in den 1950er Jahren vor einem "Selbstmord der menschlichen Rasse", auch der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow relativierte im Nachhinein seine habituellen Drohgebärden mit unmissverständlichen Worten: "Unsere mutmaßlichen Feinde hatten vor uns die gleiche Angst wie wir vor ihnen. (…) Fast alle wussten, dass Krieg unannehmbar und Koexistenz grundlegend war."[1] Gerade deshalb blieb der nördlichen Halbkugel nach 1945 das Äußerste erspart, im Unterschied zu vornuklearen Zeiten, als hochgerüstete Kontrahenten in politischen Krisen wiederholt zu den Waffen griffen. Auch wenn man sich gegenseitig nicht über den Weg traute, auf die Kraft der Vernunft schien Verlass: Wer als Erster schießt, stirbt als Zweiter.

Andererseits hebelten alle Beteiligten ihre Rationalitätserwartungen hinterrücks wieder aus. Weil das Worst-Case-Denken die Oberhand behielt, wurde in Ost wie West unablässig über das angeblich Undenkbare nachgedacht – in Büchern, Aufsätzen und Reden für die Öffentlichkeit und streng geheimen Generalstabsplanungen für den internen Gebrauch. Operative Details blieben selbstverständlich unter Verschluss; dennoch sollte die Gegenseite keinen Zweifel an der eigenen Fähigkeit und Entschlossenheit hegen, zur Not auch einen Atomkrieg zu riskieren. Mit dem stummen Drohpotenzial der gebunkerten Waffen war es also nicht getan, ein lautstarkes Einschüchtern und imposante Kulissen waren nicht minder gefragt. Dies führte zu dem Ergebnis, dass Heerscharen von Exegeten sich über die einschlägigen Publikationen hermachten und nach Indikatoren für Kriegsbereitschaft oder Kriegswillen suchten. "Defense Intellectuals" lautete die Selbstbeschreibung dieser Experten, als solche wollten sie anerkannt werden – zu Unrecht, denn von kühl abwägender Distanz zu ihrem Thema war nichts zu spüren. Stattdessen gefielen sie sich in der Rolle dauerhaft aufgeregter Gewährsleute des Misstrauens.

Fußnoten

1.
Nikita Chruschtschow zit. nach David Holloway, Racing Towards Armageddon? Soviet Views of Strategic Nuclear War, 1955–1972, unveröffentlichtes Manuskript, Juli 2017, S. 7. Siehe auch David Holloway, Nuclear Weapons and the Escalation of the Cold War, 1945–1962, in: Melvyn P. Leffler/Odd Arne Westad (Hrsg.), The Cambridge History of the Cold War, Bd. 1, Cambridge 2010, S. 376–397, hier S. 383.
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