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Eine mit nuklearen Sprengköpfen bestückbare US-Interkontinentalrakete vom Typ LGM-30 Minuteman bei einem Test in Kalifornien, 03.05.2019.

26.4.2019 | Von:
Bernd Greiner

Einstein und die neun Zwerge. Historisches zum INF-Vertrag - Essay

Nuklearstrategien

Die in Ost und West ständig hin- und her gewälzten Fragen sprechen für sich. War es im Ernstfall möglich, die Gegenseite weitgehend oder gar komplett zu entwaffnen? Oder wäre man zumindest in der Lage, die Schäden eines Gegenschlages soweit einzudämmen, dass die Regenerationsfähigkeit der eigenen Gesellschaft gewahrt blieb? Egal, welche Szenarien durchgespielt wurden, in einem Punkt waren sich amerikanische und sowjetische Strategen einig: In einem Atomkrieg blieb nur die Wahl zwischen Offensive oder sofortiger Niederlage. Deshalb zirkulierten seit den 1950er Jahren im Pentagon Modelle eines "Blitzkrieges", der binnen Stunden die UdSSR in eine radioaktive Ruine verwandelt hätte, und man behielt sich weitere 20 Jahre lang vor, der Sowjetunion im Krisenfall mit einem Erstschlag zuvorzukommen. Dass die Verantwortlichen in Moskau unter umgekehrten Vorzeichen dasselbe dachten und umso mehr auf Offensive setzten, je weniger sie sich eine Abwehr amerikanischer Hightechwaffen zutrauten, war ebenfalls bekannt und heizte die Nervosität in den USA zusätzlich an.[2]

Der Rest ist eine Geschichte mit Variationen, in Gang gehalten durch Trägersysteme und Sprengköpfe mit ständig optimierter Zielpräzision. Seit den späten 1970er Jahren fabulierte man in den USA darüber, die Entscheidungs- und Kommandozentralen des Gegners durch punktgenaue Treffer ausschalten zu können. In der UdSSR wurde im Gegenzug ein System in Auftrag gegeben, das im Falle einer "Enthauptung" der politisch-militärischen Führung einen vollautomatisierten Gegenschlag auslösen sollte – eine Weltuntergangsmaschine im Geiste von Dr. Strangelove aus Stanley Kubricks gleichnamigem Film. Selbst in diesem skurrilen Szenario lebte die Idee der Schadensbegrenzung und des Neuanfangs nach Armageddon weiter.[3]

Zu beobachten war ein Denken im ewigen Modus der Verneinung: als ob man im Kriegsfall dem unabwendbaren Totalschaden auf wundersame Weise entrinnen könnte, als ob sich die Waffentechnologie mit ihren eigenen Mitteln schlagen ließe, und als ob der Krieg als Mittel der Politik doch noch zu retten wäre. Tatsächlich wurde in den USA das "Undenkbare" wiederholt wie eine politisch akzeptable, mithin beherrschbare Option gehandelt – in den 1950er Jahren während der Kriege in Korea und Vietnam sowie im Streit um die chinesischen Quemoy- und Matsu-Inseln, während der Berlin-Krise 1961, nach der Stationierung sowjetischer Atomraketen auf Kuba 1962 und angesichts des chinesischen Nuklearprogramms in den 1960er Jahren.[4] Die logische Konsequenz formulierte seinerzeit der spätere US-Außenminister Henry Kissinger: "Diejenige Seite, die eher willens ist, einen totalen Krieg zu riskieren, oder die den Gegner von ihrer stärkeren Bereitwilligkeit überzeugen kann, dieses Risiko zu übernehmen, befindet sich in der stärkeren Lage. (…) Solche Maßnahmen erfordern starke Nerven. (…) Die Wirksamkeit wird von unserer Bereitschaft abhängen, den Risiken von Armageddon ins Auge zu sehen."[5]

Hinter derlei Bramarbasieren steckt unverkennbar der politische Zweck von Nuklearstrategien. Wer auf der großen Bühne der Weltpolitik mitmischen wollte, so die Annahme der Taktgeber in Ost und West, musste seine faktische Ohnmacht in den Nebel einer inszenierten Allmacht tauchen. Die endlosen Appelle an Glaubwürdigkeit, Prestige und Status klangen deshalb nicht nur obsessiv, sie waren es auch. Es ging um das symbolische Schärfen einer im Grunde nutzlosen Waffe, einer klassischen Maxime von Großmachtpolitik folgend: Auf die Androhung von Gewalt zu verzichten, ist gleichbedeutend mit einem Abstieg in untere Gewichtsklassen; mit Einschüchterung und Drohgebärden zu agieren, verheißt Zugewinn. Vertrauen hatte an diesem Horizont keinen Ort, nicht als normative Orientierung und schon gar nicht als politische Praxis.

Fußnoten

2.
Vgl. David Alan Rosenberg, The Origins of Overkill: Nuclear Weapons and American Strategy, 1945–1960, in: International Security 4/1983, S. 3–71, hier S. 36; William Burr/David Alan Rosenberg, Nuclear Competition in an Era of Stalemate, 1963–1975, in: Leffler/Westad (Anm. 1), Bd. 2, S. 88–111, hier S. 95, S. 104.
3.
Vgl. David E. Hoffman, The Dead Hand: The Untold Story of the Cold War Arms Race and Its Dangerous Legacy, New York 2009, S. 152ff.
4.
Vgl. Marc Trachtenberg, A Constructed Peace: The Making of the European Settlement, 1945–1963, Princeton 1999, S. 183; Lawrence Freedman, Kennedy’s Wars: Berlin, Cuba, Laos, and Vietnam, New York 2000, S. 97.
5.
Henry Kissinger, Kernwaffen und Auswärtige Politik, München 1959, S. 144; ders., Force and Diplomacy in the Nuclear Age, in: Foreign Affairs 3/1956, S. 349–366, hier S. 366.
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