Eine mit nuklearen Sprengköpfen bestückbare US-Interkontinentalrakete vom Typ LGM-30 Minuteman bei einem Test in Kalifornien, 03.05.2019.

26.4.2019 | Von:
Bernd Greiner

Einstein und die neun Zwerge. Historisches zum INF-Vertrag - Essay

"Atomare Diplomatie"

Das Spiel mit Unwägbarkeit, Verunsicherung und Angst, auch "atomare Diplomatie" genannt, beherrschten verschiedene Großmeister. Nikita Chruschtschow drohte wegen der Suezkrise 1956 gleich drei Großstädten – London, Paris und Tel Aviv – mit Raketenangriffen, kurz darauf setzte er in Berlin die Daumenschrauben an, zu guter Letzt glaubte er gar, die USA mit der Stationierung von Atomraketen auf Kuba vor aller Welt als zahnlose Großmacht blamieren zu können. Kriegerische Absichten hegte er nirgendwo. Aber den Weltmachtstatus der UdSSR im Stil eines Erpressers zu beglaubigen, war ihm eine unwiderstehliche Versuchung. US-Präsident Richard Nixon dachte ähnlich und erklärte Unberechenbarkeit zur hohen Kunst der Diplomatie. Menschen und Mächte, die sich gerieren, als hätten sie teilweise den Verstand verloren, können sich offenbar besonders gut durchsetzen – dieser "Madman-Theorie" folgte Nixon nicht nur, um in Vietnam optimale Bedingungen für einen Friedensschluss herauszuschlagen. Durch die Suggestion eigener Unberechenbarkeit – und damit Gefährlichkeit – wollte er der UdSSR auch im Nahen Osten die Grenzen ihrer Macht aufzeigen. Die sowjetische Führung durchschaute das Spiel jedoch und ließ ihn ins Leere laufen. Andererseits dienten ihr Nixons Auftritte als willkommene Legitimation eigener Hochrüstung, sollte doch alle Welt einsehen, dass sich Moskau nicht erpressen ließ, erst recht nicht von Verrückten.[6]

Den letzten Akt "atomarer Diplomatie" im Kalten Krieg läutete Ronald Reagan unmittelbar nach seinem Amtsantritt 1981 ein. Nicht genug damit, dass Außenminister Alexander Haig über "wichtigere Dinge als Frieden" und Verteidigungsminister Caspar Weinberger über führ- und gewinnbare Atomkriege schwadronierten.[7] Fast im Monatsrhythmus wurden entsprechende Einsatzpläne des Pentagon an die Presse durchgestochen – nicht von Whistleblowern, sondern von Mitarbeitern der Regierung, die ein politisches Ausrufezeichen hinter die Behauptung setzen wollten, dass die UdSSR im Kriegsfall auf allen vorstellbaren Ebenen den Kürzeren ziehen würde.[8] "Psychological operations" der US-Luftwaffe und Marine, mit denen die sowjetische Abwehrbereitschaft getestet und Lücken im Luftverteidigungssystem aufgedeckt wurden, trugen das Ihre zur Verunsicherung der Gegenseite bei. Wie nicht anders zu erwarten, versuchten es die Sowjets mit einer spiegelbildlichen Reaktion und programmierten mehr seegestützte Interkontinentalraketen denn je auf Ziele in den USA. Zu Recht wurde an die Kuba-Krise 1962 erinnert, derart schoss das beiderseitige Misstrauen ins Kraut.

Vor diesem Hintergrund geriet selbst ein Routinemanöver wie die Nato-Gefechtsstandübung "Able Archer" vom November 1983 zum Politikum. Dass die Militärbündnisse in Ost und West in regelmäßigen Abständen alle möglichen Szenarien der Eskalation vom konventionellen zum nuklearen Krieg durchspielten, war gewiss nichts Neues. In diesem Fall aber wertete der Kreml eine nicht angekündigte Neucodierung nuklearer Einsatzbefehle als bewusste Provokation. Was genau man den USA unterstellte und wer in der sowjetischen Befehlskette für die Gegenmaßnahmen verantwortlich zeichnete, ist unklar. In jedem Fall standen atomwaffenbestückte Kampfflugzeuge mit laufenden Triebwerken auf Startbahnen in der DDR, wurden Infanterie in Osteuropa in Kampfbereitschaft und ein Teil der Interkontinentalraketen in erhöhten Alarmzustand versetzt. Eindruck zu schinden, stand wieder einmal obenan, ungeachtet der Tatsache, dass unkalkulierbare Risiken in derlei Pokerspiele eingepreist waren.[9]

Fußnoten

6.
Vgl. Bernd Greiner, Die Kuba-Krise. Die Welt an der Schwelle zum Atomkrieg, München 2010; Jeremi Suri, Logiken der atomaren Abschreckung oder Politik mit der Bombe, in: Bernd Greiner/Christian Th. Müller/Dierk Walter (Hrsg.), Krisen im Kalten Krieg, Hamburg 2008, S. 24–47, hier S. 27, S. 31.
7.
Zit. in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.1.1981; United States Information Service, Wireless Bulletin, 18.6.1981.
8.
Vgl. Fiscal Year 1984–88 Defense Guidance, in: The New York Times, 30.5.1982; deutsche Übersetzung in: Blätter für deutsche und internationale Politik 10/1982, S. 1012.
9.
Vgl. Nate Jones, Able Archer 83. The Secret History of the NATO Exercise that Almost Triggered Nuclear War, Washington, D.C. 2016.
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Autor: Bernd Greiner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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