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1.6.2005 | Von:
C. Katharina Spieß
Katharina Wrohlich

Kindertages- Einrichtungen: Bedarf und nachhaltige Finanzierung

In Deutschland besteht eine massive Überschussnachfrage nach Kinderbetreuungsplätzen. Die nachhaltige Finanzierung des Ausbaus der Kinderbetreuungskapazität macht kurzfristig eine Reform des kommunalen Finanzausgleichs notwendig.

Einleitung

Quantitativ ausreichende und qualitativ hochwertige Kinderbetreuungsplätze sind eines der wichtigsten Instrumente zur Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit. Nach wie vor teilt das in Deutschland vorherrschende Modell der familiären Arbeitsteilung den Großteil der Erziehungs- und Betreuungsarbeit den Müttern zu. Die geringe Versorgung mit Plätzen in westdeutschen Kindertageseinrichtungen wird daher häufig als ein Grund für die niedrige Müttererwerbstätigkeit in Deutschland genannt.


Tatsächlich belegen empirische Studien, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Erwerbstätigkeit von Müttern und dem Angebot an Kinderbetreuungsplätzen gibt: Je umfassender das Angebot an Kindertageseinrichtungen, umso mehr Mütter sind erwerbstätig. Auch das Arbeitsvolumen von Müttern, das heißt, wie viele Stunden sie erwerbstätig sind, ist in Regionen höher, die sich durch eine gute Kinderbetreuungsinfrastruktur auszeichnen.[1]

Die Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit ist europaweit ein wichtiges Ziel der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik und wurde auf dem EU-Ratsgipfel in Lissabon vor rund fünf Jahren als Ziel explizit festgelegt.[2] Dadurch soll dem mittelfristig zu erwartenden Fachkräftemangel entgegengewirkt werden. Die Vermeidung langer familienbedingter Ausfallzeiten ermöglicht eine bessere Qualifikation von Müttern und infolgedessen auch ein höheres Einkommen für Familien.


Die Verbesserung der materiellen Situation von Familien durch die Arbeitsmarktintegration von Müttern wird in den Ausführungen zur so genannten "Lissabonner Strategie" als ein weiterer wichtiger Grund für die Erhöhung der Frauenerwerbsquote angeführt. Der Europäische Rat nennt ausdrücklich die Verfügbarkeit von Plätzen in Kindertageseinrichtungen als Voraussetzung für eine höhere Müttererwerbstätigkeit. In den Schlussfolgerungen des Vorsitzes des Europäischen Rats von Barcelona 2002 wird gefordert, dass die Mitgliedstaaten das Versorgungsangebot an Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren bis zum Jahr 2010 auf 33 Prozent anheben.[3] Die westdeutschen Bundesländer sind von dieser Zielmarke noch weit entfernt, während die ostdeutschen Bundesländer sie bereits erreicht haben[4].

Die empirische Forschung gibt weitere Hinweise darauf, dass eine hohe Müttererwerbstätigkeit volkswirtschaftlich betrachtet sinnvoll ist. Wenn beide Elternteile einer Erwerbsarbeit nachgehen können, führt dies zu einem steigenden Steuer- und Beitragsaufkommen der Sozialversicherungen. Hinzu kommen mögliche Einsparungen im Bereich des Arbeitslosengeldes II und des Sozialgeldes (ehemals Sozial- und Arbeitslosenhilfe), wenn die Bezieher dieser Transfers - häufig alleinerziehende Elternteile - einer Erwerbsarbeit nachgehen können. In einer empirischen Studie wurden solche Effekte auf der Basis gesamtdeutscher und repräsentativer Mikrodaten abgeschätzt.[5] Wenn beispielsweise alle Akademikerinnen mit einem Erwerbswunsch erwerbstätig wären, würden bereits zusätzliche Einnahmen im Milliardenbereich erzielt werden können: Im Einkommenssteuerbereich ließen sich im Jahr etwa eine Milliarde Euro zusätzlich erzielen und im Sozialversicherungsbereich etwa 1,5 Milliarden Euro. Diese Werte können als maximale Obergrenzen interpretiert werden - und zwar für die Bruttoeinnahmen, welche die öffentliche Hand realisieren könnte, wenn bei guter Arbeitsmarktlage und einem erfolgten Ausbau von Kindertageseinrichtungen die Erwerbswünsche erwerbswilliger Akademikerinnen realisiert werden könnten.

Zusätzlich zu diesen Effekten wird eine Volkswirtschaft langfristig weitere Einsparungen erzielen können, da eine gute Betreuung in Kindertageseinrichtungen Müttern eine kontinuierliche Erwerbsarbeit ermöglicht. Damit können zum einen Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik reduziert werden. Zum anderen entstehen auch indirekte Effekte, weil bedarfsgerechte Möglichkeiten der außerhäusigen Betreuung Einkommensverluste aufgrund einer Entwertung der Berufserfahrung von Frauen mit Kindern und damit ihres Humankapitals verhindern bzw. verringern können.[6] Alle diese Einkommenseffekte wirken sich ebenfalls auf die Einkommenssteuereinnahmen und das Sozialversicherungsaufkommen aus.

Neben der Förderung der Müttererwerbstätigkeit hat der Ausbau von Kindertagesstätten aber auch wichtige bildungspolitische und pädagogische Wirkungen. Nationale wie internationale Forschungsarbeiten verweisen auf die große Bedeutung des Besuchs einer Kindertageseinrichtung im vorschulischen Alter. Kinder werden kurz- bis langfristig am besten gefördert, wenn sie von ihrem dritten Lebensjahr an eine Kindertageseinrichtung besuchen. Die positiven Auswirkungen hängen allerdings nicht nur von der Tatsache des Besuchs, sondern insbesondere von der pädagogischen Qualität der Förderung ab. Eine gute pädagogische Betreuung kann so z.B. in der Entwicklung eines Kindes bis zu einem Jahr ausmachen.[7] Eine gute Kinderbetreuungsqualität hat positive Effekte auf die kognitiven Fähigkeiten eines Kindes, was damit verbunden sein kann, dass sich der Schulerfolg dieses Kindes verbessert. Dies kann u.a. weniger Schuljahrwiederholungen zur Folge haben, die ansonsten durch öffentliche Mittel finanziert werden müssten. Langfristig können volkswirtschaftliche Effekte dahin gehend auftreten, dass gute Betreuungsqualitäten in früher Kindheit zu einem höheren Lebenseinkommen oder einer geringeren Fürsorgeabhängigkeit führen - alles dies führt zu öffentlichen Mehreinnahmen bzw. zu Einsparungen bei den öffentlichen Haushalten. Insbesondere die anglo-amerikanische empirische Forschung hat dafür zahlreiche Hinweise gefunden.[8]


Fußnoten

1.
Wir danken Gert G. Wagner für hilfreiche Anmerkungen zum Manuskript dieses Beitrags.

Vgl. für solche Studien im deutschen Kontext z.B. C. Katharina Spieß/Felix Büchel, Müttererwerbstätigkeit und Kindertageseinrichtungen - neue Ergebnisse zu einem bekannten Zusammenhang, in: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, 71 (2002), S. 96 - 114 sowie Felix Büchel/C. Katharina Spieß, Effekte der regionalen Kindergarteninfrastruktur auf das Arbeitsangebot von Müttern, in: Winfried Schmähl (Hrsg.), Soziale Sicherung und Arbeitsmarkt, Reihe "Schriften des Vereins für Socialpolitik", Berlin 2003, S. 95-126.
2.
Vgl. dazu: Die Herausforderung annehmen. Bericht der Hochrangigen Sachverständigengruppe unter Vorsitz von Wim Kok, Luxemburg 2004.
3.
Vgl. Schlussfolgerungen des Vorsitzes. Europäischer Rat (Barcelona) 15. und 16. März 2002, in: www. labournet.de/diskussion/eu/gipfel/rat.pdf, S. 13 (Stand: 31.März 2005).
4.
Vgl. dazu die Ergebnisse der Kinder- und Jugendhilfestatistik: Statistisches Bundesamt, Kindertagesbetreuung in Deutschland. Einrichtungen, Plätze, Personal und Kosten 1990 bis 2002, Wiesbaden 2004.
5.
Vgl. C. Katharina Spieß/Jürgen Schupp/Markus Grabka/John P. Haisken-De New/Heike Jakobeit/Gert G. Wagner, Abschätzung der Brutto-Einnahmeneffekte öffentlicher Haushalte und der Sozialversicherungsträger bei einem Ausbau von Kindertageseinrichtungen, Baden-Baden 2002.
6.
Ein Beispiel für eine empirische Analyse, welche diese Effekte in ihrem Umfang abschätzt, ist: Miriam Beblo/Elke Wolf, Die Folgekosten von Erwerbsunterbrechungen, in: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, (2002) 1, S. 83 - 94.
7.
Vgl. dazu die empirische Studie von Wolfgang Tietze (Hrsg.), Wie gut sind unsere Kindergärten, Neuwied u.a. 1998.
8.
Vgl. dazu der Überblicksaufsatz von C. Katharina Spieß, Kosten und Nutzen von Kinderbetreuung: Internationale und nationale Betrachtungen aus ökonomischer Perspektive, in: L. Mohn/R. Schmidt (Hrsg.), Familie bringt Gewinn, Gütersloh 2004.