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23.5.2005 | Von:
Alfredo Märker
Beate Wagner

Vom Völkerbund zu den Vereinten Nationen

Gründung und Scheitern des Völkerbunds

Als dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson 1920 für die Gründung des Völkerbundes der Friedensnobelpreis verliehen wurde,[6] zeichnete man ihn für sein Engagement bei der Umsetzung einer Idee aus, für die er seine eigenen Landsleute offenbar nur wenig zu begeistern vermochte. In der Tat lässt sich die dem Völkerbund zugrunde liegende Idee einer verfassten Weltgesellschaft - also die Einbindung souveräner Staaten in ein System gegenseitiger Sicherheit, gemeinsamer rechtlicher Verpflichtungen, Institutionen und Verfahren mit dem Ziel einer Vertrauensbildung - nur schwer mit dem amerikanischen Freiheitsideal (und daraus folgenden Vorstellungen von Sicherheit) vereinbaren.

Völkerbund_420Sitzungssaal des Völkersbundes, 1928, Foto: Deutsches Bundesarchiv


Philosophisch geht die Gründung des Völkerbundes vor allem auf europäische Denkschulen zurück. Frühe Vorstellungen zur Errichtung einer Friedensordnung finden sich etwa bei William Penn (1644 - 1718) und Abbé de Saint-Pierre (1658 - 1743). Von zentraler Bedeutung waren allerdings die Überlegungen Immanuel Kants (1724 - 1804), bei dem sich auch erstmals der Ausdruck "Völkerbund" findet. In seinem 1794 veröffentlichten Traktat "Zum Ewigen Frieden" hatte Kant einen Bund gleichberechtigter Staaten vorgeschlagen, versehen mit einem detailliert ausgearbeiteten Vertragsentwurf und einem Organisationsmodell jenseits von Weltstaatlichkeit. Doch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nach einem Weltkrieg mit Millionen von Toten, schien die Zeit reif für eine Umsetzung dieser Vision.[7]

Realpolitisch ist die Entstehungsgeschichte des Völkerbundes eng verbunden mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten, der im Ersten Weltkrieg schließlich die militärischen Entscheidungen zugunsten der Alliierten brachte. Nach Ansicht Hermann Webers fiel den USA deshalb die Aufgabe, Grundsätze für eine neue Staatenordnung zu entwickeln, auf "fast natürliche Weise" zu.[8] Präsident Wilson, der Wortführer einer neuen und besseren Staatenordnung, hatte seine Vorstellungen in den Jahren 1918/19 mehrfach öffentlich dargelegt. So sagte er am 4. Juli 1918 in Mount Vernon: "Was wir suchen, ist die Herrschaft des Rechts, gegründet auf die Zustimmung der Regierten und getragen von der organisierten Meinung der Menschheit."[9]

Wenige Monate zuvor, am 18. Januar 1918, hatte er die amerikanischen Kriegsziele in seiner berühmt gewordenen "14-Punkte-Ansprache" vor dem amerikanischen Senat erörtert. Sein letzter und wichtigster Punkt - die Gründung einer "Allgemeinen Vereinigung der Nationen" - wurde später auf der Pariser Friedenskonferenz von den Siegerstaaten ebenso aufgenommen wie sein Vorschlag, die Satzung des Völkerbundes in die Friedensverträge zu integrieren, womit der Demokrat Wilson in seiner Heimat die Zustimmung der Republikaner zum Völkerbund erhoffte. Am 28. April 1919 wurde die Völkerbundsatzung von den 32 Siegerstaaten des Ersten Weltkrieges einstimmig angenommen. Bekanntermaßen wurden die Vereinigten Staaten von Amerika niemals Mitglied. "[D]em Puls des amerikanischen Volkes näher als ein idealistischer Präsident" - wie es Ulrich Preuß jüngst beschrieben hat - hatte der amerikanische Senat seine Zustimmung zum Vertrag von Versailles, dessen erste 26 Artikel das Statut des Völkerbundes bildeten, versagt. "George Washington siegte posthum über Woodrow Wilson", so Preuß, und er fügte hinzu, dass Wilson bis heute keinen allzu guten Ruf in den USA genieße.[10]

Trotz des Rückzugs der USA in den Isolationismus stimmten die Anfangsjahre der neuen Organisation, zu deren Sitz man Genf bestimmt hatte (daher auch die Bezeichnung "Genfer Liga"), zunächst hoffnungsvoll. Ihre Erfolge in der Friedenssicherung blieben jedoch auf die Anfangszeit beschränkt: So gelang es dem Völkerbund, bei einigen eher unbedeutenden Streitfällen zu vermitteln, darunter Spitzbergen (1920), die Åland-Inseln (1921) und Korfu (1923). Zentrale Auseinandersetzungen wie der Ruhrkonflikt (1923), der Spanische Bürgerkrieg (1936 bis 1939) und die Sudentenkrise (1938) wurden stattdessen außerhalb der "Genfer Liga" ausgetragen. Insofern sind die tatsächlichen Leistungen des Völkerbundes eher im technischen Bereich zu finden, etwa bei der Einleitung der Dekolonisation, dem Aufbau internationaler Unterstützung von Flüchtlingen, weltweiter Hungersbekämpfung und Gesundheitsvorsorge oder der Etablierung einer internationalen Beamtenschaft mit supranationalem Beamtenethos und ersten (wenn auch eher negativen) Erfahrungen bei der internationalen Konsensfindung - eine Leistung, von der die Vereinten Nationen später profitieren sollten.[11]

Die einzelnen Schritte und Ursachen für das Scheitern des Völkerbundes sind oft beschrieben worden. Zum einen hatte man bei der Gründung des Völkerbunds versäumt, ihn mit der nötigen Zwangsgewalt zur Durchsetzung seiner Beschlüsse auszustatten. Hinzu kam, dass seine Satzung ohnehin kein generelles, sondern nur ein eingeschränktes Gewaltverbot begründete. Die Regeln zur Kriegsverhütung sahen also lediglich einen Mechanismus der Streitschlichtung vor, demzufolge ein Staat das Recht zum Krieg hatte, ohne gegen die Satzung zu verstoßen. Am deutlichsten manifestierte sich die Schwäche des Völkerbunds jedoch in seiner mangelnden Universalität. Letztlich repräsentierte er niemals die ganze Völkergemeinschaft, in seiner Hochphase gerade zwei Drittel der damaligen Staatenwelt. Deutschland wurde erst 1926 Mitglied, die Sowjetunion trat erst 1934 bei; aber da hatten einige Staaten - insbesondere Japan, das Deutsche Reich und kurz darauf Italien - den Völkerbund ohnehin längst wieder verlassen. Nahezu teilnahmslos musste die "Genfer Liga" daraufhin dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zusehen.

So wenig der Völkerbund seiner Kernaufgabe in den 26 Jahren seines Bestehens gerecht werden konnte, so viele Erklärungsversuche wurden für dessen Versagen hervorgebracht. Winston Churchill schrieb es vor allem der Abwesenheit der USA und der Tatsache zu, dass diese Europa sich selbst überlassen hätten. Für Paul Boncour, den französischen Vertreter bei der Völkerbundversammlung, hatte hingegen nicht die Weltorganisation Fehler gemacht, sondern die jeweiligen Nationen (bzw. deren Regierungen). Diese hätten es nicht vermocht, sich über ihre Partikularinteressen zu erheben und so den Völkerbund "im Stich gelassen". Beide Positionen haben wohl ihre Richtigkeit, schmälern jedoch im Nachhinein auch nicht die Bedeutung dieses ersten gescheiterten Versuchs, eine Weltfriedensorganisation zu errichten. Entsprechend überwogen in der Nachschau die Würdigungen. So bezeichnete der südafrikanische Politiker Jan Christian Smuts den Völkerbund auf der Gründungskonferenz der Vereinten Nationen als "große und edle Leistung", die weit über das hinausgegangen sei, was man vorher getan oder auch nur versucht habe; vieles davon sei "von bleibendem Wert", so dass es von der neuen Organisation nur aufgenommen und fortgesetzt werden könne. "Der Völkerbund ist tot, es lebe die UNO", lautete der Nachruf des britischen Diplomaten Lord Cecil anlässlich der Selbstauflösung des Völkerbundes am 18. April 1946. Wie kaum ein anderer hatte er sich für das Gelingen der ersten Weltfriedensorganisation eingesetzt. An seinen Worten wird deutlich, dass die Vereinten Nationen, bei allen strukturellen Vorkehrungen, die man der neuen Weltorganisation nach dem Scheitern des Völkerbundes auf den Weg gab, ideengeschichtlich noch immer in der Kontinuität ihres Vorgängers standen.[12]


Fußnoten

6.
Wilson erhielt damals den Preis für das Jahr 1919, in dem keine Preisverleihung stattfand. Der Friedensnobelpreis des Jahres 1920 stand allerdings ebenfalls ganz im Zeichen der damals noch jungen und hoffnungsvollen Weltfriedensorganisation Völkerbund. Er ging an den Franzosen Léon Victor Auguste Bourgeois (1851 - 1925), den ersten Präsidenten des "Council of the League of Nations", dem Völkerbundrat.
7.
Zur Ideengeschichte des Völkerbundes vgl. Hermann Weber, Vom Völkerbund zu den Vereinten Nationen, Bonn 1987, S. 9 ff. und G. Unser (Anm. 1), S. 2 - 6.
8.
H. Weber, ebd., S. 17.
9.
Zit. in: G. Unser (Anm. 1), S. 7.
10.
Vgl. Ulrich K. Preuß, Krieg, Verbrechen, Blasphemie. Gedanken aus dem alten Europa, Berlin 2003 (Epilog), zit. aus einem Auszug in: Die Gazette, Januar 2004, vgl. www.gazette.de.
11.
Vgl. G. Kreis (Anm. 2), S. 5.
12.
Zu Churchills und Boncours Erklärungen für das Scheitern des Völkerbundes vgl. Hermann Friedman, Vom Völkerbund zur UNO, Gerabronn 1953, S. 8. Zur Bewertung Boncours und als Zitatnachweis für die Aussage Lord Cecils vgl. Marc Ferro, Der Völkerbund ist tot, es lebe die UNO, in: Le Monde diplomatique vom 11. 4. 2003. Die Rede Smuts auf der Gründungskonferenz ist zit. in: G. Unser (Anm. 1), S. 19.