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23.5.2005 | Von:
Manuel Fröhlich

Die UNO-Generalsekretäre

Die Auswahl der Kandidaten

Die Wahl des Generalsekretärs wird in Art. 97 geregelt. Danach wird der Generalsekretär "auf Empfehlung des Sicherheitsrates von der Generalversammlung ernannt". Die Amtsdauer beträgt in der Regel fünf Jahre; Wiederwahl ist möglich. Der Rat entscheidet in der Regel mit einer Mehrheit von mindestens neun Stimmen, wobei bei allen Fragen, die nicht bloß verfahrenstechnischer Natur sind, die ständigen Mitglieder ein entscheidungsverhinderndes Veto einlegen können. Bezogen auf den Generalsekretär heißt das, dass dieser die Unterstützung aller ständigen Ratsmitglieder bekommen muss. Enthaltung ist dabei möglich; nur ein explizites Veto gegen einen Kandidaten verhindert dessen Wahl. Dies geschah zuletzt eindrucksvoll bei der Entscheidung über eine zweite Amtszeit Boutros-Ghalis. Der Ägypter konnte in den ersten (geheimen) Wahlgängen (bei denen die Stimmzettel der ständigen Mitglieder besonders markiert sind) eine Unterstützung von 14 zu einer Stimme mobilisieren. Das amerikanische Veto hielt jedoch solang an, bis sich die Mehrheit im Rat auch mit alternativen Kandidaten befasst hatte. Das Vertrauen insbesondere der ständigen Mitglieder bleibt über den Tag der Wahl hinaus entscheidend für den Handlungsspielraum des Generalsekretärs.

Bislang hatten die Generalsekretäre in der Regel vor Amtsantritt hohe Posten in den Außenministerien ihres Heimatlandes inne und führten zuvor die Delegation ihres Landes zur Generalversammlung.[6] Lie und Hammarskjöld stellten als Vertreter des "neutralen" Skandinaviens typische Kompromisskandidaten in Zeiten des Kalten Krieges dar; auch der Österreicher Waldheim fällt in diese Kategorie. Die Wahlen U Thants, Pérez de Cuéllars und Boutros-Ghalis erklären sich dagegen auch aus der für die Vereinten Nationen so wichtigen, angemessenen Berücksichtigung der Weltregionen (Asien, Lateinamerika, Afrika) bei der Besetzung von Ämtern. Die - nach der bisherigen Praxis - unübliche Verweigerung einer zweiten Amtszeit für den afrikanischen Amtsinhaber führte dann 1997 dazu, dass abermals ein afrikanischer Kandidat gesucht wurde. Die Wahl Kofi Annans bricht jedoch mit dem bislang anzutreffenden Profil möglicher Kandidaten, da er der erste ist, der unmittelbar nach seinem Studium in den internationalen Dienst eintrat, der ihn von der Weltgesundheitsorganisation bis zum Posten des Untergeneralsekretär für Friedensoperationen führte.

Der Blick auf die Wahlen zum UN-Generalsekretär enthüllt, dass die Amtsinhaber allesamt nicht "erste Wahl" waren. Eine andere Liste, die jedoch aufgrund unterstellter, einseitiger Blockorientierung nicht zum Zuge kam, hätte durchaus Lester Pearson (Kanada), V. J. Pandit (Indien), Mongi Slim (Tunesien), Max Jacobson (Finnland), Salim A. Salim (Tansania) oder Bernard Chidzero (Simbabwe) als UN-Generalsekretäre auflisten können. Die tatsächlich erkorenen Personen galten zunächst (mit der Ausnahme Boutros-Ghalis) als eher graue Verwaltungsfachleute oder Diplomaten - ein Bild, das sich regelmäßig (am wenigsten jedoch bei Kurt Waldheim) änderte. Jeglicher Vergleich zwischen den Generalsekretären ist jedoch in dem Maße zu relativieren, in dem sich die internationale Situation und das Krisenpanorama verändert haben. Hatte Lie es noch mit 51, vorwiegend westlich geprägten Staaten zu tun, ist Kofi Annan heute mit fast viermal so vielen Staaten konfrontiert.


Fußnoten

6.
Von den Amtsinhabern liegen eine Reihe autobiographischer Schilderungen vor. Vgl. Trygve Lie, In the Cause of Peace. Seven Years with the United Nations, New York 1954; U Thant, View from the UN, New York 1978; Kurt Waldheim, Im Glaspalast der Weltpolitik, Düsseldorf-Wien 1985; Javier Pérez de Cuéllar, Pilgrimage for Peace. A Secretary-General's Memoir, New York 1997; Boutros Boutros-Ghali, Unvanquished. A U.S.-U.N. Saga, New York 1999. Dag Hammarskjöld hat dagegen ein eher spirituell geprägtes Tagebuch hinterlassen: Vgl. Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg, neu hrsg. von Manuel Fröhlich, München 2005 (i.E.).