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23.5.2005 | Von:
Manuel Fröhlich

Die UNO-Generalsekretäre

Zusammenfassung

Der Blick auf die Generalsekretäre der UNO hat eine Reihe von Besonderheiten dieses politischen Amtes aufgezeigt. Zentral für die jeweiligen Amtsinhaber war letztlich die Unterstützung durch die Mitgliedstaaten. Der politische Mechanismus einer "Vertrauensspirale" erlaubte Generalsekretären, die zunächst bei kleineren Missionen Erfolg hatten, immer größere Verantwortung und Aktivitäten. Umgekehrt reduzierte sich ihr Spielraum jedoch bei mangelnder Unterstützung in ebenso schnellem Tempo bis schließlich zur Blockade jeglicher Aktivität.

Zwei strukturelle Ursachen für die durchaus prekäre Ausweitung des politischen Handlungsspielraums drängen sich auf. So fiel dem Generalsekretär zunächst angesichts des blockierten Sicherheitsrates in den fünfziger und sechziger Jahren eine bedeutende Exekutiv-Funktion zu, da der Rat allenfalls allgemeine und deutungsoffene Resolutionen verabschiedete, oder die an seiner Stelle agierende Generalversammlung ebenfalls nur vage Handlungsvorgaben machte. Die zweite strukturelle Veränderung brachte sicherlich das Ende des Ost-West-Konfliktes. Konnte der Generalsekretär zuvor gelegentlich seine Position als "neutral" in der Mitte zwischen den Positionen der Supermächte finden, so erlaubte und forderte die neue weltpolitische Situation auch einen dezidiert eigenen, an den Zielen der Charta orientierten politischen Standpunkt. Die Vorteile und Verlockungen, aber auch die Schwierigkeiten und Gefahren dieser exponierten Rolle haben sowohl Boutros-Ghali als auch Kofi Annan erfahren.

Bilanzierend können zwei hauptsächliche Gefahrenquellen für die "Lebensdauer" des UN-Generalsekretärs identifiziert werden: Verlust der Unterstützung eines oder mehrerer Sicherheitsratsmitglieder (Lie - UdSSR; Hammarskjöld - UdSSR, Frankreich; Waldheim - China; Boutros-Ghali - USA) sowie schlichtweg - aber durchaus symptomatisch - Krankheit (U Thant), Erschöpfung (de Cuéllar) und Unfall (Hammarskjöld). Jeder Generalsekretär hat seinen eigenen Stil in das Amt eingebracht und den Anspruch sowie die Grenzen des Amtes neu vermessen. Gleichwohl hat sich eine zwischen besonders aktiven und besonders passiven Amtsführungen erkennbare Tradition herausgebildet. Gemein ist allen bisherigen Amtsinhabern, dass sie in Anbetracht der Tatsache, ohne klassische Machtmittel wie Finanzen oder Militär auskommen zu müssen, wesentlich auf ihre "moralische Kraft" angewiesen sind. Diese macht letztlich in ihren Stärken und Schwächen die "Divisionen" des Generalsekretärs aus.

1945 hatte die Vorbereitungskommission der UNO zum Amt des Generalsekretärs geschrieben: "(...) Wie kein anderer wird der Generalsekretär für die Vereinten Nationen als Ganzes stehen. In den Augen der Welt und der seiner Mitarbeiter muss er die Prinzipien und Ideale der Charta verkörpern. (...) [Ihm] wurden ziemlich besondere Rechte verliehen, die über jegliche Rechte hinausgehen, die zuvor dem Leiter einer internationalen Organisation übertragen wurden. (...) Es ist unmöglich vorherzusagen, wie [diese] angewandt werden (...) aber die Verantwortlichkeiten, die dem Generalsekretär übertragen werden, werden die Ausübung höchster Qualitäten in politischem Urteilsvermögen, Takt und Integrität erfordern."[16] Diese Anforderungen werden auch für den Nachfolger - oder die Nachfolgerin - von Kofi Annan entscheidend sein.


Fußnoten

16.
Report of the Preparatory Commission of the United Nations (PC/20) vom 23. 12. 1945, Chapter VIII Sect. 2 Para. 16, S. 87.