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29.4.2005 | Von:
Rainer Gries

Mythen des Anfangs

Erzählungen vom Beginn sowie vom Gestern, Heute und Morgen dienten den Eliten der Bundesrepublik, der DDR und der Republik Österreich nach Kriegsende dazu, ein Wir-Gefühl und Wir-Verständnis zu begründen.

Einleitung

Die Mythen des Anfangs wussten Einheit zu stiften, indem sie Geschichten der "Einheit" erzählten. Die Eliten der Bundesrepublik Deutschland, der DDR und der Republik Österreich standen im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg und der "Stunde null" vor der Aufgabe, ein auf das jeweilige Staatswesen und sein Gesellschaftssystem bezogenes Wir-Gefühl zu begründen. Es galt, Legitimität zu symbolisieren und Loyalität von den Vielen zu erheischen, wozu prägnante, akzeptanzfähige, emotionalisierende und mobilisierende Erzählungen angeboten werden mussten. Vornehmste Aufgabe dieser Geschichten musste es sein, politische, soziale, ökonomische, vor allem aber familiäre Erfahrungen von Kontingenz in höhere Sinnhorizonteeinzubinden. Die traumatischen Kriegserlebnisse, der Zusammenbruch staatlicher Institutionen und politischer Autoritäten sowie die Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit von Millionen machten einfache und einprägsame wie sozialpsychologisch leistungsstarke Erzählungen erforderlich.[1]




Diese Narrative gaben den Gesellschaften in statu nascendi eine integrierende Zeit-Gestalt vor, indem sie erklärten, woher man kam, wo man stand und wohin man gemeinsam wollte. Sie offerierten ein versöhnliches Muster vonVergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektiven (Karl-Ernst Jeismann). Diese Narrative hatten diejenigen Grund-Werte zu vermitteln, die für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fortan verbindlich sein sollten. Sie mussten nichts weniger als einen akzeptanzfähigen zeitlich-politisch-moralischen Orientierungsrahmen, kurz: das neue soziale und politische Selbstverständnis und Selbstgefühl, leicht verständlich darstellen und versinnbildlichen - in Form von Bildern, Symbolen, Ritualen und Personen.

Mythen des Anfangs sind nicht nur Gründungsmythen, die unhinterfragbar einen sagenhaften Ursprung des eigenen Gemeinwesens formulieren und ausgestalten.[2] Vorstellungen von einem sinnhaften Beginn sind überdies mit einem Verständnis von Gegenwart und Zukunft verknüpft. Dieser Beitrag unternimmt den Versuch, das Geflecht mythischer Erzählungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der ersten Nachkriegszeit auf dem Territorium der drei Folgestaaten des "Dritten Reiches" vergleichend zu skizzieren.


Fußnoten

1.
Vgl. Überholen ohne einzuholen. Deutsche Gründungserzählungen im Leistungsvergleich. Ein Gespräch mit Herfried Münkler, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 40 (1995) 10, S. 1179-1190.
2.
Zur Diskussion und Funktion von Gründungsmythen siehe Hans-Joachim Gehrke (Hrsg.), Geschichtsbilder und Gründungsmythen, Würzburg 2001; Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, Darmstadt 1999, S. 52ff.