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29.4.2005 | Von:
Rainer Gries

Mythen des Anfangs

Österreich - "das erste Opfer des Nationalsozialismus"

In allen drei Ländern lässt sich die Vielfalt der Symbole, Bilder und Geschichten auf unumstößliche erste Grund-Sätze zurückführen. In Österreich lautete diese fundamentale Sentenz: "Wir sind die ersten Opfer des Nationalsozialismus." Dieser den künftigen österreichischen Offizialdiskurs strukturierende Satz wurde im April 1945 im Gründungsdokument der Republik festgeschrieben: "Angesichts der Tatsache, daß der Anschluß des Jahres 1938 (...) durch militärische Bedrohung von außen und den hochverräterischen Terror einer nazifaschistischen Minderheit eingeleitet, einer wehrlosen Staatsleitung abgelistet und abgepreßt, endlich durch militärische kriegsmäßige Besetzung des Landes dem hilflos gewordenen Volke Österreichs aufgezwungen worden ist, (...) und endlich angesichts der Tatsache, daß die nationalsozialistische Reichsregierung Adolf Hitlers kraft dieser völligen politischen, ökonomischen und kulturellen Annexion des Landes das macht- und willenlos gemachte Volk Österreichs in einen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg geführt hat, den kein Österreicher jemals gewollt hat, (...), erlassen die unterzeichneten Vertreter aller antifaschistischen Parteien Österreichs (...) die nachstehende Unabhängigkeitserklärung."[3]

Die Erklärung der Unabhängigkeit als Deklaration der Unschuld: Während im "Altreich" noch gekämpft wurde, vier Tage vor Hitlers Freitod, gossen drei Parteien des "neuen Österreich" das Fundament des künftigen Selbstverständnisses. Der gängigen Erzählung zufolge war das kleine und wehrlose Österreich von den "braunen deutschen Horden" 1938 überrannt worden.[4] "Belogen" und "betrogen" - die überwältigende Mehrheit sah sich als unpolitische, hilflose Opfer einer fremden Propagandamaschinerie. Zwar gab es auch im eigenen Volk einige wenige, vom Ausland gesteuerte Verräter, aber das Gros war unschuldig, mehr noch: Die wahren Österreicher hatten sich auch unter der Besatzungsherrschaft den Geist der Menschlichkeit und die Treue zu ihrem geliebten Land nicht austreiben lassen.[5] Das galt nicht zuletzt für die Soldaten, die in der Wehrmacht kämpften - in ihrem Herzen dienten sie nur der Heimat.[6] Zu Kronzeugen des Opfermythos wurden die Alliierten stilisiert, denn mit der "Moskauer Deklaration" vom November 1943 hatten sie der Republik Österreich einen solchen Status zwar bestätigt, zugleich aber auch eine Mitverantwortung eingefordert, welche die Unabhängigkeitserklärung "nahezu versteckte" und welche der öffentlich kommunizierte Unschuldsmythos gänzlich unerwähnt ließ.[7]

Diese Grundsätze des österreichischen Selbstbildes stießen auf breite Akzeptanz. Etwa vier Jahrzehnte lang strukturierten und steuerten Variationen dieses Opfermythos das österreichische Selbstverständnis.[8] Erst seit den achtziger Jahren, nicht zuletzt im Zuge der öffentlichen Debatten um den Bundespräsidenten Kurt Waldheim, wurde dieses Narrativ in Frage gestellt.[9] Die eingängige Meistererzählung vom kleinen und hilflosen, vom braven und unterjochten österreichischen Volk bahnte einer Vielzahl weiterer Propageme den Weg.[10]

Integration durch Abgrenzung: Der Opferstatus ließ es zu, Täter und Schuldige ohne großen Aufwand auszugrenzen.[11] Es waren "die Deutschen" und wenige Helfershelfer im eigenen Land. Der Aufbau eines österreichischen Wir-Gefühls ließ sich fortan am besten durch eine Propaganda der Abgrenzung zum großen Nachbarn, den "nazistischen Preußen", bewerkstelligen.[12]

Einheitsstiftung durch imaginierte gemeinsame Erfahrung: Opfer der Aggressoren waren sowohl Repräsentanten der Linken wie der Rechten, "Rote" wie "Schwarze", so ein weiteres Argumentationsmuster. In den Konzentrationslagern waren sie unterschiedslos dem Terror ausgesetzt. Die gemeinsame Erfahrung der "Lagerstraße" begründete demzufolge die neue demokratische Kultur. Das Gegeneinander der Ersten Republik sollte aufgrund des "Geistes der KZ-Gemeinschaft" in ein Miteinander der Zweiten Republik überführt werden.[13] Das "neue Österreich" sollte zukunftssicher sein, doch diese gerne beschworene Formel wurde keineswegs mit hehren Plänen einer austriakischen Zukunftsgesellschaft verknüpft. Mit der Geburt eines "neuen Österreichs" war vielmehr der Weg in eine Konsensgesellschaft der Nachkriegszeit gemeint, die sich vom missglückten Modell der Dissensgesellschaft der Vorkriegszeit abheben sollte.[14]

Zur überragenden politischen Symbolfigur des neuen Österreichs avancierte der zweite Kanzler der Zweiten Republik, Leopold Figl. "Unser Poldl" war "unser Österreich", der homo austriacus schlechthin: ein volksverbundener Heurigen-Politiker mit Weinglas, die Inkarnation des guten und ausgleichenden Landesvaters. Vor allem aber konnte der Bauernsohn aus dem Tullnerland als Verkörperung des Opfermythos gelten, denn "der Figl" war von 1938 bis 1943 in den Konzentrationslagern Dachau und Flossenbürg inhaftiert gewesen, weil er sich unerschrocken zu Österreich bekannt hatte.[15] Sein mit dem Österreich-Mythos eng verwobener persönlicher Nimbus erreichte 1955 einen Höhepunkt, denn der damalige Außenminister galt als Schöpfer des mit Bauernschläue erkämpften Staatsvertrages, der Österreich seine Souveränität zurückgab. Bis zum legendären wie erlösenden "Österreich ist frei" aus dem Munde Figls anlässlich der Unterzeichnung des Vertrages war das Propagem vom nicht enden wollenden Opfergang ausgedehnt worden. Leopold Figl, der "mutige kleine Mann", hatte es unternommen, die Ketten der Knechtung des "mutigen kleinen Landes" zu sprengen - vor allem deshalb, weil es ihm noch am Vorabend der Unterzeichnung gelungen war, in der Außenministerkonferenz durchzusetzen, dass eine Klausel gestrichen wurde, welche Österreich eine "gewisse Verantwortlichkeit" am Zweiten Weltkrieg vorgeworfen hatte. Die Gründungserzählung Österreichs fand 1955 ihren furiosen Abschluss - die glückliche Wende zum Guten war gelungen.[16]

Das "neue Österreich" präsentierte sich auch visuell als "Land der Berge, Land am Strome", das seine Nationalhymne seit 1947 geradezu programmatisch pries.[17] Eine Metaphorik des Raumes führte beschauliche Bilder eines kleinen, aber schönen Landes vor, das sich inmitten einer polar verfassten Welt behauptete: Österreich inszenierte sich aus der Sicht des Herrgottswinkels, zeigte sich als Idyll aus Hochalpen und Donauniederungen, bevölkert von einem schlauen und gläubigen Bauernvolk. Fortan dominierten Bilder, Bauwerke und Bundeskanzler, die Österreich als Mittler, als "Brücke" zwischen West und Ost, entwarfen. Der Bundeskanzler Bruno Kreisky und der Wiener Erzbischof, Franz Kardinal König, repräsentierten diese Grunderzählung des neuen Österreichs dann in späteren Jahren.


Fußnoten

3.
Präambel der österreichischen Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945, zit. nach: Eva-Marie Csáky (Hrsg.), Der Weg zu Freiheit und Neutralität. Dokumente zur österreichischen Außenpolitik 1945 - 1955, Wien 1980, S. 36f.
4.
Vgl. Gerhard Botz, Geschichte und kollektives Gedächtnis in der Zweiten Republik. "Opferthese", "Lebenslüge" und "Geschichtstabu" in der Zeitgeschichtsschreibung, in: Wolfgang Kos/Georg Rigele (Hrsg.), Inventur 45/55. Österreich im ersten Jahrzehnt der Zweiten Republik, Wien 1996, S. 51 - 85.
5.
Zur nationalsozialistischen Vergangenheit im österreichischen Geschichtsbild siehe Meinrad Ziegler/Waltraud Kannonier-Finster, Österreichisches Gedächtnis, Wien 1997(2).
6.
Vgl. Wolfgang Kos, Eigenheim Österreich. Zu Politik, Kultur und Alltag nach 1945, Wien 1994, S. 99ff.
7.
Vgl. Anton Pelinka, Von der Funktionalität von Tabus. Zu den "Lebenslügen" der Zweiten Republik, in: W. Kos/G. Rigele (Anm. 4), S. 23 - 32.
8.
Siehe dazu den kursorischen Überblick von Ernst Bruckmüller, Symbole österreichischer Identität zwischen "Kakanien" und "Europa", Wien 1997.
9.
Auch im "Gedankenjahr" 2005 wird in Österreich über den Wahrheitsgehalt des Opferstatus des Staates einerseits und der Opfermentalität der Vielen andererseits debattiert; vgl. z.B. Gerhard Botz, Der Kanzler als Schulmeister der Zeitgeschichtsforschung?, in: Der Standard vom 12./13.3. 2005, S. 37f.
10.
Unter Propagemen seien im Folgenden "semantische Marker" verstanden, "Erzählungen" begrenzter Komplexität, die über lange Zeit mit Hilfe von Massenmedien einer breiten Zielgruppe vermittelt wurden. Vgl. Rainer Gries, Zur Ästhetik und Architektur von Propagemen. Überlegungen zu einer Propagandageschichte als Kulturgeschichte, in: ders./Wolfgang Schmale (Hrsg.), Kultur der Propaganda, Bochum 2005, S. 9 - 34.
11.
Vgl. Ernst Bruckmüller, Nation Österreich. Kulturelles Bewußtsein und gesellschaftlich-politische Prozesse, Wien 1996(2), S. 135 - 153; zur Differenzbildung siehe auch G. Botz (Anm. 4), S. 72ff.
12.
Zur politischen Beziehungsgeschichte siehe Matthias Pape, Ungleiche Brüder. Österreich und Deutschland 1945 - 1965, Köln-Weimar-Wien 2000.
13.
Die Definition einer "Zweiten" im Gegensatz zur "Ersten Republik" bezeichnet Wolfgang Kos als "genialen Marketing-Coup": Vorwort, in: ders./G. Rigele (Anm. 4), S. 9 - 22, hier S. 10f.
14.
Vgl. dazu W. Kos (Anm. 6), S. 59ff.
15.
Vgl. Martin Müller, Unser "Poldl". Zur Konstruktion eines österreichischen Helden, Diplomarbeit, Ms., Universität Wien 2004. Überdies konnten acht von elf Mitgliedern der Regierung Figl und 118 der 215 National- und Bundesratsabgeordneten als Opfer des Nationalsozialismus oder als aktive Widerstandskämpfer gelten, vgl. Erika Weinzierl, Zeitgeschichte in der Krise?, in: Gerhard Botz/Gerald Sprengnagel (Hrsg.), Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte, Frankfurt/M. 1994, S. 132 - 149, hier S. 142.
16.
Vgl. auch W. Kos (Anm. 6), S. 88f.
17.
Zur Propaganda des amtlichen Selbstbildes ließ die Regierung einen aufwändigen Film drehen: 1. April 2000, 1952, Regie: Wolfgang Liebeneiner; vgl. dazu Ernst Kieninger/Nikola Langreiter/Armin Loaker/Klara Löffler (Hrsg.), 1. April 2000, Wien 2000. Vgl. auch Ernst Bruckmüller, Die Entwicklung des Österreichbewußtseins, in: Robert Kriechbaumer (Hrsg.), Österreichische Nationalgeschichte nach 1945. Bd. 1, Wien-Köln-Weimar 1998, S. 369 - 396, S. 395.