APUZ Dossier Bild

29.4.2005 | Von:

Kriegskinder in Europa

Kriegskinder in der Nachkriegszeit

Mitte der achtziger Jahre meldeten sich erstmals norwegische Kriegskinder zu Wort und berichteten von ihrem teilweise verheerenden Lebensweg. 1986 wurde der norwegische Kriegskindverbund gegründet, ähnliche Vereine folgten in anderen ehemals besetzten Ländern. Mühsam beginnen auch Kriegskinder aus anderen Ländern wie Dänemark und Frankreich, ihre Lebensgeschichten zu erzählen.[6]

Norwegen ist das Land, das am weitesten mit der Aufarbeitung der Lebensschicksale der Kriegskinder und deren Behandlung durch den Staat und seine Bürgerinnen und Bürger vorangeschritten ist. Ende der neunziger Jahre hat das norwegische Sozialministerium ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen, dessen erste Teilergebnisse inzwischen vorliegen. Zudem hat die Regierung finanzielle Entschädigung für die Kriegskinder zugesagt, um deren Höhe jedoch noch heftig debattiert wird.[7] So sieht der vorläufige Entwurf vom 18. März 2005 u.a. vor, dass der Anspruch auf 20 000 norwegische Kronen (etwa 2 500 EUR) begrenzt sein soll, wenn keine Beweise vorgelegt werden können, dass die jeweiligen Kriegskinder besonders unter ihrem Schicksal gelitten haben. Doch das ist nur in wenigen Fällen möglich, gibt es doch meist keine ärztlichen Gutachten oder sonstige Dokumente, mit denen die Leiden auf familiärer, schulischer, sozialer und politischer Ebene belegt werden können.

Die Kriegskinder und ihre Interessenorganisationen empfinden diese Entschädigung daher als viel zu gering, zumal Forschungsergebnisse zeigen, dass viele erheblich schwierigere ökonomische Ausgangsbedingungen hatten als andere und dass der norwegische Staat daran eine Mitschuld trug.[8] So wurde es jahrelang unterlassen, Unterhaltspflicht von deutschen Vätern einzufordern. Als spät, erst 1957, das Gesetz über eine Vorschussauszahlung des Kindesunterhalts in Kraft trat, waren die meisten der betroffenen Kinder schon aus Altersgründen nicht mehr bezugsberechtigt. Des Weiteren war das Kindergeldgesetz so formuliert, dass viele Kriegskinder von der Berücksichtigung ausgeschlossen wurden.

Es ist schwer zu sagen, ob der norwegische Umgang mit den Kriegskindern im Vergleich zu dem in anderen Ländern besonders diskriminierend war. Die Auswertung historischer Dokumente belegt zumindest einige spezielle Einstellungen in Wissenschaft und Politik nach der Befreiung.[9] So wurden die Kinder als Deutsche betrachtet, obwohl die meisten die norwegische Staatsbürgerschaft hatten. Kurz nach Kriegsende wurde ein Kriegskindausschuss gegründet, um zu entscheiden, was mit dem ungeliebten Nachwuchs passieren sollte. Dabei wurde auch die Überlegung ins Auge gefasst, inwieweit die Kinder nach Deutschland oder in ein anderes Land abgeschoben werden könnten, u.a. nach Australien. Andererseits wurden Kinder, die bereits während des Krieges in Deutschland adoptiert worden waren, teilweise mit Zwang nach Norwegen zurückgeholt, während andere Kinder und ihre Mütter ausgebürgert wurden und nach Deutschland geschickt werden sollten. Kinder, die bei Kriegsende in Heimen des "Lebensborns" lebten und nicht bei ihren Müttern oder anderen Verwandten untergebracht werden konnten oder adoptiert wurden, kamen in Heime. Darunter waren auch einige, die in psychiatrischen Anstalten platziert wurden, ohne als "geisteskrank" diagnostiziert worden zu sein.

Auf dem Höhepunkt des Krieges waren etwa 400 000 deutsche Soldaten in Norwegen stationiert.[10] Richtlinien legten fest, wie sich die deutschen Soldaten den Einheimischen gegenüber zu verhalten hatten. Darin wurde betont, dass Norwegen kein Feindesland sei, sondern dass die Deutschen im Lande seien, um es zu beschützen.[11] Da Norwegerinnen in der NS-Ideologie als "arisch" und damit als "hochwertig" galten, wurden Beziehungen zwischen deutschen Soldaten und Norwegerinnen vom NS-Regime unterstützt und Heime des "Lebensborns" zur Unterbringung von Müttern und Kindern eingerichtet.[12] Bis kurz vor Kriegsende wurden von der deutschen Besatzung Statistiken geführt und Akten erstellt, in denen die Identität der Eltern festgehalten wurde. Diese werden im norwegischen Reichsarchiv aufbewahrt und wurden 1986 zur Einsicht geöffnet, als in Norwegen ein neues Adoptionsrecht verabschiedet wurde, nach dem jeder Bürger ein Recht haben sollte zu erfahren, wer seine leiblichen Eltern sind.[13]

Auf Basis der "Lebensborn"- und Personalnummern konnten norwegische Kriegskinder identifiziert und deren Lebensverlauf untersucht werden.[14] Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild der Lebensbedingungen. Einerseits weisen die norwegischen Kriegskinder im Vergleich zu Gleichaltrigen einen höheren Anteil von Selbstmorden und Tod durch Herzkrankheiten auf. Auch ist der Anteil derjenigen, die relativ früh berufsunfähig geworden sind, höher. Einkommen und Bildung sind niedriger als bei Gleichaltrigen. Die Ergebnisse weisen jedoch andererseits auch auf Ähnlichkeiten mit vergleichbaren Altersgruppen hin. Viele Kriegskinder scheinen wie der Durchschnitt der Bevölkerung gelebt zu haben: normale Bildung, durchschnittliches Einkommen, verheiratet, mit Kindern.[15]


Fußnoten

6.
Vgl. u.a. Per Arne Löhr Meek, Lebensborn 6210, Kristiansund 2002; Kåre Olsen, Vater: Deutscher. Das Schicksal der norwegischen Lebensbornkinder und ihrer Mütter von 1940 bis heute, Frankfurt/M. 2002; Arne Øland, Horeunger og helligdage - tyskerborns beretninger, Kopenhagen 2001; Jean-Paul Picaper/Ludwig Norz, Enfant maudit, Paris 2004.
7.
Vgl. Det Kongelige Justis-og Politidepartement, Erstatningsordning for krigsbarn og erstatningsordning for romanifolk/tatere og eldre utdanningslidende samer og kvener, St.meld. nr. 44, 2003 - 2004, und Innst. S. nr. 152 (2004 - 2005), 18.3. 2005.
8.
Vgl. Lars Borgersrud, Staten og krigsbarna. En historisk undersokelse av statsmyndigheternes behandling av krigsbarna i de forste etterkrigsårene, Oslo 2004, S. 413.
9.
Vgl. Stein Ugelvik Larsen (Hrsg.), I krigens kjolevann, Oslo 1999; K. Olsen (Anm. 6); Eva Simonsen/Kjersti Ericsson, Krigsbarn i fredstid. Sosialpolitiske og profesjonelle foringer i synet på tysk-norske krigsbarn 1945 - 47, Oslo 2004; L. Borgersrud (Anm. 8).
10.
Vgl. L. Borgersrud (Anm. 8), S. 20.
11.
Vgl. Dorothee Schmitz-Köster, Der Krieg meines Vaters. Als deutscher Soldat in Norwegen, Berlin 2004, S. 63.
12.
Vgl. u.a. Georg Lilienthal, Der Lebensborn e. V. Ein Instrument nationalsozialistischer Rassenpolitik, Frankfurt/M. 1993.
13.
Vgl. K. Olsen (Anm. 6), S. 367. Erst Mitte der neunziger Jahre bekamen auch adoptierte Kriegskinder sowie Kinder, deren Väter rechtlich nicht festgesetzt worden waren, Einsicht in ihre Akten.
14.
Zu den ausführlichen Ergebnissen sowie methodischen Details dieser Untersuchung siehe Dag Ellingsen, Krigsbarns levekår. En registerbasert unders?kelse. Statistics Norway, Rapport Nr. 2004/19 Oslo, 2004.
15.
Es wurde auch ein Vergleich mit Kindern allein erziehender Mütter durchgeführt; als Kontrollgruppe, um zu untersuchen, ob die Stigmatisierung aufgrund des Kriegskindhintergrundes oder als uneheliches Kind zurückzuführen ist. Aufgrund der ungleichen Verteilung der Auswahl erwies sich dieser Vergleich als sehr kompliziert; vgl. D. Ellingsen (Anm. 14), S. 3.