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29.4.2005 | Von:

Kriegskinder in Europa

Die Suche nach der eigenen Identität

Es ist unmöglich, subjektive Erlebnisse und Gefühle allein mittels objektiver Daten zu beschreiben. Aus diesem Grund hat eine internationale Forschergruppe Umfragen unter Kriegskindern in Norwegen, Dänemark und den Niederlanden durchgeführt. Erste Ergebnisse hauptsächlich auf Basis der dänischen Umfrage sollen im Folgenden präsentiert werden.[16]

Es gibt große Unterschiede zwischen Norwegen und Dänemark bei der Frage, ob die Betroffenen wussten, dass sie Kriegskinder sind. Während in Norwegen 64,1 % der Kinder darüber informiert waren, kannten in Dänemark nur 47,8 % der Befragten den Ursprung ihrer Herkunft. Dies soll jedoch nicht zu der Annahme verleiten, dass viele Kinder nicht dennoch in einer außergewöhnlichen Lebenssituation aufgewachsen sind, z.B., weil sie anders behandelt wurden als ihre Geschwister, die sich später als Halbgeschwister erwiesen, oder weil sie nicht nachvollziehen konnten, wieso ihr Vater, der eigentlich ihr Stiefvater war, sie nicht leiden konnte. In einigen Fällen hat sogar die Mutter ihre Wut und Verzweiflung für ihre miserable Lage auf das Kind übertragen. So hat z.B. fast ein Viertel (24,4 %) der dänischen Kriegskinder schon vorher die Vermutung gehegt, dass sie vielleicht Kriegskinder seien; 31,6 % waren enttäuscht, es nicht früher erfahren zu haben.

Verleumdung, Verheimlichung und Vertuschung der Herkunft dieser Kinder waren jahrzehntelang nichts Ungewöhnliches. Viele wuchsen in dem Glauben auf, der Stiefvater sei der tatsächliche Vater oder die Großeltern seien die wirklichen Eltern und die eigene Mutter eine Schwester oder Tante. Die Mütter haben sich, wie es scheint, in Schweigen gehüllt und wenig oder gar nichts erzählt - auch, um sich selbst, das Kind oder beide zu schützen. Auf die Frage, was sie von der Mutter über den leiblichen Vater wüssten, antworteten 33,5 % der dänischen Befragten, dass die Mutter ihnen nie etwas von ihm erzählt habe. 44,5 % berichteten, dass die Mutter nie darüber habe erzählen wollen, was in den ersten Nachkriegsjahren passiert ist. So basierenviele der ausführlichen Informationen über Väter und Mütter, die in den Fragebögen zum Vorschein kommen, auf den Vaterschaftsakten, die in Archiven gelagert waren und in die viele Kinder später als Erwachsene Einsicht bekamen.

Bei der Frage, wieso es wichtig war, den eigenen Hintergrund zu kennen, sagten 60,3 % der dänischen Kriegskinder, dass sie Klarheit über einen Teil ihres Lebensverlaufs haben wollten, an den sie sich selber nicht erinnern können; 24,9 % gaben an, dass das "schwarze Loch" in ihrem Lebenslauf, das sie jahrelang begleitet hatte, erst durch die Akteneinsicht überwunden worden sei.

Dass die Suche nach der eigenen Identität nicht nur für die Kriegskinder, sondern auch für die nachfolgenden Generationen von hoher Bedeutung war, zeigen die Ergebnisse der Befragung ebenfalls. 17,7 % der Dänen antworteten, dass ihre Kinder, also die Enkelkinder der deutschen Soldaten, oft nach ihrer Herkunft gefragt hätten und es somit wichtig wurde, mehr über die eigene Identität zu erfahren. Nur 14,8 % gaben an, eigentlich kein Bedürfnis verspürt zu haben, mehr über ihre Identität zu wissen. Dagegen wollten 47,8 % der dänischen Befragten wissen, ob Ähnlichkeiten bezüglich des Charakters oder der Begabungen bestehen, und über 42 %, ob sie dem Vater ähnlich seien. 32,1 % war es wichtig, Näheres über Erbkrankheiten zu erfahren. Nur 2,9 % wollten ihre Eltern mit dem Verrat an ihren Kindern konfrontieren, lediglich 1,0 % der Dänen war es wichtig, Informationen über Vermögen und Einkommen zu erhalten, um Erbansprüche stellen zu können.[17]

Wie gingen die Kriegskinder mit dem Wissen um, dass ihre Väter zur Besatzungsmacht gehörten und ihre Mütter sich mit dem Feind eingelassen hatten? Während 63,2 % der Dänen keine Probleme damit haben, dass ihr Vater während des Krieges als deutscher Soldat in Dänemark war, sind nur 17,7 % stolz auf ihre deutsche Herkunft. Wenn es darum geht, dass ihre Mutter eine Beziehung zum Feind gepflegt hat, meinen 39,7 %, dass der Preis, den ihre Mutter für ihre Liebe zahlen musste, mehr als hoch gewesen sei. Fast die Hälfte aller befragten Dänen (49,8 %) ist der Überzeugung, dass ihre Mutter mit dem Vater ihre größte Liebe erlebt hat.


Fußnoten

16.
Die Umfrage wurde unter den 650 Mitgliedern des norwegischen Kriegskindverbundes (NKBF) 1997 undknapp 400 Mitgliedern des dänischen Kriegskindverbundes (DKBF) 2003 durchgeführt. Zusätzlich wurden ca. 50 niederländische Kriegskinder befragt. Mit 250 Fragen, sowohl standardisierten, wie auch offenen, ist der Fragebogen sehr umfassend und enthält Themen wie Sozialstruktur, Gesundheit, Wohnorte, Jugend- und Erwachsenenleben, Identität, Fragen zur Mutter und zum leiblichen Vater, Fragen zur eigenen Familie, zur sozialen Integration und zur Identität als Kriegskind. Die Antwortquote lag in beiden Ländern bei ca. 50 %. Es soll betont werden, dass diese Auswahl nicht als repräsentativ für die Gruppe der Kriegskinder insgesamt gelten kann, da sie sich hauptsächlich auf Mitglieder der Verbände bezieht. Auch ist die Anzahl der Frauen in der Auswahl größer als die der Männer; Norwegen: 218 Frauen und 108 Männer; Dänemark: 129 Frauen und 85 Männer. Trotzdem kann davon ausgegangen werden, dass die Daten aufgrund ihrer komparativen Orientierung sowie ihrer strukturierten und teilweise standardisierten Frageform eher Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Kriegskinder wiedergeben können als Monographien mit Einzelinterviews, die bis jetzt in diesem Forschungsbereich angewandt worden sind.
17.
Es muss betont werden, dass bei unehelichen Kindern, die vor dem 1. Juli 1949 geboren wurden, keine Erbansprüche bestehen. Mit diesem Stichtag sollte verhindert werden, dass sich Väter nichtehelicher Kinder nach über 40 Jahren mit "unvorgesehenen Ansprüchen" konfrontiert sehen; vgl. Süddeutsche Zeitung vom 26.9. 1997, S. 1.