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29.4.2005 | Von:

Kriegskinder in Europa

Kriegskinder gestern und heute

"Es ist schwer, Töchter zu haben, wenn Soldaten in der Nähe sind", sagte eine dänische Großmutter, als ihre Enkelin fragte, ob es wahr sei, dass ihr Vater ein deutscher Soldat war. Diese Aussage trifft den Kern des Problems und gilt unabhängig von Zeit und Raum. Solange es Kriege bzw. Bürgerkriege gibt, wird es auch Kriegskinder geben: in Vietnam, Liberia, Bangladesh, Ruanda und auf dem Balkan, um nur einige Kriegsgebiete zu nennen.[18] Das gilt nicht nur für Kinder, die von Soldaten feindlicher Truppen gezeugt wurden. Untersuchungen zeigen, dass auch Kinder amerikanischer Soldaten auf Island stigmatisiert worden sind,[19] sowie Kinder, die von UN-Soldaten in Kambodscha gezeugt wurden.

Weil ihre Herkunft offenkundig war, wurden Kinder und ihre Mütter aus der Gesellschaft ausgegrenzt.[20] Ebenso sollte auch an die Einstellung gegenüber Kindern von Soldaten der Alliierten im Nachkriegsdeutschland erinnert werden. Besonders diejenigen, deren Väter einen afroamerikanischen Hintergrund hatten, mussten sich gegen gesellschaftliche Ausgrenzung behaupten.[21] Besonders verabscheuungswürdig war und ist in allen Kriegen die Vergewaltigung von Frauen als Teil der Militärstrategie, mit dem Ziel, durch die gewaltsame Zeugung von Kindern die ethnische Zusammensetzung ganzer Regionen zu verändern, wie dies u.a. in den Balkankriegen Anfang der neunziger Jahre und während des Genozides in Ruanda geschah.[22]

Verschärft wird die Problematik dadurch, dass es Länder gibt, in denen Kinder ohne Väter als Staatenlose gelten und ihnen Rechte wie Gesundheitsfürsorge, Krankenhausversorgung und Schule vorenthalten werden.[23] Seit dem Jahr 2000 setzt sich deshalb "The War and Children Identity Project" (WCIP) dafür ein, dass die Interessen von Kriegskindern in militärische Leitlinien, sowohl auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene, sowie in Menschenrechtskonventionen und insbesondere in die UN-Kinderkonvention aufgenommen werden, damit der Schutz der Kriegskinder schon vor dem Entstehen eines Konflikts geregelt ist. Die Sorge um andere Kriegskinder kommt auch bei den norwegischen und dänischen Befragten zum Ausdruck, ebenso die Frage, wie es Kindern aus anderen stigmatisierten Gruppen bzw. gesellschaftlichen Randgruppen, sowohl in der Nachkriegszeit als auch in der heutigen Gesellschaft, ergeht. Darüber hinaus stellen viele aufgrund der eigenen Suche nach ihrer Identität die moralische Richtigkeit anonymer Samenspenden in Frage, weil dies den Kindern für immer die Möglichkeit raubt, mehr über ihre Herkunft zu erfahren.

Deutschland hatte in der Nachkriegszeit schwerwiegendere Probleme, als sich um die Kinder ihrer ehemaligen Soldaten im Ausland zu kümmern. Es stellt sich jedoch die Frage, warum dieses Thema in Deutschland bis heute noch nicht näher untersucht worden ist, obwohl es inzwischen kaum noch ein Gebiet der Kriegsgeschichte gibt, das nicht als ausgiebig erforscht gilt. Die Kriegskinder gehören schließlich zur "Familie" der Deutschen - wenn nicht rechtlich, so doch zumindest genetisch und emotional. Viele deutsche Männer wussten, dass sie Kinder im Ausland hatten. So erzählte eine dänische Befragte: "Meine Mutter hat ihn einmal in Deutschland besucht - sie glaubte, er würde sie heiraten - stattdessen hat seine Frau angeboten, mich zu adoptieren." Besonders bedrückend empfand eine norwegische Befragte, nachdem sie herausgefunden hatte, wer ihr leiblicher Vater war, die Erkenntnis, dass er sich das Leben genommen hatte, weil er nichts hatte, wofür es sich zu leben gelohnt hätte. Er wusste nicht, dass er ein Kind in Norwegen hatte.

Internet-Empfehlung
War and Children Identity Project (WCIP),
Rafto Human Rights House,
Menneskerettighetenes Plass1,
5007 Bergen/Norwegen;
www.warandchildren.org


Fußnoten

18.
Vgl. WCIP (Anm. 4), Reports 1 - 3, Bergen 2001 - 2003.
19.
Vgl. Inga Dóra Björnsdóttir, Island: Uheldige kvinner I et heldig land, in: Dag Ellingsen/Anette Warring/Inga Dóra Björnsdóttir, Kvinner, Krig og Kjærlighet, Oslo-Gjovik 1995, S. 149 - 209.
20.
Vgl. WCIP (Anm. 4), Report 1, S. 42f.
21.
Vgl. Yara Colette Lemke/Muniz de Fraria, Zwischen Fürsorge und Ausgrenzung. Afrodeutsche "Besatzungskinder" in Nachkriegsdeutschland, Berlin 2002.
22.
Vgl. Charli Carpenter, Forced Maternity, Children's Rights and the Genocide Convention, in: Journal of Genocide Research, 2 (2000) 2, S. 213 - 244.
23.
Vgl. E. D. Drolshagen (Anm. 1), S. 353.