Der „Schwarze Montag“ in Polen am 3. Oktober 2016. Tausende polnische Frauen treten in den Streik, um gegen eine weitere Verschärfung des ohnehin restriktiven Abtreibungsstrafrechts zu protestieren.

10.5.2019 | Von:
Daniel Hornuff

Lebensschutzdebatte im Zeitalter der Digitalisierung. Über Schwangerschaft als Gestaltungsprojekt

Porträtvergleich

Dass ein geborener Körper heute jenen Vorgaben nachkommen soll, die durch die Bilder seines vorgeburtlichen Stadiums bereits vorgezeichnet scheinen, belegt eine weitere Darstellungspraxis, die wiederum vor allem auf Instagram zu verfolgen ist. Dabei werden – typischerweise in Leserichtung geordnet und somit ein Vorher-Nachher suggerierend – eine dreidimensionale Ultraschallaufnahme mit einem der ersten Fotoporträts des jeweiligen Kindes parallelisiert.[14]

Grundlage dieser Inszenierungspraxis ist die Faszination, die 3D-Ultraschallaufnahmen offenbar auslösen. Obwohl die medizindiagnostischen Zusatzfunktionen solcher Verfahren im Vergleich mit zweidimensionalen Schnittbildern nicht eindeutig und entsprechend umstritten sind, sprechen gerade Laien diesen Darstellungen eine gesteigerte Abbildgenauigkeit im Sinne einer zusätzlich erhöhten visuellen Verlässlichkeit zu – mit der nicht unerheblichen Folge, dass die suggestiv-emotionale Wirkung wiederum dem ärztlichen Handeln dienlich wird, wie einem Lehrbuch zum Ultraschalleinsatz in Gynäkologie und Geburtshilfe zu entnehmen ist: "Psychologisch betrachtet, übt der 3D-Ultraschall in der Geburtshilfe auf Schwangere eine hohe Anziehungskraft aus. Die positive Wahrnehmung des Kindes wird durch seine Anwendung gesteigert, die Anspannung gesenkt und die Bereitschaft gefördert, mit schwangerschaftsinduzierenden Störungen besser zurechtzukommen."[15]

Der Porträtvergleich gibt denn auch Auskunft über all jene sozialen, familiären und gewiss auch persönlichen Hoffnungen, die auf 3D-Darstellungen projiziert werden: Das Kind erscheint durch sie als nochmals stärker vergegenwärtigt, es wirkt ungleich greifbarer und damit als Wesen fassbar – und dies, obwohl die allermeisten dieser Darstellungen nach wie vor einem teig- oder lehmartigen, eher mühevoll denn gekonnt zu gesichtsähnlichen Konturen geformten Klumpen entsprechen. Die physiognomische Schrulligkeit wird jedoch kaum einmal als verstörend oder irritierend deklariert, vielmehr kennzeichnet man die Sonografie-Fotografie-Diptychons mit #similarlook, #beforeandafter oder schlicht #amazing. Dies mag unterstreichen, wie sehr vermeintliche Ähnlichkeitsmerkmale ins Auge fallen (sollen) und wie insgesamt ästhetisch verführerisch der Reiz dieser visuellen Arrangements interpretiert wird.

Damit aber vollzieht sich in den Sozialen Medien lediglich, was auch in Schwangerschaftsratgebern und entsprechenden Zeitschriften ebenso breit wie euphorisch gestimmt ausgeführt wird. Dort nämlich existiert eine regelrechte Bekenntniskultur zum Ultraschall. Artikel, Ratschläge und interviewte Paare berichten im Tonfall trunkener Freude davon, wie die Begegnung mit dem eigenen Kind via Ultraschall-Bildschirm Identifikations- und sogar bislang ungeahnte Initiationserlebnisse auslösen könne. So wird beispielsweise "Thomas P., 28" in einer Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit den in diesem Zusammenhang geradewegs prototypischen Worten zitiert: "Als ich das erste Ultraschallbild sah, fühlte ich zum ersten Mal, dass dieses Wesen da im Bauch meiner Freundin auch ein Teil von mir war."[16]

Folglich wird suggeriert, dass das Bild nicht nur den emotionalen Brückenschlag zum Ungeborenen im Bauch der Freundin ermöglichen kann, sondern ebenso den Schlüssel zum eigenen Rollenverständnis zu liefern vermöge. Das Anblicken des Bildes wird zur Erstbegegnung zweier Personen, zum Blind Date zwischen Vater und Kind überhöht. Damit wird deutlich, dass die rhetorische Versinnlichung des Ultraschalls auf einer grundsätzlich bildanimistischen, beinahe okkulten Vorstellung aufbaut: Durch das Bild selbst möge eine Verbindung herzustellen sein, deren verlebendigende Wirkung ohne das Bild nie möglich gewesen wäre.

Fußnoten

14.
Ein Beispiel ist hier zu finden: http://www.instagram.com/p/BvXZchjnltk«.
15.
Alexander Scharf/Christof Sohn, Dreidimensionale Ultraschalldarstellung und andere neue Technologien in Gynäkologie und Geburtshilfe, in: Christof Sohn/Sevgi Tercanli/Wolfgang Holzgreve (Hrsg.), Ultraschall in Gynäkologie und Geburtshilfe, Stuttgart 20032, S. 782–816, hier S. 800.
16.
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.), Schwangerschaft. Ich bin dabei! Vater werden, Köln 2007, S. 11.
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