Der „Schwarze Montag“ in Polen am 3. Oktober 2016. Tausende polnische Frauen treten in den Streik, um gegen eine weitere Verschärfung des ohnehin restriktiven Abtreibungsstrafrechts zu protestieren.

10.5.2019 | Von:
Daniel Hornuff

Lebensschutzdebatte im Zeitalter der Digitalisierung. Über Schwangerschaft als Gestaltungsprojekt

Körper zeigen

Diese inzwischen millionenfache Repräsentation ungeborener Körper in den Sozialen Medien ist freilich nicht isoliert zu betrachten; schließlich gliedert sie sich in eine breite Medienkultur physischer Selbstdarstellungen und deren stilistische Verbesserungen ein: "Ganz nach den Maximen der Selbstoptimierung scheint (…) die Liebe zum eigenen Körper zugleich mit Arbeit einherzugehen; die ‚Leinwand‘ Körper muss kreativ bearbeitet werden",[17] beobachtet die Geschlechtersoziologin Käthe von Bose mit Blick auf die Rolle, die dem expliziten Zeigen von Körpern insbesondere auf Instagram zugesprochen wird.

Wünsche nach körperästhetischer Optimierung manifestieren sich allerdings weniger in der Veröffentlichung von Ultraschallaufnahmen als in der – ebenfalls millionenfachen – öffentlichen Darstellung schwangerer Körper. Gleichwohl sind auch sie nicht entkoppelt von benachbarten Phänomenen zu betrachten. Vielmehr sind nahezu alle Körperdarstellungen innerhalb der Sozialen Medien in kommunikative Akte eingebettet. Mit dem Zeigen des jeweils eigenen Körpers wird in der Regel auf bereits gezeigte Körper reagiert mit dem Ziel, wiederum andere zu textlichen oder bildlichen Reaktionen herauszufordern.

So schließen sich die schwangeren Einzelkörper zu einem techno-medialen Hybrid zusammen, bei dem nicht mehr eindeutig anzugeben ist, wo die Grenze zwischen individuellen Gestaltungsvorstellungen und kollektiv ausgehandelten, ästhetischen Normen verläuft: "Einerseits fungieren sie als Träger für die symbolischen und virtuellen Körper der Bilder, andererseits schreiben sie sich selbst in menschliche Körper ein und verändern diese",[18] so die Beobachtung der Kultur- und Medienwissenschaftlerin Katja Gunkel. Bedauerlicherweise wird gerade dieser Umstand nach wie vor und mehrheitlich unter kulturkritischen Gesichtspunkten diskutiert. Dabei wird meist von einem körperästhetischen Machtgefälle – von idealisierten Körper-Siegen und realweltlichen Körper-Niederlagen – ausgegangen: "Die Grundannahme der meisten Studien zu Medien und Körperbild beruht auf der Theorie des sozialen Vergleichs (…), also dem Bedürfnis, sich mit anderen zu vergleichen, um eine adäquate Selbsteinschätzung treffen zu können", fasst die Ernährungswissenschaftlerin Eva-Maria Endres zusammen. Und weiter: "Wer realistische Informationen über sich selbst gewinnen will, vergleicht sich mit Gleichgestellten. Da in den Medien aber häufiger Celebrities oder beschönigte Körperbilder, die in der Realität nicht existieren, dargestellt werden, entsteht ein Gefühl der Unterlegenheit."[19]

Solche Einschätzungen reduzieren das Moment des Vergleichens auf die Frage nach dem Erreichen einer Überlegenheit – wobei diese strikt negativ gewertet wird: Dem Gefühl der Überlegenheit stehe doch immer auch der Eindruck eines Defizits – eines schandhaften Makels – gegenüber. Und tatsächlich scheint es, als sei gerade das Thema der öffentlich präsentierten Schwangerschaft in besonderer Weise in solche Wertungskategorien eingespannt. Wenn schwangere Frauen ihre Bäuche auf Instagram wie als Beweise des Erreichens der anderen Umstände zur Darstellung bringen und sich dafür in Demi-Moore-ähnliche Posen[20] werfen, geht es zumeist auch darum, einen Leistungsnachweis abzulegen: Die sichtbaren Anzeichen der Schwangerschaft sollen mit den ebenso sichtbaren Zeichen einer beibehaltenen Fitness – mit der Schlankheit des übrigen Körpers – in spannungsvolle Kombination gebracht werden.[21]

Damit aber erweist sich das Schwangergehen zumindest im Feld seiner medialen Sichtbarkeit in der Tat als körperästhetisches Design-Projekt. Die Arbeit am After-Baby-Body beginnt bereits während der Schwangerschaft. Die damit verbundene ästhetische Logik ist zweifellos in einem wechselseitigen, kollektiven Kontrollverfahren fundiert: Spekuliert wird auf zustimmende Bekundungen der anderen, die lobend die angebliche Disziplin und demonstrierte Willensstärke der werdenden Mutter erwähnen, wie die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout jüngst herausgearbeitet hat: "Der Hashtag #afterbabybody richtet sich nicht an die lässig-entspannte Mutter, der es egal ist, ob sie einen straffen Bauch hat, sondern an die motivierte sportliche Mutter, die durch Vergleiche mit anderen einen Ansporn sucht, ihr Idealgewicht zu erreichen."[22]

Die in dieser Weise auf Instagram ausagierte Schwangerschaft ermöglicht somit die Vereinigung gleich mehrerer sozialer Bedürfnisse: Einerseits kann ein starkes Zukunftssignal gesendet werden, was umso effektvoller ist, da die Kommunikationspraktiken der allermeisten Sozialen Netzwerke einzig auf das Hier und Jetzt beschränkt bleiben und kaum auf andere Zeitdimensionen verweisen. Andererseits kann mit solchen Schwangerschaftsdarstellungen dem eigenen Körper- und Selbstbild Geltung verschafft werden: Fürsorge ist nun etwas, das sich nicht nur auf das Werden des Ungeborenen richtet, sondern das zugleich gegenüber dem eigenen Körper unter Beweis gestellt wird.

Schwächen und Chancen aktueller Abtreibungsdebatten

Wenn heute Diskussionen um den Lebensstatus des Ungeborenen geführt werden, kommen diese Debatten sinnvollerweise nicht mehr ohne dezidierte Beachtung der ästhetisch ausformulierten Schwangerschaftspraktiken aus. Denn vor allem durch die mediale Repräsentation in den Sozialen Medien wird Schwangerschaft als umfassendes Körperprojekt inszeniert und entsprechend semantisch angeeignet. Man mag solche Phänomene ausklammern und als modische Zeitgeisterscheinungen marginalisieren. Dann aber bleibt unberücksichtigt, dass in den Sozialen Medien sowohl das als Bild scheinbar präsente – und somit als Subjekt erfasste – Ungeborene als auch die Frau, die ihre Schwangerschaft als Phase wie Mittel der Selbstgestaltung begreift, kulturelle Bedeutungen entfaltet haben.

Umgekehrt böten gerade diese Praktiken Anlass zur Schärfung einer kritischen Haltung. Denn wenn das Ungeborene zum Star kollektiver Zukunftshoffnungen aufsteigt und diese Karriere wesentlich durch Bilder vom Ungeborenen initiiert ist, müsste eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Abtreibungsfrage zugleich als Bilder- und Medienfrage verhandelt werden. Wer sich heute allein auf physische und physiologische Dimensionen bezieht – und allenfalls noch Glaubenssätze berücksichtigt –, wird kaum zu einer ethisch oder moralisch belastbaren Auffassung gelangen. Die Wirklichkeit der pränatalen Bildkultur ist gesellschaftlich bedeutungstragend geworden. Sie muss umfassend und viel genauer untersucht und ausgewertet werden, als bislang geschehen. Erst dann wird ersichtlich, wie tief greifend visuelle und kommunikative Praktiken im Zeitalter der Digitalisierung dazu beitragen, Auffassungen von Leben, Lebensbeginn, Lebenswerten und Gestaltungen des Lebens zu prägen.

Neben den Slogan "Mein Bauch gehört mir" ist die Auffassung "Die Bilder meines Bauches und meines Ungeborenen gehören mir" getreten. Das Moment der Selbstbestimmung hat sich – wenn man so will – auf mediale Zusammenhänge ausgedehnt. Selbstbestimmung bedeutet gerade mit Blick auf die Subjektivierung und Individualisierung des Ungeborenen auch, es durch seine Bilder anzueignen – und zugleich den Körper der Frau diesem Ungeborenen nicht länger unterzuordnen. Die beiderseitige (visuelle) Inszenierung wird in den Sozialen Medien als Instrument der Selbstentfaltung und damit als ein Zurückdrängen systemischer Fremdbestimmung wahrgenommen. Solange diese Aspekte keinen Eingang in die Abtreibungsdebatte finden, bleibt sie hinter den Erfordernissen der heutigen Zeit zurück.

Fußnoten

17.
Käthe von Bose, "Mit Liebe handgemacht". Nachhaltige Do-It-Yourself-Mode als körperlich-affektive Geschlechterpraxis, in: dies. et al. (Hrsg.), Körper, Materialitäten, Technologien, Paderborn 2018, S. 197–214, hier S. 206.
18.
Katja Gunkel, Der Instagram-Effekt. Wie ikonische Kommunikation in den Social Media unsere visuelle Kultur prägt, Bielefeld 2018, S. 28.
19.
Eva-Maria Endres, Ernährung in den Sozialen Medien. Inszenierung, Demokratisierung, Trivialisierung, Wiesbaden 2018, S. 83.
20.
Siehe http://www.vanityfair.com/news/2011/08/demi-moore-201108«.
21.
Eines von vielen Beispielen ist zu finden unter http://www.instagram.com/p/Batw4BQA_1i«.
22.
Annekathrin Kohout, Netzfeminismus, Berlin 2019, S. 67f.
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