Auf einem Modell mit Spielzeugautos ist ein Polizeiauto in einer Rettungsgasse zu sehen.

17.5.2019 | Von:
Rafael Behr

Gewalt und Polizei. Ambivalenzen des innerstaatlichen Gewaltmonopols

Polizeikultur: Gewalt vermeiden

In der offiziellen Polizeikultur – eine Kultur der Rechtlichkeit und Verfahrensförmigkeit – spielt Gewalt nur eine marginale Rolle. Das gilt vor allem seit den Bemühungen der Polizei um ein "Polizeiliches Leitbild" Ende der 1980er Jahre, als eine Politik des smart policing begann,[3] in deren Zuge die Serviceorientierung die Außendarstellung der Polizei immer stärker prägte. Sie nannte sich zunehmend "Bürgerpolizei",[4] und die Bürgerinnen und Bürger wurden nicht mehr als "Herrschaftsunterworfene" betrachtet, sondern als "Kunden", die von der Polizei eine Dienstleistung erhalten und einfordern können. Die Polizei wurde von ihren Berufsverbänden, aber auch von der Polizeiführung nicht mehr als Institution des Staates, sondern deutlich menschlicher und damit auch vulnerabler ("Hinter jeder Uniform steckt doch auch ein Mensch!") dargestellt, als Instanz, die einer enthemmten Menge von meist jüngeren Gewalttätern ausgeliefert sei. Dies funktionierte auch deshalb, weil die großen gesellschaftlichen Proteste der Friedens- und Umweltbewegung an Militanz abnahmen und sich ein gesellschaftlicher Konsens durchsetzte, dass die Polizei nicht der Feind der Demonstrantinnen und Demonstranten sei, sondern Puffer zwischen Bürger- und Staatsinteressen. Polizisten erschienen nicht mehr als anonyme Rollenträgerinnen, die ihrerseits über ein erhebliches Gewaltpotenzial verfügen, sondern als Menschen, die Opfer werden.[5]

Smart policing ist auch mit der sogenannten präventiven Wende in der Polizeipolitik verknüpft,[6] in deren Zuge die Sensibilität für das Tätigwerden, bevor etwas passiert, gestiegen ist und vermehrt als Ziel des polizeilichen Erfolgs postuliert wird, "vor die Lage" zu kommen. Die Dominanz der repressiven Funktion der Polizeiarbeit (Strafverfolgung) hat dabei zugunsten der präventiven Funktion (Verbrechensverhütung) abgenommen. Gleichzeitig ist Gewalt jenseits des "unmittelbaren Zwangs" zunehmend aus den Hochglanzbroschüren und dem offiziellen Bewusstsein der Polizei verschwunden oder wird wenn dann als Attribut der Gegenseite erwähnt. Denn in der Präventionslogik gibt es keine manifeste Gewalt, da diese ja gerade verhindert werden soll.

Polizistinnen und Polizisten werden nunmehr stärker und früher darauf vorbereitet, dass Prävention auch heißen kann, sich in einem Stadium um Menschen zu kümmern, in dem die Polizei früher noch gar nicht zuständig war. Die Leitbilder der Polizeikultur verpflichten die Polizistinnen und Polizisten auf den Kantischen Imperativ. Nur eines fehlt in den Leitbildern der deutschen Polizei(en): die Gewalt.

An dieser Tilgung der Gewalt aus der Polizeikultur zeigt sich, dass der polizeipolitische Überbau und die Vollzugsebene sehr unterschiedliche Schwerpunkte für ihr Selbstverständnis setzen. Denn in der Polizistenkultur ist Gewalt natürlich noch präsent, in einigen Gegenden hypothetisch jeden Tag, spürbarer aber als mythopoetischer Bestand der Erzählkultur unter Polizistinnen und Polizisten. Gewalt wird in der Polizei also praktiziert und mündlich überliefert, aber nicht reflexiv vermittelt.

Polizistenkultur: Mit Gewalt leben

Die alltagsorientierte Polizistenkultur (Cop Culture)[7] ist eine Kultur der sogenannten handarbeitenden Polizistinnen und Polizisten, also derjenigen, die noch tatsächlich Hand an den Menschen legen. Viele dieser Beamtinnen und Beamten, gerade die jüngeren und diejenigen in geschlossenen Einheiten der Bereitschaftspolizei, gehen offensiv, also auch mit einer gewissen Antizipationsleistung, auf das aggressive Beziehungsarrangement der Gegenseite ein. Sie nehmen Körperkontakt auf, halten es aus mit ihr und erleben ihr eigenes Gewalthandeln als Teil einer komplexen Interaktion. Oft ist es ein Verhältnis zwischen Spätadoleszenten, die vielleicht mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes haben und nur durch den normativen Kontext unterschieden auf zwei verschiedenen Seiten ein und desselben Handlungszusammenhangs stehen, dabei um ihre Ehre oder ihren Autoritätserhalt kämpfen und beide ihre Körper beziehungsweise ihre Gesundheit riskieren.[8]

Es gehört zu den prägenden Erfahrungen von Polizistinnen und Polizisten, die unmittelbare Auseinandersetzung, das Agieren, die Gefühlsarbeit, die Situationsdefinition und die moralische Legitimation des eigenen Handelns als different hinsichtlich des Handelns der Gegenseite zu beschreiben. So lässt sich die Alltagshermeneutik der Beamtinnen und Beamten verstehen, ebenso wie ihre hohe Empfindsamkeit gegenüber der ihnen entgegengebrachten Gewalt. Die Empörung und vielleicht auch das Erschrecken lassen sich einordnen, wenn man als gegeben annimmt, dass in der als gewaltaversiv beschriebenen Gegenwartsgesellschaft nicht die Gewalt schlimmer, sondern die Gewaltperzeption sensibler geworden ist.[9]

Die Spirale der Aufrüstung gegen einen skrupellosen Gegner führt innerpolizeilich zu einer binären Freund-Feind-Figuration, in der die sogenannte Kriegermännlichkeit ihren angestammten Platz hat. Deren Dominanz besteht darin, dass sie – obwohl von den meisten Angehörigen der Polizei nicht praktiziert – die Polizei jederzeit prägen kann. Die kriegerische Mentalität durchdringt die Diskurse um Polizei und die mit ihrem Handeln verbundenen Bilder, die in den zahlreichen Geschichten und Polizeimythen auftauchen. Sie kann jederzeit wirkmächtig und legitimiert werden, besonders bei polizeilichen Großereignissen. So war etwa beim G20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017 zu beobachten, wie durchaus situationsabhängig es ist, ob die Organisation ihre kriegerische oder ihre bürgerfreundliche Seite zeigt. Ein so rasch funktionierender Wechsel kann nur in einer Organisationskultur gelingen, in der das kriegerische Männlichkeitsideal stets aktivierbar ist, auch wenn es sich nicht täglich zeigt, und hat auch damit zu tun, dass sich bundesweit vor allem Männer und wenige Frauen für diese Einsätze bereithalten.

Die damit verbundene Frage, ob aggressive Männlichkeit in der Polizei selbst erst erzeugt oder lediglich kultiviert oder ausgenutzt wird, ist nicht eindeutig zu beantworten. Bei der zu beobachtenden Vielfalt der Persönlichkeiten ist jedoch nicht davon auszugehen, dass der Polizeiberuf attraktiv für auffällig aggressive oder autoritative Charaktere ist. Die psychologischen Eignungsauswahlverfahren der Polizei sind geradezu darauf ausgerichtet, Menschen mit einer erhöhten aggressiven Neigung und Gewaltlust auszuschließen. Jedoch gewinnt aktuell wieder ein Habitus an Wertschätzung, der in bestimmten Organisationsteilen zu einer besonderen Betonung von Disziplin und Bezwingermännlichkeit führt.

Spätestens seit den islamistisch motivierten Terroranschlägen in Paris 2015 wird die Polizei auch in Deutschland zunehmend mit militärischen Waffen und Geräten ausgerüstet. Mit dem Sturmgewehr G36 in vielen Bundesländern und bei der Bundespolizei wurde ein neuer Waffentypus (Langwaffe) eingeführt, mit der "Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit plus" (BFE+) in der Bundespolizei eine neue Polizeieinheit gegründet, deren Einsatztaktik zur Terrorismusbekämpfung sich strukturell nicht mehr von militärischem Vorgehen im Häuserkampf unterscheidet, und neue, besser gepanzerte Ausrüstung und Fahrzeuge wurden angeschafft.[10] Dies führt direkt in eine quasi militärische Strukturlogik der Polizei, in der die kriegerische Mentalität und mit ihr die Kriegermännlichkeit an Bedeutung und vor allem an Wertschätzung gewinnt. Denn innerhalb der Cop Culture ist sie das kulturelle Leitbild, das in unsicheren beziehungsweise als unsicher empfundenen Zeiten seine Durchsetzungskraft entfaltet. Angst ermöglicht Heroismus, und die Kriegermännlichkeit ist eine heroische Männlichkeit.[11]

Die polizeiliche Kategorie des Schutzmanns befindet sich ebenso wie die der Schutzfrau aktuell in der Defensive, die polizeiliche Bühne betritt nun wieder der Polizei-Krieger, gern auch als Held im Kampf gegen das Böse. Der kriegerische Habitus kann für die Polizei aber zum Problem werden, denn er negiert die Grenzen des zivilen Charakters der Polizei beziehungsweise verschiebt diese Grenzen immer weiter in eine militärische Logik hinein.

Fußnoten

3.
Vgl. Rafael Behr, Paradoxien gegenwärtiger Polizeiarbeit: Zwischen "Smooth-Policing" und "Knüppel-aus-dem-Sack", in: Hans-Jürgen Lange (Hrsg.), Staat, Demokratie und Innere Sicherheit in Deutschland, Opladen 2000, S. 221–234; Wolfgang-Ulrich Prigge/Rolf Sudek (Hrsg.), Innere Führung durch Leitbilder? Eine Analyse des Leitbildprozesses bei der Polizei, Berlin 2003.
4.
Vgl. Udo Behrendes/Manfred Stenner, Bürger kontrollieren die Polizei, in: Peter Leßmann-Faust (Hrsg.), Polizei und politische Bildung, Wiesbaden 2008, S. 45–88; Carsten Dübbers, Von der Staats- zur Bürgerpolizei? Empirische Studien zur Kultur der Polizei im Wandel, Frankfurt/M. 2015.
5.
Vgl. Ulrike Wagener, Heroismus als moralische Ressource rechtserhaltender Gewalt? Ethische Reflexionen zu heroischen und postheroischen Elementen in der polizeilichen Organisationskultur, in: Torsten Meireis (Hrsg.), Gewalt und Gewalten. Zur Ausübung, Legitimität und Ambivalenz rechtserhaltender Gewalt, Tübingen 2012, S. 133–160.
6.
Vgl. Werner Lehne/Christina Schlepper, Die "präventive Wende" in Deutschland: Auf dem Weg zum rationalen Sicherheitsmanagement?, in: Kriminologisches Journal 9/2007, S. 119–136.
7.
Vgl. zum Konzept umfassend Rafael Behr, Cop Culture. Der Alltag des Gewaltmonopols, Wiesbaden 2008; ders., Polizeikultur. Routinen – Rituale – Reflexionen, Wiesbaden 2006.
8.
So der Tenor der "Authority Maintenance Theory". Vgl. Geoffrey Alpert/Roger Dunham, Understanding Police Use of Force. Officers, Supects, and Reciprocity, Cambridge 2004.
9.
Vgl. Jan Philipp Reemtsma, Die Natur der Gewalt als Problem der Soziologie, in: Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.), Die Natur der Gesellschaft: Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006, Bd. 1, Frankfurt/M. 2008, S. 42–64.
10.
Vgl. Kai Biermann/Johanna Roth, Die Polizei spielt Krieg, 16.12.2015, http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-12/bundespolizei-anti-terror-einheit-thomas-de-maiziere-spezialeinheit«; Jürgen Diehl/Jean-Pierre Ziegler, Dein robuster Freund und Helfer, 27.2.2018, http://www.spiegel.de/panorama/justiz/a-1195662.html«.
11.
Zum Konzept des Heroismus in der Polizei vgl. Michael Meuser, Gewalt, hegemoniale Männlichkeit und "doing masculinity", in: Kriminologisches Journal 7/1999, S. 49–65.
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