Auf einem Modell mit Spielzeugautos ist ein Polizeiauto in einer Rettungsgasse zu sehen.

17.5.2019 | Von:
Tom Thieme

"Wir wollen keine Bullenschweine". Feindbild Polizei im Linksextremismus

Entmenschlichung von Polizisten

Körperliche Angriffe auf Polizeibeamte verteidigen gewaltbereite Linksextremisten mit der Ideologisierung des Gegners und einer Stilisierung der Auseinandersetzung zu einem Kampf um Leben und Tod.[16] Das Hassobjekt wird nicht selten übersteigert als Ungeheuer und Bestie dargestellt. Die Entmenschlichung geht einher mit Tiermethapern wie "Affen", "Ratten" und vor allem "Schweinen". Zur Gewaltlegitimation reklamieren Linksextremisten das Freundbild "Menschheit", für die sie angeblich kämpfen, exklusiv für sich. Polizisten wird dagegen das Menschsein abgesprochen.[17] Da sich die "Menschen" im Krieg mit "Schweinen" befänden, seien Dialog und argumentative Auseinandersetzung als Mittel der Konfliktlösung unbrauchbar. Zudem sei die Abwehr des "Monstrums" Staatsgewalt ein Kampf, der mit ungleichen Waffen geführt werde, sodass selbst die Tötung von Polizisten legitimiert wird.

Die Entmenschlichung von Polizeibeamten als Rechtfertigung von Gewalt bis hin zum Mord findet ihren Ursprung in den Verlautbarungen der Roten Armee Fraktion (RAF) und ihrem Kampf gegen das "Schweinesystem". So heißt es bei Ulrike Meinhof – für viele bis heute Ikone und Sympathieträgerin der ersten RAF-Generation: "Wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden."[18]

Gleichwohl findet ungeachtet der bis heute verbreiteten Kultivierung des Feindbilds "Bullenschwein" in der linken Szene eine intensive Gewalt- und Militanzdebatte statt. Gewalt gegen "Dinge" wird von nahezu allen akzeptiert, gegen Personen indes überwiegend von den Anhängern des "Schwarzen Blocks" verübt. Gewalttäter wähnen sich damals wie heute in einer Notwehrsituation, um der Repression des faschistischen beziehungsweise kapitalistischen Staates beziehungsweise der Polizei beizukommen.[19]

Feindbild Polizist in linksextremer Musik

Vor allem in der Musik der linken Szene ist das Feindbild Polizei weit verbreitet.[20] Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Madest arbeitet in ihren Untersuchungen zum Zusammenhang von Feindbildern und extremistischer Musik für den Linksextremismus drei Narrative heraus, in denen das Hassobjekt Polizei im Mittelpunkt steht.[21]

Erstens symbolisiert die Polizei in solchen Liedtexten Gewalt und Überwachung. Der Beamte wird vom "Freund und Helfer" zum Verbrecher umgedeutet, der Terror ausübt und willkürlich seine Macht missbraucht. Die eigene gewalttätige Szene wird dagegen als Opfer verharmlost, selbst wenn es sich um eine Terrororganisation wie die Rote Armee Fraktion handelt. So heißt es im Song "R.A.F." der Punkband WIZO:

"Als wir noch kleine Scheißer war’n, da wussten wir nicht viel,
doch wir haben schon gern R.A.F. und Polizei gespielt,
Ich wollte nie ein Bulle sein, denn Bullen sind nur Dreck,
ich war viel lieber Terrorist und bombte alles weg."


Zweitens sehen sich Polizisten dem Vorwurf ausgesetzt, selbst dem Rechtsextremismus anzugehören – wie das gesamte politische System ein "faschistisches" sei und die Demokratie nur eine pseudopluralistische Fassade. Beamte stünden in Kontinuität zu Gestapo und SS, nicht unter Gesetz und Recht der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Damit einher geht die Wahrnehmung, die Polizei würde sich mit ihren Zwangsmitteln und bei gewaltsamen Einsätzen ausschließlich gegen Linke wenden, während sich Rechte unter dem Schutz der Polizei befänden. Auch für das Feindbild "Faschobullen" liefert die Band WIZO in ihrem Titel "Kopfschuss" Belege, ebenso Gruppen wie Slime und Zaunpfahl:

"Ist die Regierung erst in Panik, gilt weder Ordnung noch Moral.
Das Gesetz wird ausgeschaltet, und das Menschenrecht egal.
Polizei ist Staat im Staat, Selbstherrlichkeit regiert.
Ist der Staatsfeind lokalisiert, wird auf Rambo-Art agiert.
Was früher die Gestapo war, ist heut das BKA.
Nur damals setzte man Henker ein, und heut gibt es die GSG 9999"


Drittens und in einem gewissen Gegensatz zu den ersten beiden Annahmen von Polizeiwillkür und Machtmissbrauch eines "Staates im Staate" steht das Narrativ von der Polizei als bloßem Handlanger und Marionette des Systems. Die Polizei werde von "der Politik" instrumentalisiert, um deren Interessen durchzusetzen statt die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten. Dazu würden Polizisten lediglich als Erfüllungsgehilfen des Staates beziehungsweise seiner korrupten Eliten fungieren und die Beamten hirnlos und ohne eigenen Antrieb handeln.[22] Hierzu Feine Sahne Fischfilet 2015 in ihrem Song "Wut":

"Verweis mich aus der Stadt, ich scheiß drauf was du sagst,
wer kein Rückgrat hat, der wird vereidigt auf den Staat.
Lieber Hartz 4 bezieh’n, im Bett bis um Vier liegen,
Bier trinken, Weed dealen, Speed zieh’n,
als Geld im Staatdienst verdien’."

Fußnoten

16.
Vgl. Jürgen P. Lang, Verschwörungsideologien. Antiliberalismus und Totalitätsphantasie von Metternich bis zum modernen Extremismus, in: Liebold et al. (Anm. 9), S. 185–194, hier S. 194.
17.
Vgl. Eckhard Jesse, Funktionen und Strukturen von Feindbildern im politischen Extremismus, in: Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.), Feindbilder im politischen Extremismus. Gegensätze, Gemeinsamkeiten und ihre Auswirkungen auf die Innere Sicherheit, Köln 2004, S. 3–18, hier S. 11.
18.
Ulrike Meinhof zit. nach Eckhard Jesse, Biographisches Porträt: Ulrike Marie Meinhof, in: ders./Uwe Backes (Hrsg.), Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Bd. 8, Baden-Baden 1996, S. 198–213, hier S. 205.
19.
Vgl. Mannewitz u.a. (Anm. 2), S. 133.
20.
Vgl. zu Feindbildern in der linksextremistischen Musik Ulrike Madest, Linksextremistische Musik in Deutschland, in: Uwe Backes et al. (Hrsg.), Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Bd. 25, Baden-Baden 2013, S. 136–149, hier S. 145.
21.
Vgl. hier und im Folgenden dies., Noten des Hasses. Feindbilder in rechts- und linksextremistischer Musik im Vergleich, in: Armin Pfahl-Traughber (Hrsg.), Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2014, Bd. 9, Brühl 2014, S. 58–83, hier S. 71ff.
22.
Vgl. Backes/Haase (Anm. 6), S. 122.
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Autor: Tom Thieme für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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