Auf einem Modell mit Spielzeugautos ist ein Polizeiauto in einer Rettungsgasse zu sehen.

17.5.2019 | Von:
Georg Seeßlen

Cops, Bullen, Flics, Piedipiatti. Polizist*innen in der populären Kultur - Essay

Im Asphaltdschungel

Polizist*innen sind (vor allem) in der Fiktion, aber auch (etwas weniger) in der Wirklichkeit tragische Held*innen. Denn sie können nicht wirklich gewinnen, sie befinden sich in einem ständigen Dilemma: Ihr Eingreifen kann das Verbrechen an der einen Stelle zurückdrängen, aber es taucht mit gnadenloser Konsequenz an einer anderen wieder auf. So birgt etwa jeder Erfolg im Kampf gegen die Drogen die Gefahr, durch die Verknappung des "Stoffs" eine Welle der Gewalt auszulösen. Aber auch in den weniger dramatischen Bereichen der Polizeiarbeit erleben sie den Sisyphos-Effekt: Alle Erfolge sind temporär. Kriminalistik und Verbrechen wachsen an- und miteinander, im Krieg zwischen Gangstern und Polizei herrscht ein Wettrüsten, und immer wieder gibt es Zeiten, in denen die Gangster über die besseren Autos, die besseren Waffen, die besseren Organisationen verfügen. Augenblicklich erleben wir die nächste Runde in den digitalen Netzen, und obwohl wir uns daran gewöhnt haben, dass der Computer für unsere Cop-Held*innen zum wichtigsten Instrument neben der Dienstwaffe geworden ist, entzieht sich der Kampf gegen die Cyberkriminalität noch der klassischen Action-Dramaturgie oder muss in fantastische Zukunftsszenarien projiziert werden.

Zwei weitere furchtbare Widersprüche werden immer wieder im Genre gespiegelt: Zum einen machen Polizist*innen unter Einsatz ihres Lebens einen Verbrecher dingfest, und vor Gericht kommt er mithilfe teurer Anwälte und Gesetzeslücken wieder frei. Zum anderen hat das Verbrechen, das von der Polizei bekämpft wird, seinen Ursprung in der feinen bürgerlichen Gesellschaft, und je höher in der Hierarchie des organisierten Verbrechens einer steht, desto unangreifbarer wird er. Davon handeln etwa die italienischen Poliziottesco-Filme, die den Kampf gegen die Mafia beschreiben. Der Polizist als Held erwischt hier gerade einmal die Straßenverbrecher, wenn es aber an die großen Fische geht, schließt sich der Kreis der Korruption. Daran freilich, dass der Verbrecher nicht allein die Störung, sondern immer auch das Symptom gesellschaftlicher Krankheit darstellt, litt sogar schon unser biederer Inspektor Derrick. Eher angespannt ist auch das Verhältnis unserer Cop-Held*innen zu den Vertreter*innen der (Sensations-)Presse: Immer wieder tauchen sie als Hemmnisse, ja als Verräter*innen bei der Polizeiarbeit auf, manchmal sind es aber auch notwendige Verbündete. Denn sie sind die dritten Bewohner*innen der virtuellen Heimat von Polizist*innen und Gangstern, der Straßen des "Asphaltdschungels".

Was also wiegt schwerer: der vergebliche Kampf gegen eine im Inneren korrupte Gesellschaft oder die Korruptionsanfälligkeit der Polizei selbst? So sehr wie ein Krieger im nie erklärten Bürgerkrieg steckt in Polizist*innen aber auch der Sozialarbeiter, der die Hoffnung auf die Rettbarkeit von Menschen auch in übelsten Lebensumständen nie ganz aufgibt und gerade für die armen Schweine im Milieu dann vielleicht doch Anlaufstation oder wenigstens Duldung bedeutet. Darin steckt aber auch schon wieder eine Gefahr, denn einerseits sollen Polizist*innen das Gesetz vertreten und diesem wie alle anderen Menschen auch selbst unterworfen sein. Andererseits können sie sich nicht unentwegt gegen die Verführungen der Welt bewahren, denen sie ausgesetzt sind. So sehr sich die Polizist*innen unserer Fiktionen an der Gewalttätigkeit infizieren können, so sehr sind sie auch der Korruption ausgesetzt, die oft mit kleinen Gefälligkeiten, einem kleinen Wegschauen oder einer unbedeutenden Information beginnt. Auch hier handelt das Genre immer wieder neue Grenzlinien aus.

In einer Serie wie "Shades of Blue" wird eine Polizeiarbeit geschildert, die längst jede Legalität verloren hat: Die Cops sind korrupt, unfähig, gewalttätig und decken sich gegenseitig, aber dennoch sind nicht alle gleich böse oder krank, und es gibt Reflexionen über den Rassismus der Polizist*innen, die Loyalitätskonflikte und die hoffnungslose Vermischung von Arbeit und Privatleben nicht zuletzt auf dem Gebiet der Sexualität. Der "Bad Cop" ist in Serien wie dieser von der Ausnahme zur Regel geworden, und der ärgste Feind des guten Polizisten ist nicht mehr der Gangster, sondern der korrupte Kollege. Gangster-Organisation und Polizei haben sich wechselseitig infiltriert, und das führt zu institutionellen wie zu persönlichen Katastrophen, dargestellt in vielen Cop-Filmen aus Südostasien, am beeindruckendsten wohl in "Infernal Affairs" von Andrew Lau, dem Martin Scorsese ein nicht minder beeindruckendes Remake unter dem Titel "The Departed" widmete: Die Fronten zwischen Polizei und Gangstertum haben endgültig alle Verlässlichkeit verloren. Der unerklärte Bürgerkrieg, den die Polizei eigentlich verhindern sollte, ist in vollem Gange, wenn auch hinter den Fassaden der bürgerlichen Öffentlichkeit, hinter der beide Seiten agieren.

Der erschreckendste all dieser bösen Cops mag "Bad Lieutenant" von Abel Ferrara mit Harvey Keitel sein, der alles Böse aus der Umwelt inhaliert zu haben scheint und dem am Ende nur eine Art himmlischer Gnade hilft, sich von seinem sündhaften Dasein zu befreien – oder uns von einem wie ihm, der alle Formen des Verbrechens in sein Polizisten-Dasein geholt hat, einschließlich der Drogen, vor denen er uns zu bewahren hätte – oder aber der "Maniac Cop" des B-Horror, der zum schlichten Serienkiller mutiert, weil ihn sein Beruf buchstäblich verrückt gemacht hat. Dagegen wirken die französischen "Korrumpels" in der Serie um "Die Bestechlichen" (Les Ripoux) von Claude Zidi seit 1984 geradezu sympathisch. Die Korruption wird hier als Groteske erzählt, nicht ohne Zynismus und mit böser Konsequenz: Wenn wir Polizist*innen als Menschen sehen, gibt es keinen Grund, sie zu moralischen Übermenschen zu stilisieren. Wenn alle Menschen von Gier, Lust und Dummheit befallen sind, warum dann ausgerechnet Polizist*innen nicht?

Über die dummen Polizist*innen jedenfalls lachen wir seit den Keystone Cops des Stummfilms bis hin zur "Police Academy" so gern wie über falsche Polizist*innen von Charlie Chaplin bis Terence Hill und Bud Spencer. Genauer gesagt haben wir schon beim Kasperle-Theater und im Boulevard-Theater gern über sie gelacht, wie über alle Verkörperungen von Autorität, Obrigkeit und Bürokratie. Als soziale Rolle ist diese Erscheinung einigermaßen beliebig zu füllen, in der sozialen so sehr wie in der erotischen Karnevalisierung – Polizist*innen als Pornografie-Protagonist*innen wären ein ganz eigenes Kapitel.

Das mythische System ist aber auch in deutschen Serien und Filmen durchaus präsent: Der einzelne Polizist ist ein Held – nicht obwohl, sondern gerade weil seine Institution ihn nur bis zu einem bestimmten Grad deckt. In deutschen Serien bekommt oft die Staatsanwaltschaft oder ein "Sesselfurzer" als Vorgesetzter die Rolle des unsympathischen Bremsers. Er oder sie eignen sich dabei eine gewisse Freiheit oder gar Widerspenstigkeit an, wenn auch nicht immer im "Schimanski"-Ausmaß – Götz George als Polizist im Schlabberlook, ähnlich Tomas Milian in der italienischen Serie um den Cop Nico Giraldi, der in jedem Film eine Undercover-Mission erfüllt, sich aber nie der "normalen" Polizeiarbeit unterwirft. Der Trick des Genres besteht also darin, Polizist*innen gegen die eigene Institution in Stellung zu bringen. Die Heimat unserer Traum-Polizist*innen ist die Straße, das Polizeirevier dagegen ein Gefängnis, dem sie nur zu gern entfliehen. So entstand neben dem väterlichen Einrenker von Schicksalen, der den Verbrecher vor allem dadurch überführt, dass er ihn erst einmal versteht, ein Anarcho-Cop als populärer Held. Als Belohnung für seine Einsamkeit erhält er eine Freiheit, die es in keinem der anderen Traumberufe der populären Narrative gibt.

Und natürlich verhält es sich auch genau umgekehrt: Die Freiheit, die sich eine Polizistin oder ein Polizist herausgenommen hat, führt sie oder ihn in Isolation und Paranoia. In "Der gute Bulle" zum Beispiel geht es um den kaputten, drogenkranken Cop Fredo Schulz (Armin Rohde), der auf einen Undercover-Einsatz ausgerechnet gegen Drogengangster geschickt wird, während auch ein Informant in den eigenen Reihen gesucht wird. Ein psychisch schwer gestörter Kommissar ist auch Faber (Jörg Hartmann) in einer "Tatort"-Reihe, der unter schweren Alpträumen leidet. "Rocco Schiavone" (Marco Giallini) in der gleichnamigen italienischen Krimiserie leidet unter dem Trauma, am Tod der Frau seines besten Freundes schuld zu sein und vermischt beständig Arbeit und persönliche Rache. Neben das Bild des bösen Polizisten also tritt das des kranken Polizisten – vielleicht haben beide ihr Urbild in Orson Welles’ Portrait in "Touch of Evil" von einem Polizisten auf einem unaufhaltsamen Weg nach unten und in den Tod, der, wie sich herausstellt, dennoch auf seine kaputte, intuitive Art "Recht gehabt" hat. Auch hier also soll die Polizeifiktion eine Grenze ziehen: Wieviel Gewalt, wieviel Korruption, wieviel Anarchismus, wieviel Paranoia darf, ja muss Polizeiarbeit enthalten?

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