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Israel und Deutschland: Emotionen, Realpolitik und Moral


4.4.2005
Die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland belegen, dass die Dichotomie zwischen Realpolitik und Moral falsch sein kann. Die Realisten, die für Beziehungen mit Deutschland eintraten, taten dies nicht nur, weil es Interessen diente.

Einleitung



Die Diskussion über Ethik in der Politik, insbesondere in der Außenpolitik, ist nicht neu. Viele sehen in jeder Politik eine Mischung aus Moral und Interessen. Thomas Jefferson erklärte das mit der Natur des Menschen: "If man were wholly evil no government would be possible. If he were completely good no government would be necessary."[1] Es gibt große Unterschiede hinsichtlich des Grades, in dem Moral oder Interessen und Machtpolitik das Handeln von Politikern und Staaten bestimmen. Im Allgemeinen wird unterschieden zwischen "Realisten", für die das Selbstinteresse ihres Staates über allem steht, und "Idealisten", für die vor allem Werte, Ideen und Ideologien die Politik bestimmen.




In den deutsch-israelischen Beziehungen sind Fragen von Ethik und Politik, von Idealismus und Realismus von großer Bedeutung. Emotionen spielen eine wichtige Rolle. Es gibt in Israel seit den fünfziger Jahren eine dominante Realpolitik für die Errichtung und Ausweitung der Beziehungen mit Deutschland, aber es gab auch starke emotionale Gegenströmungen. Auch aus innenpolitischen Überlegungen (interne Realpolitik) wandte man sich eher gegen den Deutschlandkurs der Regierungen Ben-Gurion, Sharett und Eshkol. Es gab moralisch fundierte Positionen für und gegen Beziehungen mit Deutschland. Und die ideologisch fundierte Politik der linkssozialistischen Vereinigten Arbeiterpartei (hebr. Mifleget Poalim Meuhedet, MAPAM) und der Kommunisten (für die DDR, gegen die Bundesrepublik) deckte sich kaum mit Realpolitik oder Ethik.

Auch in Deutschland gab es realpolitische Gründe für und gegen offizielle Beziehungen mit Israel, aber auch einen starken Trend der Moralpolitik - einer Politik der "Wiedergutmachung" für den an Juden begangenen Massenmord und für ein Rapprochement zwischen Deutschland und Israel. Verglichen mit Israel waren die Debatten in Deutschland jedoch kaum von Emotionen bestimmt.

Die Beziehungen zu Deutschland waren in Israel immer wieder von großer politischer Bedeutung.[2] Im Folgenden möchte ich die Rolle von Emotionen, Moral und Realpolitik auf israelischer Seite analysieren.



Fußnoten

1.
Zit. nach: Kenneth W. Thompson, The Moral Issues in Statecraft, Baton Rouge 1966, S. 69.
2.
Vgl. Yechiam Weitz, Die alternative Flagge: Deutsch-israelische Beziehungen in der Herut Partei 1951 - 1967, in: Zion, 47 (2002) 4, S. 435 [H = Hebräisch].