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Standards für schulische Bildung?


15.3.2005
Die Einführung von Bildungsstandards führt zu einer Wende hin zu mehr Bildungspragmatismus. Damit einher geht die Gefahr einer Aushöhlung von allgemeiner schulischer Bildung und von Restriktionen in der Wahrnehmung des Rechts auf Bildung.

Einleitung



Der Streit um den Terminus Bildung hat in Deutschland eine lange Tradition. Nach 1945 war der Begriff zunächst reanimiert worden. In den fünfziger und sechziger, mehr noch in den siebziger Jahren des schulpolitischen Aufbruchs verstärkte sich jedoch die Rede von der "Krise der Bildung". Mancherorts wurde sogar das Ende aller Bildungstheorie gleichermaßen befürchtet wie herbeigeredet.

Doch was sollte an die Stelle des Terminus Bildung treten, "ohne das mit jenem Begriff Gemeinte und an Problem- und Identitätsbewusstsein in ihm Enthaltene voreilig preiszugeben: Selbstbestimmung und Urteilskraft, Emanzipation und Kritikfähigkeit, Autonomie und Verantwortung?"[1] Es stellte sich nämlich schnell heraus, dass alle Ersatzbegriffe in vielerlei Hinsicht unzulänglich waren, weil beim Versuch, Komplexität zu reduzieren, wichtige Substanz verloren ging. Die Anstrengungen, auf die Bildungskategorie in der pädagogischen Diskussion zu verzichten, wurden in der Folgezeit deshalb nicht nur aufgegeben, sondern es entstand ein neues starkes Interesse an der Bildungsfrage.

Doch mit der Forderung nach Neubegründung des Bildungsbegriffs stellte sich erneut die Frage, was Bildung sein und beinhalten sollte. Dass mit dem Entschluss der Kultusministerkonferenz, mithilfe von Bildungsstandards[2] - eingesetzt an verschiedenen Schnittstellen des Schulsystems - Qualitätssicherung und -verbesserung betreiben zu wollen, die Diskussion über den Sinn und den Inhalt des (schulischen) Begriffs erneut aufflammen würde, war also zu erwarten.

Unter Bildungsstandards werden - knapp formuliert - allgemeine Bildungsziele verstanden. Alle Forderungen nach Einführung dieser Standards helfen jedoch nicht weiter bzw. bleiben irreführend, wenn nicht deutlich gemacht werden kann, was mit diesem Grundbegriff der deutschsprachigen Pädagogik aus heutiger Perspektive verbunden wird.

Wenn aber weder in der Wissenschaft, den Fachdidaktiken und der Schulpädagogik noch in der Bildungspolitik eine Linie zu erkennen ist, welche Bildung in der allgemein bildenden Schule allen Kindern und Jugendlichen ermöglicht werden soll, wie können dann Bildungsziele sicher auswählt werden, die den Bildungsstandards als Blaupause dienen? Angesichts dieser unübersichtlichen Lage kann es nicht überraschen, wenn entweder blumig von der Entrümpelung der bisherigen Lehrpläne gesprochen wird, die das Lehren und Lernen überreglementiert und somit eher erschwert hätten, oder wenn derbildungstheoretische Pragmatismus beschworen wird, der dem schulischen Bildungsideal den Garaus machen soll. Noch übersteigerter wird argumentiert, dass nicht die fehlende Diskussion und Einigung auf dienötigsten Bildungsziele der Schule das Manko, sondern die Bildungsziele selbst das Problem seien, und zwar deshalb, weil sie sich ihrer angemessenen Operationalisierung entzögen.


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Fußnoten

1.
Franz-Josef Wehnes, Theorien der Bildung - Bildung als historisches und aktuelles Problem, in: Leo Roth (Hrsg.), Pädagogik. Handbuch für Studium und Praxis, München 2002, S. 277.
2.
Es handelt sich um Standards im normativen Sinne als Erwartungen an die Lernergebnisse von Schülern. Sie werden als performance standards bezeichnet.