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Friedrich Schiller


21.2.2005
Die Geschichte der Moderne ist geprägt von der Idee der Freiheit. Es gilt, an jene zu erinnern, die diese Idee unserer Freiheit formuliert haben: Friedrich Schiller gehört dazu.

Einleitung



Berlin, im Mai. In einer mehrfach von starkem Beifall unterbrochenen Rede vor dem Deutschen Bundestag hat der parteilose Abgeordnete Friedrich Schiller (Ludwigsburg) die geschichtsphilosophischen Perspektiven erläutert, die er für die Zukunft der deutschen Politik für unabdingbar hält. Sein Plädoyer für eine neue Universalgeschichte, das er unter dem Titel "Freiheit und Vernunft" vortrug, wolle er auch als Antidot gegen den zynischen postmodernen Umgang mit ihr verstanden wissen. Weil wir der Geschichte nicht entkommen können, brauchen wir eine utopische Perspektive. Eine Zeit, so Schiller, die nur eine persönliche, auf den eigenen Lebenshorizont zugeschnittene Perspektive kennt, nicht aber eine gesellschaftliche; eine Zeit, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist, nicht aber die Entwicklung des Ganzen im Auge behält - eine solche Zeit wird sich immer gegen ihre Zeitgenossen wenden.




"Die Schranken sind durchbrochen", sagte Schiller, "welche Staaten und Nationen in feindseligem Egoismus absonderten. Alle denkenden Köpfe verknüpft jetzt ein weltbürgerliches Band (...). Die europäische Staatengesellschaft scheint in eine große Familie verwandelt. Die Hausgenossen können einander anfeinden, aber hoffentlich nicht mehr zerfleischen." Man muss genau hinhören: Nur scheinbar sind wir in eine große Familie verwandelt. Und Schiller gibt seiner Hoffnung Ausdruck, dass es in der Zukunft nur bei den üblichen Anfeindungen bleibt, aber nicht mehr wie in der Vergangenheit zu Zerfleischungen kommt. Schiller bleibt trotz aller Emphase und trotz seiner strahlenden Vision eines Weltbürgertums ein Skeptiker. Ohne Skepsis kein Optimismus. Ohne Optimismus keine Politik. Überdies sei, so Schiller, der jetzt erreichte Stand der europäischen Einigung nur eine erste Stufe auf dem Weg zu einer umfassenderen, die sich weit über das Politische erheben müsse. Politik müsse in erster Linie wieder Kulturpolitik werden. Den Anhängern einer Theorie vom Ende der Geschichte, die im Erreichten bereits das Maximum des Erreichbaren sähen, stellt er seine Idee eines permanenten Entwicklungsprozesses entgegen, der - trotz aller Rückschläge - tendenziell unabschließbar sei. Natürlich ist auch der Abgeordnete Schiller nicht so naiv zu glauben, dass heute bereits alle "barbarischen Überreste aus dem vorigen Jahrhundert" in unserer Zeit beseitigt seien; es komme vielmehr darauf an, diese "Geburten des Zufalls und der Gewalt" aus dem "anbrechenden Zeitalter der Vernunft" zu vertreiben. "Lebe mit dem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf", rief Schiller den Abgeordneten zu, "leiste deinen Zeitgenossen, aber was sie bedürfen, nicht was sie loben!"

Besondere Beachtung fand Schillers Attacke gegen die immer stärker um sich greifende Spezialisierung. Einige Kulturpolitiker schüttelten bedenklich den Kopf. Ein Teil unserer modernen Unfreiheit verdanken wir seiner Meinung nach dem Umstand, dass wir unser beschränktes Wissen nur noch verwalten, aber keine höherstufige Idee mehr damit verbinden. Eine Wissensgesellschaft, die Wissen zwar bereitstellt, aber nicht anwendet, ist für die Zukunft verloren. Wir brauchen - und zwar an allen Fakultäten, wie der Abgeordnete betonte - einen neuen philosophischen Geist. Nachdrücklich setzte er sich für interdisziplinäre Studiengänge ein, die er gegen eine ausschließliche Spezialistenausbildung stellte. Hierbei bezog er sich häufig auf den wohl ironisch gemeinten Brotgelehrten, den er für einen Ausbund an Halbbildung und falschem wissenschaftlichen Ehrgeiz hält: "Wo der Brotgelehrte trennt, vereinigt der philosophische Geist. Früh hat er sich überzeugt, daß im Gebiete des Verstandes, wie der Sinnenwelt, alles ineinander greife, und sein reger Trieb nach Übereinstimmung kann sich mit Bruchstücken nicht begnügen. Alle seine Bestrebungen sind auf Vollendung seines Wissens gerichtet; seine edle Ungeduld kann nicht ruhen, bis alle seine Begriffe zu einem harmonischen Ganzen sich geordnet haben, bis er im Mittelpunkt seiner Kunst, seiner Wissenschaft steht und von hier aus ihr Gebiet mit befriedigtem Blick überschauet. Neue Entdeckungen im Kreise seiner Tätigkeit, die den Brotgelehrten niederschlagen, entzücken den philosophischen Geist. Vielleicht füllen sie eine Lücke, die das werdende Ganze seiner Begriffe noch verunstaltet hatte, oder setzen den letzten noch fehlenden Stein an sein Ideengebäude, der es vollendet. Sollten sie es aber auch zertrümmern, sollte eine neue Gedankenreihe, eine neue Naturerscheinung, ein neu entdecktes Gesetz in der Körperwelt den ganzen Bau seiner Wissenschaft umstürzen: so hat er die Wahrheit immer mehr geliebt als sein System, und gerne wird er die alte, mangelhafte Form mit einer neuern und schönern vertauschen. Ja, wenn kein Streich von außen sein Ideengebäude erschüttert, so ist er selbst, von einem ewig wirksamen Trieb nach Verbesserung gezwungen, er selbst ist der erste, der es unbefriedigt auseinanderlegt, um es vollkommener wiederherzustellen. Durch immer neue und immer schönere Gedankenformen schreitet der philosophische Geist zu höherer Vortrefflichkeit fort, wenn der Brotgelehrte in ewigem Geistesstillstand das unfruchtbare Einerlei seiner Schulbegriffe hütet."

Von in- wie ausländischen Kommentatoren wurde besonders die starke rhetorische Qualität der Rede des Abgeordneten hervorgehoben, das im Parlament in den vergangenen Jahren nicht mehr erlebte sprachliche Feuer, das höchste theoretische Ansprüche mit sehr praxisnahen Vorstellungen ihrer Umsetzung in eine inspirierende Form goss. Politiker seien dazu verpflichtet, zukunftsoffen zu sein, und wer sich davor drücke, die Zukunft zu interpretieren, habe im Parlament nichts verloren.

Es wird sich zeigen, ob die - gemessen an der pragmatisch abgestimmten Arbeitsweise des Parlaments - utopischen Ausführungen Schillers - der im (angemeldeten) Nebenberuf flammende Theaterstücke meist politischen Inhalts schreibt - für die politische Arbeit taugen. Das von ihm bemühte alte Bild der Kette jedenfalls, die sich durch die Jahrhunderte zieht und an deren Ende wir stehen, um sie in die Hände der nächsten Generation zu legen, hatte nichts von seiner Überzeugungskraft verloren. Ob auch die mit dem Bild der Kette verbundene "Verbesserung" des Menschengeschlechts von Generation zu Generation fortschreitet, müssen wir dem Urteil der Nachgeborenen, die sich im Zeitalter der Globalisierung mehr und mehr an "Brüchen" orientieren, überlassen.

Wir zitieren den Schluss seiner Rede: "Unser menschliches Jahrhundert herbeizuführen, haben sich - ohne es zu wissen oder zu erzielen - alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt. Unser sind alle Schätze, welche Fleiß und Genie, Vernunft und Erfahrung im langen Alter der Welt endlich heimgebracht haben. Aus der Geschichte erst werden Sie lernen, einen Wert auf die Güter zu legen, denen Gewohnheit und unangefochtener Besitz so gern unsre Dankbarkeit rauben: kostbare teure Güter, an denen das Blut der Besten und Edelsten klebt, die durch die schwere Arbeit so vieler Generationen haben errungen werden müssen! Und welcher unter Ihnen, bei dem sich ein heller Geist mit einem empfindenden Herzen gattet, könnte dieser hohen Verpflichtung eingedenk sein, ohne daß sich ein stiller Wunsch in ihm regte, an das kommende Geschlecht die Schuld zu entrichten, die er dem vergangenen nicht mehr abtragen kann? Ein edles Verlangen muß in uns entglühen, zu dem reichen Vermächtnis von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt überkamen und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abgeben müssen, auch aus unsern Mitteln einen Beitrag zu legen und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen. Wie verschieden die Bestimmung auch sei, die in der bürgerlichen Gesellschaft Sie erwartet - etwas dazusteuern können Sie alle! Jedem Verdienst ist eine Bahn zur Unsterblichkeit aufgetan, zu der wahren Unsterblichkeit, meine ich, wo die Tat lebt und weiter eilt, wenn auch der Name ihres Urhebers hinter ihr zurückbleiben sollte."