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26.1.2005 | Von:
Hans-Georg Golz

Editorial

Auch 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bedürfen die deutsch-polnischen Beziehungen der behutsamen Pflege. Doch in jüngster Zeit haben Geschichtsdebatten die Gemüter erhitzt.

Die erste Auslandsreise führte den neuen Bundespräsidenten Horst Köhler im Juli vergangenen Jahres nach Warschau und Danzig. Diese Geste belegt den hohen Stellenwert der deutsch-polnischen Beziehungen.

Auch 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bedürfen sie jedoch der behutsamen Pflege. Während des Krieges wollte Deutschland den Nachbarn auf Dauer versklaven. Sechs Millionen polnische Staatsbürger überlebten die deutsche Besatzung nicht. Zur Zeit der deutschen Teilung und der Volksrepublik Polen waren die Beziehungen der drei Staaten von ideologisch aufgeladenen Feindbildern bzw. verordneter Völkerfreundschaft geprägt. Mutige Kirchenvertreter, Politiker und Künstler wagten erste Schritte über die Grenzen. Nach dem Ende des Ostblocks schrieb der Nachbarschaftsvertrag von 1991 die polnische Westgrenze endgültig fest. Mit dem Beitritt Polens zur EU schien die Zeit günstig, das deutsch-polnische Versöhnungswerk voranzutreiben.

Doch in jüngster Zeit haben Geschichtsdebatten die Gemüter erhitzt: Das vereinte Deutschland gedenkt der eigenen Opfer von Bombenkrieg und Vertreibung. In Polen wittern nicht wenige irritiert den Versuch, Geschichte umzuschreiben. Gleichzeitig wird über die eigene Rolle während der Besatzung und bei der Vertreibung der Deutschen diskutiert.

Der Beschluss des Sejm, die Regierung möge von Deutschland Reparationen fordern, hat die bilateralen Beziehungen ebenso belastet wie der Streit um ein "Zentrum gegen Vertreibungen" und mögliche Entschädigungsklagen. Angesichts der historischen Bürden wäre eine Normalisierung der deutsch-polnischen Beziehungen schon viel, wie Peter Bender im Essay dieses Heftes betont.