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Die historische Erinnerung in Polen


26.1.2005
Polen als moderne Nation bildete sich im 19. Jahrhundert. Zu den wichtigsten Themen der historischen Erinnerung in Polen gehören daher der Unabhängigkeitskampf und seine martyrologische Komponente.

Einleitung



Die historische Erinnerung ist neben Sprache, Konfession und Kultur das wichtigste Element, das nationale Identitätsgefühle in Polen schuf und verstärkte. Polen als moderne Nation bildete sich im 19. Jahrhundert, in der Zeit der Teilungen, des Fehlens eigener Staatlichkeit, der Unterordnung unter die meistens repressive Politik der deutschen, russischen und - weniger - der österreichischen Regierungen. Diese Tatsachen übten starken Einfluss auf das historische Bewusstsein aus.

Zu den wichtigsten Themen der historischen Erinnerung in Polen gehören daher Fragen des Unabhängigkeitskampfes und seine martyrologische Komponente. Eine solche Einstellung zur eigenen Vergangenheit lässt sich am Beispiel der Feiern anlässlich der nationalen Gedenktage belegen. Der wichtigste staatliche Feiertag, der Jahrestag der Unabhängigkeit, der am 11. November gefeiert wird, besitzt vor allem martyrologische Akzente. Diese Tatsache ist darauf zurückzuführen, dass der Weg zu einem unabhängigen Polen aus blutigen und verlorenen Kämpfen bestand, auf die Repressalien folgten. Selbst wenn einer der Helden den Kampf um Unabhängigkeit überlebte, musste er in der Volksüberlieferung sterben. Ein derartiges Schicksal traf etwa den Helden des Gedichtes "Redoute Ordona" des großen Romantikers Adam Mickiewicz, in dem der Dichter Ordon wider die historische Wahrheit, aber in Übereinstimmung mit dem verbreiteten Stereotyp, trotz der Übermacht der angreifenden Russen die Redoute in die Luft jagen ließ und dabei starb.

Die 1918 errungene Unabhängigkeit dauerte nur 20 Jahre und wurde durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Das hat zur Folge, dass der Erfolg des Novembers 1918 durch das Prisma des Septembers 1939 gesehen wird. Die Tradition des Kampfes um die Unabhängigkeit betrachtete man zusammen mit den Kämpfen in den Jahren 1914 bis 1920 während der Zwischenkriegszeit als eines der wichtigsten Elemente der patriotischen Erziehung. Wie erfolgreich sie war, zeigte die Haltung der polnischen Jugendlichen während des Zweiten Weltkriegs.

Nach 1945 verlor Polen, das zu den Siegermächten gehörte und viele Verluste zu verzeichnen hatte, gegen seinen Willen Teile seines Territoriums, veränderte sein politisches System und geriet in die Einflusssphäre der ihm bis dahin feindlich gesinnten UdSSR. Die Polen fanden sich nie mit dieser Situation ab; davon zeugen nicht zuletzt die Versuche, die Fremdherrschaft abzuschütteln: 1956, 1970 und 1981. Diese Daten reihten sich in die der Aufstände gegen die Teilungsmächte (1794, 1830, 1864) sowie des Sieges über die Bolschewiki 1920 ein. Auf diese Weise entstand eine Kontinuität zwischen den letztgenannten und den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges (Verteidigungskrieg 1939, Warschauer Aufstand 1944) sowie den Protesten gegen die kommunistische Regierung. Ein solches Bild der Vergangenheit zeigt Polen in der Rolle des unschuldigen Opfers, das von anderen Nationen überfallen wird. In der polnischen Romantik entstand gar die Bezeichnung von Polen als "Christus der Völker", die im Bewusstsein der Gesellschaft mit der älteren Parole der antemurale christianitas (Mauer des Christentums) verschmolz.

Im heutigen Polen wird Patriotismus immer noch fast ausschließlich mit dem Kampf um die Freiheit des Vaterlandes in Verbindung gebracht, nicht mit der Arbeit für dessen Entwicklung. Ein weiteres Merkmal der historischen Erinnerung ist ihre Entstehung in Opposition zur Macht und zum Staat. Der offiziellen Geschichte, die während der Teilungszeit bzw. in der Volksrepublik gelehrt wurde, wurde eine inoffizielle entgegengehalten, die durch die Familie, in im "zweiten Umlauf" gedruckten Büchern bzw. Zeitschriften und in geheim gehaltenem Unterricht (den "fliegenden Universitäten") vermittelt wurde. "Keine Staatsmacht kann der Herrschaft über die Zeit entsagen - der Herrschaft über das kollektive Gedächtnis und das kollektive Vergessen", so die Soziologin Barbara Szacka. "Deshalb besteht eine Form des Widerstandes gegen die herrschende Macht darin, sich an das zu erinnern, was diese zum Vergessen verurteilt, und das zu vergessen, was diese im Gedächtnis erhalten will."[1]

Der Begriff der "weißen Flecken in der Geschichte", der sich in Polen in der zweiten Hälfte der achtziger und Anfang der neunziger Jahre großer Popularität erfreute, betraf vor allem die Lücken und Fehler in den offiziellen Geschichtsdarstellungen zur Zeit des Kommunismus. Private und staatliche Geschichte deckten sich nur kurz, nämlich von 1918 bis 1939 und in der Zeit nach 1989. Das Schicksal der Polen in den letzten zwei Jahrhunderten hatte zur Folge, dass Geschichte vor allem eine integrierende und die nationale Identität verstärkende Funktion besaß. Diskussionen über die Vergangenheit, eine vertiefte Reflexion, die gar in Kritik an der Nation mündeten, waren unpopulär. "Die Wunden nicht schwären lassen" und "die Herzen stärken" gehörten zu den wichtigsten Parolen der Zeit der Unabhängigkeit, die in die Überzeugungen breiter Bevölkerungskreise Eingang fanden. Allerdings bedeutet das nicht, dass keine Debatten über die Vergangenheit geführt wurden, aber sie drangen kaum in das gesellschaftliche Bewusstsein, das zum großen Teil nicht durch Arbeiten der Fachhistoriker, sondern durch schöngeistige Literatur, historische Romane und romantische Dichtungen geprägt wurde.

Anfang der neunziger Jahre wurde befürchtet, dass die Polen eine Nation seien, die nur in die Geschichte schaut, ständig an altes Unrecht erinnert und sich eine Öffnung auf die Zukunft erschwert. Andererseits gab es die Gefahr, dass vor allem die jüngste Vergangenheit allzu schnell vergessen bzw. gar idealisiert wird. Ein Großteil der älteren Generation ist in der Volksrepublik aufgewachsen und war von den Erfahrungen des Transformationsprozesses häufig schmerzlich betroffen. Außerdem stellte sich heraus, dass die freiheitsliebenden Polen gerade mit dieser Freiheit Probleme haben: Sie lernen, eine bürgerliche Gesellschaft zu sein, und es ist nicht so einfach, wie man es sich an der Weichsel anfangs vorgestellt hat.


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Fußnoten

1.
Barbara Szacka, Der widerspenstige Held. Der Warschauer Aufstand in der kollektiven Erinnerung in der Zeit der Volksrepublik Polen, in: Deutsche und polnische Geschichtskulturen. Die Formen des kollektiven Erinnerns. Materialien, Darmstadt 1994, S. 16.