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Die Gegenwart des Vergangenen


26.1.2005
Für eine Gesundung der vom Missverstehen geprägten deutsch-polnischen Beziehungen bedarf es eines selbstbewussten, aber gelassenen nationalen Selbstverständnisses, das Raum für eine dialogische Erinnerungskultur lässt.

Einleitung



Beinahe 60 Jahre nach Kriegsende hat die Vergangenheit in den deutsch-polnischen Beziehungen eine Besorgnis erregende Aktualität erlangt. Zum unübersehbaren Ausdruck dessen wurde die Resolution vom 10.September 2004, in der das polnische Parlament die Regierung aufforderte, Gesprächeüber Reparationszahlungen mit der Bundesrepublik aufzunehmen. Diese Resolution war eine Antwort des Parlaments auf angekündigten Klagen deutscher Vertriebener und Spätaussiedler auf Rückübertragung von Eigentum, die in Polen seit der Gründung der Vertriebeneninitiative "Preußische Treuhand" befürchtet werden.

Die strukturelle Vertrauenskrise zwischen Berlin und Warschau lässt sich weder als vorübergehend beschönigen noch mit dem gewohnten Hinweis auf die Wahrnehmungsasymmetrie zwischen Deutschen und Polen erklären. Vielmehr ist es angebracht, die Formen, Verschränkungen und Defizite der deutschen und polnischen Erinnerungskultur, ihre soziale Prägekraft und Wirkung auf die politische Kultur beider Länder näher zu betrachten.

In der deutschen und polnischen Erinnerungslandschaft gibt es einen hervorgehobenen Zeitraum, auf den die private wie öffentliche Erinnerung seit Jahrzehnten ausgerichtet ist: den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. Polen wie Deutschen geht es seit Ende des Krieges darum, das "Dritte Reich" und den Zweiten Weltkrieg in die je eigene nationale Geschichtserzählung zu integrieren.

In der Bundesrepublik der Ära Adenauer blendete man die unbequeme Vergangenheit aus, indem das "Dritte Reich" als die von wenigen ausgeübte "Gewaltherrschaft" bezeichnet und die Bevölkerung auf diese Weise entlastet wurde. Erklärungsmuster wie "Befehlsnotstand" oder das Selbstbild als Opfer des Nationalsozialismus und der Kriegsfolgen waren feste Bestandteile einer vergemeinschafteten Erinnerung, die selektiv war und Verantwortung für die NS-Zeit ausschloss. Die junge Bundesrepublik versuchte, das Zuviel an erlebter Geschichte abzuschütteln, ohne das staatsrechtliche Erbe des "Dritten Reiches" zu bestreiten, das die Basis für ihren Alleinvertretungsanspruch darstellte.[1]

An jener Lesart der NS-Vergangenheit änderten die Vorwürfe der 68er-Bewegung zunächst wenig. Die kritischen Fragen nach personellen und strukturellen Kontinuitäten mündeten rasch in einer generellen moralischen Verurteilung der Vätergeneration, welche eine wahrhaftige Auseinandersetzung eher blockierte. In der öffentlichen Betrachtung traten die Opfer der Deutschen und die deutschen Opfer in ein Konkurrenzverhältnis. Wer Letztere auch nur erwähnte, wurde verdächtigt, deutsche Schuld zu relativieren. Geschichtspolitisch blieben die späten sechziger und siebziger Jahre jedoch nicht folgenlos. Die Frage, ob die Bundesrepublik sich als Staatsnation konstituieren und damit ihren im Grundgesetz verankerten Provisoriumsvorbehalt preisgeben solle, beschäftigte die Intellektuellen und Politiker der Bundesrepublik gleichermaßen. Willy Brandts Diktum vom Oktober 1969, "Zwei Staaten, eine Nation", ermöglichte Bonn, mit Ost-Berlin vertraglich geordnete Beziehungen aufzunehmen und räumte dem Zusammenhalt der Deutschen als Nation den Vorrang vor dem Streben nach der Wiederherstellung eines Nationalstaates ein.[2]

In der DDR bildete die Abgrenzung von der nationalsozialistischen Vergangenheit das Fundament des von der SED propagierten staatlichen Selbstverständnisses. Die "antifaschistische Tradition" taugte zu der nicht gänzlich erfolglosen propagandistischen Negativkontrastierung der Bundesrepublik. Die DDR-Bevölkerung richtete sich in einer behaglichen Lebenslüge ein, die der Schriftsteller und Überlebende des Ghettos von Lódz', Jurek Becker, treffend beschrieb: Die DDR "erfand sich eine Geschichte, die nie stattgefunden hatte - ihre Ahnherren seien die deutschen Antifaschisten. (...) Faschismus hatte nichts mit uns, den DDR-Menschen, zu tun, auf wunderbare Weise hatten wir uns der Tatsachen entledigt. Filme über die Nazizeit waren immer Filme über den antifaschistischen Widerstand; der Schulunterricht über die Nazizeit war kein Unterricht über unsere jüngste Geschichte, er handelte stets von den Untaten dieser schrecklichen Aliens, die wir, die Antifaschisten, mit etwas Unterstützung durch die Rote Armee, besiegt hatten."[3]

Der Zweite Weltkrieg hat im polnischen kollektiven Gedächtnis einen besonderen Rang. Er markiert das Ende der von der Demokratie zur Autokratie mutierenden II. polnischen Republik. Nach dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 bildete sich ein polnischer "Untergrundstaat", der auf der "richtigen" Seite für die Befreiung kämpfte. Ein Kampf, der bitter enttäuscht wurde, da er unter dem Diktat Stalins zum Ausgangspunkt der 45 Jahre währenden diktatorischen Volksrepublik Polen geriet. Die II. Republik war nicht im Herbst 1939, sondern erst im Herbst 1944 untergegangen - nach der "doppelten" Niederlage des Warschauer Aufstands, als die letzte Hoffnung auf eine Wiederherstellung des ehemaligen Staates zunichte gemacht wurde. Nicht zuletzt deshalb kommt diesem Ereignis im kollektiven Gedächtnis der Polen und in deren Identität eine Schlüsselstellung zu - ein Ereignis, mit dem in Deutschland allzu wenige etwas anzufangen wissen und das oft mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto ein Jahr zuvor verwechselt wird.[4]

Beim Gedenken an den Zweiten Weltkrieg und den Warschauer Aufstand konkurrierten bis 1989 zweierlei Erinnerungen - die private und die offizielle: hier die ehemaligen Soldaten der Heimatarmee (AK), eines Organs der Londoner Exilregierung, mit ihren kollektiven Erfahrungen, dort die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) mit ihrem Anspruch auf das Interpretationsmonopol der Geschichte. Erst mit dem "Tauwetter" rang sich die Partei dazu durch, das individuelle Heldentum von Soldaten und Zivilisten des Warschauer Aufstands anzuerkennen, verzichtete aber weiterhin nicht darauf, die politisch Verantwortlichen zu verurteilen. Der Warschauer Aufstand blieb bis 1989 mit dem Tabu belegt, die unterlassene Hilfe durch Stalins Rote Armee für die Warschauer Aufständischen zu thematisieren. Polens inoffizielle Gegenöffentlichkeit tat seit Mitte der siebziger Jahren genau das, nährte auf diese Weise nicht nur das kollektive Gedächtnis, sondern untergrub erfolgreich die sowjetische Hegemonie als das Fundament kommunistischer Parteiherrschaft in Polen.[5]

Das Gedächtnis der Polen war unmittelbar nach dem Krieg erfüllt von dem Übermaß an Leid, das ihnen von NS-Deutschland zugefügt wurde und das nach Kompensation, nicht selten auch nach Rache verlangte. Das Selbstbild und die Sichtweise des Opfers, obgleich Polen offiziell zu den Kriegssiegern zählte, wurde durch die demütigenden Erfahrungen sowjetischer Hegemonie verstärkt und machte unempfindlich für fremdes Leid, zumal, wenn es sich um Deutsche handelte. Der Groll über die von der SS und der Wehrmacht an Polen verübten Verbrechen, gepaart mit dem für Polen so ernüchternden Kriegsausgang, entlud sich an den Deutschen. Alte, Frauen und Kinder wurden jenseits von Oder und Neiße mit der Kapitulation im Mai 1945 staaten- und rechtlos und waren stellvertretend für das "Dritte Reich" der Wut und Rache der sechs Jahre lang gepeinigten Polen ausgesetzt.[6]



Fußnoten

1.
Vgl. Jeffrey Herf, Divided Memory. The Nazi Past in the Two Germanys, Cambridge (Mass.) 1997, S. 267ff.
2.
Vgl. Aleida Assmann/Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit, Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999, S. 226ff.
3.
Jurek Becker, Mein Vater, die Deutschen und ich, in: Die Zeit vom 20.5. 1994, S. 58.
4.
Vgl. Zdzislaw Krasnodebski, Generationswandel und kollektives Gedächtnis in Polen, in: Ewa Kobylin'ska/Andreas Lawaty (Hrsg.), Erinnern, Vergessen, Verdrängen. Polnische und deutsche Erfahrungen, Wiesbaden 1998, S. 146.
5.
Vgl. Eugeniusz Cezary Król, Gespräch mit dem Vater: Über den Mythos Heimatarmee, in: Dialog, Nr. 68, 2004, S. 66.
6.
Vgl. Edmund Dmitrów, Die Bedeutung der Erinnerung für den polnisch-deutschen Dialog, in: ebd., S. 54f.