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26.1.2005 | Von:
Thomas Urban

Historische Belastungen der Integration Polens in die EU

Pläne, in Berlin ein "Zentrum gegen Vertreibungen" einzurichten, und Forderungen der "Preußischen Treuhand" haben den Sejm veranlasst, Kriegsreparationen wieder auf die politische Tagesordnung zu setzen.

Einleitung

Der Unterschied ist augenfällig: Die Regierungen in Berlin und in Warschau nennen die deutsch-polnischen Beziehungen ausgezeichnet, Publizisten beiderseits der Oder aber schreiben von Vertrauensverlust und Missverständnissen. Beide Einschätzungen sind zutreffend: Es gibt keine großen politischen Probleme zwischen Berlin und Warschau, die Zusammenarbeit der Behörden funktioniert. Doch die Rückkehr des Themas Vertreibung in den Geschichtsdiskurs der Bundesrepublik hat in Polen heftige Emotionen hervorgerufen. Janusz Reiter, in den neunziger Jahren polnischer Botschafter in Bonn, beschreibt das Klima mit dem Satz: "Die Deutschen verstehen die Polen nicht mehr, und die Polen vertrauen den Deutschen nicht mehr."[1]




Die Spannungen erstreckten sich auch auf die aktuelle Politik. Im Irak-Konflikt unterstützte die Regierung in Warschau das Weiße Haus, während Berlin sich gemeinsam mit Paris und Moskau von den USA distanzierte - die EU war gespalten. Gerade die Annäherung zwischen Berlin und Moskau brachte Kommentatoren der rechtsorientierten Presse in Polen dazu, an den Ribbentrop-Molotow-Pakt zu erinnern, der den Beginn des Zweiten Weltkrieg mit dem deutschen Angriff auf Polen erst ermöglicht hatte.

Zur selben Zeit entbrannte in Polen eine heftige Debatte über den EU-Beitritt. Die konservative Opposition vertrat die Meinung, namentlich die Deutschen wollten den Polen nur eine Nebenrolle in der EU zuerkennen, da sie vor allem an billigen Arbeitskräften interessiert seien. Die nationalistische Presse schlug wiederum den Bogen zum Zweiten Weltkrieg: Über die EU wollten die Deutschen das "Lebensraumprojekt" der Nationalsozialisten verwirklichen, Osteuropa solle unter deutscher Kontrolle stehen. In den politischen Debatten fand eine "tektonische Verschiebung nach rechts" statt, wie es der Deutschland-Experte von "Polityka", Adam Krzeminski, nannte.[2]

Dies war das politische Klima, als die Korrespondenten der Warschauer Presse begannen, über zwei Initiativen zu berichten, die in engem Zusammenhang gesehen wurden: die Pläne, in Berlin ein Zentrum zur Dokumentation von Vertreibungen zu errichten, und die Gründung der Rechtsberatungsfirma "Preußische Treuhand", über die deutsche Heimatvertriebene versuchen, ihren verlorenen Immobilienbesitz wiederzuerlangen.


Fußnoten

1.
Dialog. Deutsch-polnisches Magazin, 65 (2003/2004), S. 48.
2.
In: Kafka, (2004) 1, S. 53.