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5.1.2005 | Von:
Hans-Georg Golz

Editorial

Nach dem Ende der bipolaren Weltordnung haben sich neue Impulse für eine entideologisierte Zeitgeschichtsforschung ergeben. Können wir bereits von einer "europäischen Zeitgeschichte" sprechen, oder dominieren nach wie vor Nationalgeschichten? In der Osteuropaforschung geht es darum, die Geschichte des stalinistischen Imperiums als Teil des gesamteuropäischen Geschehens zu verstehen. Versuche, Weltgeschichte unter den Vorzeichen der Globalisierung neu zu konzipieren, sind besonders in den USA weit fortgeschritten.

Im wieder vereinigten Deutschland ist die Frage nach nationalen Geschichtsbildern in den Mittelpunkt gerückt. Abgrenzungen und Verflechtungen der beiden parallelen Nachkriegsgeschichten werden stärker erforscht. Zudem erfahren spätestens seit Günter Grass' Roman "Im Krebsgang" auch die deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs neue Aufmerksamkeit.

In diesem Heft diskutiert Richard J. Evans das spezifisch "Deutsche" der beiden Diktaturen im vergangenen Jahrhundert. Sein Befund: Während im "Dritten Reich" vor allem während des Krieges die Identifikation von Regime und Nation gelang, blieb die DDR in den Augen ihrer Bürgerinnen und Bürger stets ein Fremdstaat ohne Legitimität.

Die große Resonanz zeithistorischer Biografien und der Gedenkboom der vergangenen Jahre zeugen vom gewachsenen Interesse an Geschichte. Eine stärkere Indienstnahme der Forschung durch Geschichtspolitik ist zu erwarten. Dabei wird sich die häufig prekäre Forschungsförderung in Zeiten knapper öffentlicher Haushalte kaum verbessern. Auf europäischer Ebene bleibt das Offenhalten der staatlichen Archive - insbesondere in Osteuropa - eine wichtige Forderung.