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5.1.2005 | Von:
Richard J. Evans

Zwei deutsche Diktaturen im 20. Jahrhundert? Essay

"Drittes Reich"

In den ersten Nachkriegsjahren gab es seitens deutscher Historiker wie Gerhard Ritter den Versuch, den Nationalsozialismus als das Ergebnis des Eindringens fremder Einflüsse in die deutsche politische Kultur darzustellen. Allerdings war schon in dem berühmten Essay Friedrich Meineckes "Die deutsche Katastrophe" ansatzweise die These zu finden, dass der Nationalsozialismus einen großen Rückhalt in der deutschen Bevölkerung besessen hatte, eben deshalb, weil er auf bestimmte, weit verbreitete Vorstellungen und Traditionen in der politischen Kultur zurückgreifen konnte.

In den siebziger und achtziger Jahren fand die These eines deutschen "Sonderwegs" unter Historikern breite Zustimmung. In Deutschland, so hieß es, habe im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein autoritäres Regime geherrscht, das - anders als in den vermeintlich fortgeschritteneren, moderneren europäischen Ländern - von charismatischer Herrschaft, von einem durch die uneingeschränkte Macht der preußischen Armee geprägten Militarismus, einer starken Beamtenschaft und einem schwachen Parlament geprägt gewesen sei. Dieses autoritäre Regime habe versucht, oppositionelle Strömungen wie den Sozialismus zu unterdrücken und als Staatsfeind abzustempeln - was leicht fiel angesichts einer nur schwachen Tradition des politischen Liberalismus und eines Nationalismus, der sich allmählich in gefährlicher Weise zu Imperialismus, Rassismus und Eroberungslust entwickelte.

Während der dreißiger Jahre gewann der Nationalsozialismus nicht zuletzt deshalb eine große Anhänger- und Wählerschaft, weil er an diese Traditionen der politischen Kultur anknüpfen konnte. Zwar vermochte die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, ähnlich wie die SED, in freien Wahlen keine absolute Mehrheit für sich zu gewinnen. Aber die Bereitschaft der politischen, sozialen und kulturellen Eliten, mit den Nationalsozialisten zu paktieren, war Ausdruck weit reichender ideologischer Gemeinsamkeiten. Auch die vielen Kontinuitäten - persönliche, institutionelle, kulturelle und soziale, die vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis in die nationalsozialistische Zeit reichten - verliehen dem NS-Regime eine viel größere Legitimität, eine viel tiefere Verwurzelung im politischen Bewusstsein der Bevölkerung, als es die DDR je erreichen konnte. Selbst alte Sozialdemokraten begeisterten sich laut Berichten der Sopade, der sozialdemokratischen Exilorganisation, für außenpolitische Leistungen wie die Remilitarisierung des Rheinlandes oder den Anschluss Österreichs. Die vielen Kontinuitäten des sozialen Lebens und der sozialen Strukturen, das Fehlen einer sozialen Revolution, zumindest nach sowjetischem Muster wie später in der DDR, schien einer Mehrheit der Bevölkerung zu signalisieren, dass - zumindest bis 1939 - das Alltagsleben weiterging wie zuvor.

Trotzdem ist in der Sonderwegsdebatte jene These, welche die Besonderheiten Deutschlands im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert betont, überzeichnet worden. Viele Elemente des von Bismarck geschaffenen Deutschen Reiches konnte man mehr oder minder ausgeprägt auch in anderen Ländern beobachten. In Italien gab Garibaldi, der charismatische Anführer jenes Volksheers, das Italien 1859 einigen half, ein Vorbild für den späteren Diktator Mussolini ab. Auch in Spanien wurde - wie in Deutschland - die Armee nicht vom Parlament kontrolliert. In Italien, wie im Deutschen Reich, war sie nicht dem Parlament, sondern unmittelbar dem Souverän unterstellt. In Österreich-Ungarn waren das Beamtentum ähnlich stark und die parlamentarischen Institutionen in ihrer Macht ähnlich beschränkt wie in Deutschland. Im zaristischen Russland wurde der imperiale Gedanke auch auf die Innenpolitik und auf Russlands Beziehungen zu seinen unmittelbaren Nachbarn übertragen. Das zaristische Regime unterdrückte die Sozialisten viel gnadenloser, als es in Deutschland jemals der Fall war, und stand den deutschen Behörden in nichts nach, was den Willen zur zwangsweisen Assimilation der Polen betraf. Der Liberalismus war 1914 nicht nur im Kaiserreich, sondern in allen größeren Staaten Ost- und Mitteleuropas mit Ausnahme Böhmens schwach entwickelt. Die politischen Parteien und Gruppierungen waren in Italien noch gespaltener als in Deutschland. Die Überzeugung, dass Krieg zur Erlangung politischer Ziele gerechtfertigt sei, wurde von vielen europäischen Mächten geteilt, wie der Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914mit erschreckender Deutlichkeit zeigte. Allerdings muss man konstatieren, dass inkeinem anderen Land Europas alle diese Bedingungen gleichzeitig und in demselbenAusmaß wie in Deutschland gegeben waren.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte es die Demokratie fast überall in Europa schwer, sich zu behaupten. Verletzte Nationalgefühle, der Glaube - selbst in einer Siegernation wie Italien - den Krieg verloren zu haben, der Aufstieg eines radikalen Nationalismus, der darauf aus war, Minderheiten zu unterdrücken und Krieg als Mittel der nationalen Selbstbehauptung zu verwenden, vor allem vielleicht aber die Angst vor einer Verbreitung der bolschewistischen Revolution in Richtung Westen nährten die Verachtung für die vermeintlich schwache politische Führung der Demokratien. So wich der Parlamentarismus in vielen Ländern faschistischen, militärischen oder autoritären Diktaturen. Zwischen 1918 und 1939 kamen in Polen, Ungarn, Litauen, Estland, Lettland, Rumänien, Griechenland, Portugal, Spanien, Italien, Deutschland, Österreich und Jugoslawien autoritäre oder diktatorische Führer an die Macht, unter ihnen später so bekannte Figuren wie Mussolini, Franco, Dollfuss, Metaxas, Salazar und Pilsudski. Schon Mitte der dreißiger Jahre waren parlamentarische Demokratien eher die Ausnahmen unter den politischen Systemen auf dem europäischen Kontinent.

So war auch die Unterdrückung der persönlichen und bürgerlichen Freiheiten, die das "Dritte Reich" in Deutschland kennzeichnete, nichts Ungewöhnliches im Europa der Zwischenkriegszeit. Man könnte vielleicht einwenden, dass der Kern des nationalsozialistischen Regimes seine Rassenpolitik war. Aber auch hier, im europäischen Vergleich, ragte das "Dritte Reich" zumindest bis zum Ausbruch des Krieges nicht so deutlich heraus, wie oft behauptet wird. So war zum Beispiel der Antisemitismus, wie er von den Nationalsozialisten und der deutschen Regierung bis September 1939 propagiert und praktiziert wurde, keine einmalige Erscheinung, vor allem wenn man die antisemitische Politik anderer mittel- und ostmitteleuropäischer Länder in Betracht zieht.

In Polen, vor allem nach dem Tode des Marschalls Pilsudski und der Machtübernahme eines Militärregimes, entfaltete sich ein Antisemitismus, der mit breiter Zustimmung rechnen konnte. Von 1936 bis 1939 wurden mehr als 150 Pogrome oder gewalttätige Zwischenfälle gemeldet, wobei mindestens 350 Juden getötet und mehrere hundert verletzt wurden. Die Regierung kam dem Druck der antisemitischen, rechtsradikalen Opposition dadurch entgegen, dass sie den Anteil der jüdischen Studenten an den Hochschulen von 25 auf 8 Prozent reduzierte, jüdischen Beamten kündigte, einen Numerus clausus für jüdische Ärzte und Rechtsanwälte erließ, das Schächten verbot und 1938 weitere Maßnahmen erwog, um die jüdische Minderheit zu marginalisieren. Der Versuch der polnischen Regierung, die Zustimmung der Westmächte für eine massenhafte, forcierte Emigration der polnischen Juden zu gewinnen, war ein Hauptgrund der Einberufung der Internationalen Konferenz zur Migrationsfrage in Jahre 1938 in Evian. Zur gleichen Zeit verhandelte die polnische Regierung ohne Ergebnis mit der französischen Regierung über einen möglichen massenhaften Bevölkerungstransfer der polnischen Juden zur Insel Madagaskar, die damals französischer Kolonialbesitz war.

Unter der autoritären Herrschaft des Admirals Horthy wurde im Mai 1938 in Ungarn das so genannte Erste Jüdische Gesetz verabschiedet, wobei ein Numerus clausus für den Anteil der Juden im Berufsleben festgesetzt wurde. Kurz danach folgte das Zweite Jüdische Gesetz, worin der Anteil auf lediglich sechs Prozent festgelegt wurde und das den Juden verbot, als Lehrer, Offiziere, Beamte, Zeitungsredakteure oder Theaterintendanten zu fungieren. Anders als in Polen galten diese Gesetze auch für getaufte Juden, waren also eher rassistisch als religiös geprägt. Ähnliche Gesetze traten in Rumänien kurz vor der Machtübernahme des Königs Carol in Kraft; unter seiner 1938 etablierten Diktatur wurde bis September 1939 mindestens 270 000 von insgesamt etwa 750 000 Juden das Bürgerrecht aberkannt, und die Regierung erwog ernsthaft, eine eigene Version der Nürnberger Rassegesetze einzubringen.

Der Prozess der Entrechtung der jüdischen Minderheit ging in Deutschland zweifellos weiter als anderswo. Nur in Deutschland wurden Gesetze, die sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden verboten, tatsächlich eingeführt; nur in Deutschland wurde ein Pogrom zentral, von der herrschenden Clique, inszeniert; nur in Deutschland wurden Eigentum und Lebensunterhalt der Juden durch die so genannte Arisierung der Wirtschaft systematisch vernichtet; nur in Deutschland wurde mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung ins Ausland vertrieben. Aber das Beispiel der antisemitischen Politik des "Dritten Reichs" übte Vorbildfunktion auf die Regierungen mehrerer Nachbarländer aus.

Auch in anderen Aspekten nationalsozialistischer Politik bis September 1939 wird aus dem Vergleich mit anderen Ländern ersichtlich, dass das "Dritte Reich" während der ersten Hälfte seiner Existenz durchaus kein Unikum war. Zwar wurden zum Beispiel 50 000 Homosexuelle unter dem Paragraphen 175 des Reichsstrafgesetzbuches, zum Teil in einer verschärften Fassung, verhaftet und zwei Drittel von ihnen verurteilt; nach Verbüßung ihrer Strafe wurden sie regelmäßig sofort wieder verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. Doch polizeiliche Schikanen und die gesellschaftliche Diskriminierung von Homosexuellen gab es überall. Und selbst in der gleichfalls zwölfjährigen Periode von 1953 bis 1965 in der alten Bundesrepublik wurden fast 100 000 Männer unter dem gleichen Paragraphen vor Gericht gestellt, wovon etwa die Hälfte verurteilt wurde; zur gleichen Zeit untersuchte die Polizei in England etwa 3500 angebliche Fälle illegaler homosexueller Betätigung pro Jahr.

Die Sterilisierung so genannter Erbkranker im nationalsozialistischen Deutschland erfasste insgesamt etwa 360 000 Menschen, aber im Vergleich zur Bevölkerungszahl waren das kaum mehr als in Norwegen, wo 40 000 Menschen unfruchtbar gemacht wurden, oder in Schweden, wo 63 000 betroffen waren. Auch in Schweden waren unter anderem rassische Gründe maßgebend, die auch so genannte Zigeuner (bzw. Sinti und Roma) erfassten; im Übrigen war die meist polizeiliche Verfolgung der Zigeuner in Deutschland bis September 1939 durchaus mit ihrer Verfolgung in anderen europäischen Ländern vergleichbar, wenn auch das Einsperren in besondere Lager unter denkbar schlechtesten Umständen nur im "Dritten Reich" stattfand.