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5.1.2005 | Von:
Richard J. Evans

Zwei deutsche Diktaturen im 20. Jahrhundert? Essay

Deutsche Diktaturen?

Die Ähnlichkeiten zu anderen europäischen Staaten enden natürlich mit der weiteren Entwicklung der Politik des "Dritten Reiches" während des Zweiten Weltkriegs. Es gab keine Parallele in diesen Ländern zu der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten in den Jahren 1939 bis 1945. Selbst in Rumänien, wo es zu großen, einer Eigendynamik unterliegenden Vernichtungsaktionen gegen die Juden kam, gab es seitens der Regierung keinen Versuch, die Gesamtheit der rumänischen Juden ausnahmslos zu töten. Antisemitische Morde in anderen europäischen Ländern fanden überall unter dem starken Druck des "Dritten Reiches" statt, aber selbst ein antisemitisches, autoritäres Regime wie das ungarische weigerte sich trotz wiederholten Drängens bis zum Einmarsch deutscher Truppen, die jüdischen Bürgerinnen und Bürger Ungarns in die Vernichtungslager abzutransportieren. Mehrere Länder haben so genannte Erbkranke und Asoziale sterilisiert, aber nur das "Dritte Reich" hat sie planmäßig ermordet. Das Gleiche gilt für Sinti und Roma, für Homosexuelle und für andere Gruppen. Anders als diese Länder war das "Dritte Reich" eine führende europäische Macht, und sein Versuch, seine Vernichtungspolitik europaweit zu verwirklichen, war einmalig. Schließlich finden sich sowohl für die Ermordung von mehr als dreieinhalb Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen seitens der Nationalsozialisten und der Wehrmacht als auch für die Bereitschaft, bis zu dreißig Millionen Slawen im Falle eines gewonnenen Krieges zu töten oder verhungern zu lassen, ebenfalls keine Parallelen in der Kriegs- und Eroberungspolitik anderer Länder, auch wenn die Bedingungen der Kriegsgefangenschaft vieler deutscher Soldaten, etwa derjenigen, die in Stalingrad gefangen genommen wurden, so hart waren, dass sehr viele von ihnen nie mehr in die Heimat zurückkehrten.

Die Mordlust des nationalsozialistischen Deutschlands während des Zweiten Weltkriegs kam nicht von ungefähr. Gewalt, Gewalttätigkeit, ja ungezügelter Hass gegen den tatsächlichen oder nur vorgeschobenen Feind gehörten zu den Charakteristika des Nationalsozialismus wie die Vorbereitung und Durchführung des Krieges, der, als radikaler Rassen- und Ideologiekrieg konzipiert, das A und O der Innen- und Außenpolitik des Dritten Reiches war. Andere europäische Länder, wie z.B. Ungarn, schauten begierig auf das Territorium der Nachbarn und bereiteten die Erweiterung der eigenen Gebiete vor, die dann schon vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges als Teil der Aufteilung der Tschechoslowakei tatsächlich stattfand. Aber kein anderes Land strebte die Eroberung fast des gesamten Kontinents oder die rassische Neuordnung ganz Europas mit brutalsten und mörderischsten Mitteln an, wie es das nationalsozialistische Deutschland tat.

Wenn wir von der Vernichtungspolitik sprechen, liegt der Vergleich mit der Sowjetunion vor allem unter Stalins Herrschaft auf der Hand. Schon 1918 im Zuge des Roten Terrors wurden Arbeitslager errichtet. Oppositionelle wurden verhaftet, gefoltert, eingesperrt; im Laufe des Bürgerkrieges wurden zahlreiche Menschen in grausamster Weise zu Tode gemartert. Unter Stalins Herrschaft, vor allem nach der Ermordung Kirows im Jahre 1934, richtete sich der Terror zunehmend gegen die Bolschewiki selbst. Während der stalinistischen Säuberungen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, also zwischen 1929 und 1953, wurden nach zuverlässigen Schätzungen mehr als 750 000 Menschen hingerichtet; 2 750 000 starben in den Lagern. Die Selbstzerfleischung des stalinistischen Systems hatte keine Parallele im Nationalsozialismus; selbst die Ermordung Röhms und anderer führender Männer der SA Ende Juni/ Anfang Juli 1934 fand als Teil einer Stabilisierung des Regimes statt. Danach blieb die Führungsgruppe des "Dritten Reiches" fast bis zum Ende mehr oder minder stabil. Diejenigen, wie Blomberg, Fritsch oder Neurath, die aus ihren Ämtern gejagt wurden, durften in den Ruhestand gehen, fielen also nicht, wie es in der Sowjetunion zweifellos der Fall gewesen wäre, dem Genickschuss des Henkers zum Opfer.

Die Gewalttätigkeit der Nationalsozialisten richtete sich also hauptsächlich gegen Außenseiter, kurz, gegen Minderheiten in der eigenen und in anderen Gesellschaften, während sich die Gewalttätigkeit der Bolschewiki hauptsächlich gegen den inneren Feind richtete. Im Laufe des Krieges entfaltete die Wehrmacht außerdem eine Vergeltungs- und Abschreckungspolitik gegen die angeblich Partisanen unterstützende Zivilbevölkerung, die ihresgleichen selbst angesichts des äußerst brutalen Vorgehens der Roten Armee in den letzten Stadien des Krieges sucht. Massenmorde gab es sicher, von Katyn bis zu den Lagern des NKWD, aber sie sind nicht mit den genozidalen Massenmorden der Nationalsozialisten vergleichbar.

Entscheidend war die Tatsache, dass sich das stalinistische System im Laufe des Kriegs als vermeintliche Notwendigkeit angesichts eines unerbittlichen Feindes stabilisieren musste. Vor allem nach dem Tode Stalins wurde die Folter- und Tötungsmaschinerie, die in den späten dreißiger Jahren ihren Höhepunkt erreicht hatte, allmählich abgebaut. Die Außenpolitik der Sowjetunion nach 1945 war vor allem defensiv: Im Gegensatz zur rasenden und schließlich selbstzerstörerischen Selbstradikalisierung des "Dritten Reiches" versank die Sowjetunion in der zweiten Phase ihrer Existenz in eine starre, verkalkte Routine. Sie war nicht mehr reformfähig und nur noch darauf gerichtet, das System aufrechtzuerhalten und gegen die Verlockungen des Kapitalismus zu verteidigen.

Die Geschichte der DDR gehört zu dieser zweiten, stabilen Phase der Geschichte des Sowjetkommunismus, auch wenn Ulbricht und mehrere seiner Genossen bereits in den Säuberungen der Zwischenkriegszeit eine zwielichtige Rolle gespielt hatten. Deshalb ist die DDR für den Vergleich zwischen rechts- und linkstotalitärer Diktatur wenig tauglich, denn es fehlte ihr weitgehend die Dynamik, die zum Totalitarismus gehört, eine Dynamik, die in der Sowjetunion der dreißiger Jahre noch so bemerkenswert war. Mit anderen Worten: Der Vergleich zwischen zwei Herrschafts- und Gesellschaftssystemen muss auch ein historischer Vergleich sein, er muss die veränderten Umstände, die das Jahr 1945 brachte, in Betracht ziehen, er muss dem Einfluss der kollektiven Erinnerung an die nationalsozialistische Zeit auf die spätere (SED-)- Diktatur gerecht werden.

In gewissem Sinne existierte die DDR überhaupt nur deshalb, weil die Sowjetunion eine Wiederholung des nationalsozialistischen Krieges fürchtete. Der Krieg ist schließlich der Faktor, der den Vergleich der beiden Diktaturen, die auf deutschem Boden errichtet wurden, am meisten erschwert. Das Fehlen fast jeglichen Widerstandes der Bevölkerung der DDR gegen den Untergang ihres Staates steht in bemerkenswertem Kontrast zur Beharrlichkeit des Weiterkämpfens der Bevölkerung des "Dritten Reiches" auch in den letzten, hoffnungslosen Monaten des Zweiten Weltkrieges.

Das "Dritte Reich" legitimierte sich unter anderem dadurch, dass es sich mit der gesamten deutschen Nation identifizierte: Eher Patriotismus als nationalsozialistische Überzeugung war es, was viele Deutsche dazu motivierte, den Krieg wenn nicht zu begrüßen, sodoch bis zum Ende durchzustehen. Sie kämpften nicht nur für Hitler, sondern auch, vor allem in den späteren Kriegsphasen, für Deutschland. Es gelang den Nationalsozialisten, ihre Interessen als weitgehend identisch mit den Interessen der Deutschen überhaupt darzustellen. Der DDR-Elite hingegen sollte es nie gelingen, für ihre Diktatur breite Legitimität zu gewinnen, und schon gar nicht, ihren Staat als Sachwalter der Interessen der deutschen Nation zu legitimieren.